Es ist keine gute Woche für Apple. Erst erklärt Sascha Lobo in seinem re:publica-Vortrag iTunes zur schlimmsten Software des Planeten, "noch vor XKeyScore von der NSA". Dann geht der Bürgermeister von Cupertino an die Öffentlichkeit – zum Guardian – und beschwert sich, Apple zahle in seiner Heimatstadt viel zu wenig Steuern. Und dann geht auch noch der Blogpost eines gewissen James Pinkstone durchs Netz, über sein Albtraumerlebnis mit Apple Music.

Kurzfristig dürfte dieser Blogpost Apples größte Sorge sein, denn er lässt das Unternehmen und insbesondere seinen Musikstreamingdienst in einem denkbar ungünstigen Licht erscheinen. Um es gleich vorneweg zu sagen: Wahrscheinlich ist Pinkstone selbst nicht ganz unschuldig. Trotzdem hat Apple ein Problem.

Pinkstone schreibt, Apple habe seine Musiksammlung gestohlen. Genauer: Apples Software habe seine persönlichen Dateien von seiner MacBook-Festplatte gelöscht. 122 Gigabyte Musikdateien.

Das sogenannte Matching ist tückisch

Seinen Angaben zufolge begann das Drama mit der Anmeldung bei Apple Music. iTunes habe danach die Sammlung aus MP3- und WAV-Dateien auf dem MacBook durchsucht, mit Apples eigener Datenbank abgeglichen (Matching heißt das) und dann ohne weitere Nachfrage alles von der Festplatte gelöscht, was es auch auf Apples Servern gefunden hat. Dateien, die iTunes nicht kannte, lud die Software zunächst auf Apples Server hoch, um sie anschließend von der Festplatte zu entfernen. Und das waren einige, denn Pinkstone ist unter anderem Komponist und hat viele Musikstücke selbst erstellt.

Vier große Probleme ergeben sich daraus, schreibt Pinkstone:

  • Erstens kann er die Stücke aus seiner Sammlung nur noch auf dem MacBook hören, wenn er eine WLAN-Verbindung hat. Dann werden sie von Apples Servern gestreamt.
  • Zweitens hat iTunes nicht alle Stücke korrekt erkannt und bestimmte, seltene Versionen von Songs durch andere ersetzt. Für diese Schwäche ist die Matching-Software schon länger berüchtigt.
  • Drittens hat Pinkstone zwar die Option, jede Datei wieder aus der Apple-Cloud herunterzuladen. Das aber würde laut seiner Berechnung 30 Stunden dauern.
  • Viertens hätte er dann trotzdem nicht seine ursprüngliche Sammlung zurück. Denn er hatte zahlreiche Dateien im WAV-Format. Apple aber konvertiert das Format immer in eine komprimierte, also minderwertige AAC-Datei um.

Lösung: Apple Music kündigen

Pinkstone hat wenige Chancen, Apple zur Rechenschaft zu ziehen. Die Nutzungsbedingungen, denen er zugestimmt hat, ohne sie ernst zu nehmen oder vollständig zu lesen, schließen jede Haftung für verlorene oder nicht mehr zugängliche Dateien aus. Zu seinem Glück hatte er einige Wochen zuvor eine Datensicherung vorgenommen. In diesem Backup sind alle Musikdateien enthalten.

Damit das Gleiche nicht erneut passiert, müsste Pinkstone allerdings sein Apple-Music-Abo kündigen und sicherstellen, dass iCloud keine automatischen Sicherungskopien seiner Musikdateien mehr vornimmt. Denn wer sein Abo kündigt, verliert 30 Tage später den Zugriff auf alle Songs in seiner iCloud Musikbibliothek. All das habe ihm eine Apple-Mitarbeiterin am Telefon erklärt, schreibt Pinkstone.

Die Geschichte um die beinahe verlorene Musiksammlung verbreitete sich schnell, die klärende Antwort einer auf Apple spezialisierten Bloggerin namens Serenity Caldwell weniger.

Apples missverständliche Warnung

Caldwell schreibt, Apple lösche auf keinen Fall ungefragt Dateien. Jedenfalls nicht auf dem primären, also hauptsächlich genutzten Mac eines Nutzers. Der Abgleich mit Apples eigenem Musikbestand finde zwar statt, aber anschließend habe der Nutzer zwei Sammlungen: die lokal gespeicherte Originalsammlung und eine Kopie in der iCloud Musikbibliothek, in der WAV-Dateien umgewandelt sind und in der es durchaus zu Fehlern kommen kann, weil zum Beispiel Live-Versionen von Songs durch Studioaufnahmen ersetzt wurden.

Kompliziert werde es erst, wenn man die in der iCloud hinterlegte Sammlung auf ein Gerät herunterladen möchte, um sie streamen zu können. Dazu müsse man in iTunes die lokal gespeicherten Dateien löschen. Es erscheint diese missverständliche Warnung:

Wer an dieser Stelle die vorausgewählte Option Delete Song klickt, verliert tatsächlich jede Zugriffsmöglichkeit auf die Datei, auf allen seinen Apple-Geräten. Caldwells Theorie zufolge ist Pinkstone genau das passiert, weil er nicht verstanden hat, dass die lokale Version – also sein Original – dabei endgültig gelöscht wird.

Die andere anklickbare Option ist zwar besser, aber auch nicht ganz harmlos. Wer Remove Download anklickt, verschiebt damit die lokal gespeicherte Version einer Datei in den Papierkorb. Der Verweis bleibt in iTunes erhalten, abgespielt wird die Musik dann aber aus der iCloud. Endgültig gelöscht wird die lokal gespeicherte Datei erst, wenn man den Papierkorb leert.

Apples Dienste sind nicht so intuitiv wie ein iPhone

Die Lehre aus Pinkstones Erlebnis: Wer Apple Music, beziehungsweise die iCloud Musikbibliothek, nutzen will, sollte vorher – vorher – unbedingt eine Sicherungskopie seiner Dateien auf seinem Mac oder besser noch auf einer externen Festplatte anlegen.

Für Apple ist der Vorfall weniger wegen der Negativ-PR wichtig, sondern aus einem anderen Grund. Das Unternehmen wird in Zukunft erheblich mehr von den Einnahmen aus seinen Diensten abhängen, wenn der Absatz seiner Hardware nachlässt.

Der Gradmesser dafür sind die iPhone-Verkäufe, der mit Abstand wichtigsten Einnahmequelle von Apple. Im zweiten Quartal 2016 verzeichnete das Unternehmen erstmals einen Rückgang bei den iPhone-Verkäufen im Vergleich zum Vorjahresquartal. Der Effekt muss nicht von Dauer sein, schon das für den Herbst erwartete iPhone 7 könnte ihn vorübergehend wieder vergessen machen. Aber der Markt insbesondere für Highend-Smartphones ist einigermaßen gesättigt, die Wachstumsraten der Vergangenheit wird kein Unternehmen dauerhaft halten können.

Kein Wunder, dass Apple sich bemühte, die wachsenden Erlöse aus seinen Diensten hervorzuheben. Doch die Dienste müssen genauso intuitiv bedienbar sein wie Apples Geräte, insbesondere das iPhone, damit sie konkurrenzfähig sind. Pinkstones Erlebnis zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei Apple an dieser Stelle ist. Einen ersten Schritt will das Unternehmen im Juni machen. Auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC will es angeblich eine verbesserte Version von Apple Music vorstellen.

Update: In einer früheren Version dieses Artikel haben wir die Erklärung von Serenity Caldwell und die Warnmeldung von Apple selbst fehlinterpretiert. Den entsprechenden Absatz haben wir umformuliert.