Getreu der Dezentralisierungsphilosophie der Jentzsch-Brüder ist das Investmentfirma-Programm in einer neuen Form von Peer-to-Peer-Netzwerk abgespeichert, der Ethereum-Blockchain. Das Prinzip ist von Bitcoin bekannt: Es handelt sich schlicht um ein gewaltiges Register, das wie das Kontobuch einer Bank oder ein großes Excel-Dokument automatisch alle Aktionen seiner Nutzer verzeichnet. Während es bei der Bitcoin-Blockchain um die Überweisungen von digitalem Geld geht, die jeder angeschlossene Rechner aufzeichnet, damit niemand betrügen kann, hat Ethereum den Handlungsspielraum erweitert. Die Ethereum-Blockchain ist dafür geschaffen, dezentral komplexe Handlungen auszuführen. Richtige Programme. Beispielsweise die Vertragsprogramme, aus denen die DAO besteht. Die Ethereum-Währung Ether dient hierbei als eine Art Lastwagen für Informationspakete.

Der Vorteil jeder Blockchain: Sie ist äußerst hartnäckig. Fällt ein Rechner aus, führen Tausende oder sogar Millionen andere weltweit die Arbeit fort. Um Programme oder auch Geld im Netzwerk zu verorten, werden Zahlen- und Buchstabencodes wie jener der DAO erstellt. Sie dienen als anonyme Nummernkonten.

Die neue Firma ist damit auf den ersten Blick unangreifbar. Sie ist in keinem Land registriert und unterliegt nach Ansicht der Entwickler deshalb auch keiner Gesetzgebung und Regulierung. Gleichzeitig ist im technisch absolut transparenten Blockchain-Netzwerk zwar jederzeit sichtbar, welches Nummernkonto wann wie viel Geld an welche andere Adresse geschickt (oder irgendeine sonstige Aktion ausgeführt) hat. Aber es ist eben nicht auf den ersten Blick bekannt, wer die Person hinter einem Nummernkonto ist.

Das größte Crowdfunding der Geschichte

Sinnigerweise kann man sich in die neue Investmentfirma nur mit der Digitalwährung Ether einkaufen, die auf anonymen Nummernkonten basiert. So ist also nicht sofort erkennbar, wer genau die Investoren sind. Totale Transparenz plus totale Anonymität, das versuchen die Blockchain-Jünger zu vereinbaren. Wobei die erfolgreichen Ermittlungen gegen Geldwäscher, die ihre Spuren mit noch so verschachtelten Bitcoin-Überweisungen verwischen wollten, allen Anonymitätssuchenden eine Warnung sein sollten. 

Das Interesse am vollelektronischen Start-up ist gewaltig. "Wir hatten nie mit dieser Größenordnung gerechnet", sagt Christoph Jentzsch. Ether im momentanen Wert von mehr als 144 Millionen US-Dollar sind in noch nicht ganz vier Wochen eingeflossen. Es ist damit bei Weitem das größte Crowdfunding der Internetgeschichte. Zuvor lag der Rekord bei 114 Millionen US-Dollar für ein Videogame. Bei Kickstarter liegt er bei schlappen 20 Millionen. Facebook hat mehr als drei Jahre gebraucht, um auf eine ähnliche Start-up-Finanzierung zu kommen wie die DAO in wenigen Tagen.

Und aus Sicht von Staaten und Steuerbehörden sind die legendären Briefkastenfirmen in Panama im Vergleich mit der DAO so retro wie ein Grammophon zu Soundcloud.

Niemand soll die DAO regulieren oder zerschlagen können

Zumindest in der Theorie der Entwickler haben nicht nur Staaten keinen Zugriff auf die neue Firma, falls man sie überhaupt so nennen kann. Möglicherweise kann überhaupt niemand sie stoppen. Darauf ist Jentzsch stolz. The DAO sei nicht nur dezentral, sondern eben "autonom". Der Code lege fest, dass es keinen Chef gebe: "Niemand ist in der Lage, der Organisation den Stecker zu ziehen und ihren Betrieb einzustellen". Nicht einmal die Erschaffer selbst. "Nur wenn alle Token-Inhaber einstimmig entscheiden, den Betrieb einzustellen, wird die DAO geschlossen." Im Falle einer größeren Uneinigkeit in der Versammlung der Stimmrechtsinhaber würden automatisiert Abspaltungen erzeugt – und so entstünden ähnlich einer Zellteilung neue DAOs, gefüllt mit dem Geld der abtrünnigen Subgruppen.

Damit könnten die Sachsen einem langgehegten Traum der Blockchain-Gemeinde aus radikal-libertären, staatskritischen Codern zum Durchbruch verhelfen. Dem Traum von der Verselbstständigung des Kapitalismus. Klassisches Beispiel: Selbstfahrende Taxis, die sich selbst gehören und Reparaturen oder sogar Expansion durch ihre Erlöse finanzieren. Inspiriert ist das ganze durch Ethereum-Vordenker Vitalik Buterin. Er sagt, ihn habe der Science-Fiction-Roman Daemon des US-Bestseller-Autoren Daniel Suarez beeinflusst, in dem eine dezentral abgespeicherte Roboterfirma beschrieben wird, geführt von einer künstlichen Intelligenz: Daemon.

In der DAO entscheiden allerdings Menschen. Der Firma können auf elektronischem Weg Vorschläge zur Finanzierung von realen Firmen oder auch gemeinnützigen Organisationen zugesandt werden. Diese werden von menschlichen "Kuratoren", darunter einige der wichtigsten Ethereum-Entwickler, kurz auf formale Korrektheit geprüft. Dann werden sie in einem mindestens zweiwöchigen Abstimmungsvorgang allen Stimmrechtsinhabern vorgelegt. Real auszahlend ist eine Schweizer Firma in Neuenburg, geführt von einem Schweizer Piraten-Politiker.

Slock.it-Berater und Ethereum-Blockchain-Mitentwickler Gavin Wood erwartet, dass sich bei den Abstimmungen eine Art Parlament bilden könnte, mit Parteien und Gruppierungen. "Je nachdem wie man es ansieht, ist die DAO nicht eine Firma, sondern ein Staat." Schon in seinem Konzeptpapier verweist Christoph Jentzsch auf die Liquid-Democracy-Technik der Piratenpartei. Allerdings wäre die DAO eine Demokratie, in der man um so mehr Stimmen hat, je vermögender man ist.