Entwicklerkonferenzen sind die neuen Popkonzerte, jedenfalls im Silicon Valley. Dieser Eindruck erschlich uns schon vergangenes Jahr, aber auf der diesjährigen Google I/O passte dann auch der Veranstaltungsort: Erstmals hielt Google die Keynote seiner Entwicklerkonferenz nämlich nicht in San Francisco, sondern im Shoreline Amphitheatre nahe dem Unternehmenssitz in Mountain View. Dort, wo sonst Musiker und Künstler unter freiem Himmel auftreten, begann Google mit einem DJ und Livemusik seine größte Show des Jahres.

"Wir wechseln nach zehn Jahren die Location, weil wir an einem Wendepunkt in Googles Geschichte angekommen sind", sagte der neue Google-CEO Sundar Pichai zum Auftakt. Vergangenes Jahr hatte er den Posten übernommen, als Google in den neuen Mutterkonzern Alphabet integriert wurde. In dieser Hinsicht ist also tatsächlich alles neu bei Google. Revolutionäres verkündete Pichai aber nicht. Die Verantwortlichen von Google griffen zwar viele verschiedene Bereiche auf, die am Ende aber doch alle wieder die beiden Kerngeschäfte betrafen: Big Data und mobile Geräte.

Google Home ist ein Assistent fürs Eigenheim

Traditionell sorgt neue Hardware für die meisten Schlagzeilen, und deshalb ließ Google damit auch nicht lange auf sich warten. Mit Google Home präsentierte das Unternehmen am Mittwoch einen vernetzten, sprachgesteuerten Lautsprecher. "Wir müssen dem Team bei Amazon für den Ansatz danken", sagte Pichai in einer ungewöhnlichen Geste der Anerkennung, nur um gleich anzufügen, dass Google Home doch besser sei als Amazons Echo.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Geräte kaum. Google Home ist etwas größer als ein Handteller, die Unterseite des Zylinders kann durch verschiedene Farben ausgetauscht werden, auf der Oberseite sind mehrere farbige LEDs. Per WLAN verbindet sich das Gerät mit dem Internet und dem Google-Account der Nutzer. Knöpfe oder eine Fernbedienung gibt es nicht, denn Home funktioniert ausschließlich per Spracheingabe oder über ein verbundenes Smartphone.

So ist es möglich, Musik zu streamen oder Filme auf einen Smart-TV zu übertragen, mit anderen kompatiblen Geräten aus dem Internet der Dinge zu kommunizieren und natürlich Aufgaben zu erledigen. Im Gegensatz zu Echo sollen zudem mehrere Home-Lautsprecher zusammenarbeiten können. Preise erwähnte Google nicht, das Gerät soll nicht vor Herbst auf den Markt kommen.

So sieht Google Home, der smarte Lautsprecher, aus. © Justin Sullivan/Getty Images

Mit Home will Google nicht bloß Amazon Konkurrenz machen und ein Hi-Fi-System für die Wohnzimmer anbieten. Im Kern geht es um die Software, mit der Home läuft, allen voran die künstliche Intelligenz, die auf die Eingaben der Nutzer reagiert und von ihnen lernt. Ziel sei es, dass jeder Nutzer sein eigenes, individuelles Google bekommt, sagt Pichai. Bisherige Dienste wie der Knowledge Graph und Google Now, die Spracherkennung und Übersetzung sollen künftig noch enger zusammenarbeiten, damit aus der Google-Suche ein persönlicher Google-Assistent wird.

Allo und Duo: zwei neue Google-Apps

Persönlich, assistierend, lernfähig – das sind drei aktuelle Buzzwords aus dem Silicon Valley. Ein viertes wäre Messaging, und auch hier folgt Google der Konkurrenz, allen voran der von Facebook. Nachdem das soziale Netzwerk kürzlich auf seiner Entwicklerkonferenz F8 Chatbots für den Facebook-Messenger vorstellte, will auch Google künftig mit "smarten Messengern" punkten. Dazu stellte das Unternehmen nicht bloß eine, sondern gleich zwei neue Apps vor: Allo und Duo.

Allo ist zunächst eine Chat-App im klassischen Sinne. Wie WhatsApp oder der Facebook-Messenger verknüpft sie sich mit dem privaten Adressbuch, unterstützt Emojis, einen Slider zur Veränderung der Schriftgröße, um "Emotionen besser rüberzubringen", und natürlich verschiedene Medien. Die Besonderheit aber soll die Verbindung mit dem erwähnten Google-Assistenten sein. Ebenso wie Google Home lernt nämlich auch Allo von seinen Nutzern: Wer häufig gleiche Antworten eintippt, bekommt diese früher oder später automatisch vorgeschlagen. Erkennt die Software auf einem Bild etwa einen Hund, bietet sie Antworten wie "Oh, der ist aber süß" an. Hier soll die im vergangenen Jahr vorgestellte automatische Bilderkennung von Google zum Tragen kommen.

Gleichzeitig soll Allo auf den Kontext der Nachrichten reagieren. Auf die Frage, ob man essen gehen sollte, liefert Allo den Gesprächspartnern Restaurantempfehlungen, deren Tische sich dann auch gleich aus dem Chatfenster heraus reservieren lassen. Wie in Facebooks Messenger sollen Drittunternehmen ihre Dienste in Allo integrieren können. Auch Spiele, etwa ein Emoji-Quiz, soll es geben, wenn die App demnächst für Android und iOS erscheint. Zur Datensicherheit der Nutzer soll Allo eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung unterstützen. Überhaupt erwähnte Google an mehreren Stellen der Keynote die Sicherheit seiner Produkte – möglicherweise eine Reaktion auf die jüngste Debatte zwischen den Behörden und Technikunternehmen.

Ende von Hangouts?

Die zweite neue App heißt Duo und sie ist spezieller. Duo ist nämlich in erster Linie für Videotelefonie gedacht. Die Verantwortlichen legten während der Präsentation folglich das Augenmerk auch auf hohe Bildqualität und kurze Verzögerungszeit. Berechtigterweise fragten während der Konferenz einige Experten auf Twitter, ob das nun das Ende von Google Hangouts bedeute. Und wie viele Messenger Google eigentlich noch herausbringen wolle. Kürzlich hat man nämlich auch der YouTube-App eine Chatfunktion spendiert.