Am Tag nach dem britischen EU-Referendum schrieb die Washington Post, die Briten hätten nur Stunden nach der Abstimmung, "wie wahnsinnig" danach gegoogelt, was die EU ist. Auch andere Medien haben darüber berichtet, welche Suchanfragen die Briten zum Brexit und der EU stellen. So auch wir von ZEIT ONLINE. Wir alle beziehen uns dabei auf die Daten von Google Trends, ein kostenloser Service, der Echtzeit-Suchanfragen auswertet und Suchtrends visualisiert.

In den letzten Tagen haben verschiedene Autoren die Interpretation dieser Daten kritisiert. Der Vorwurf lautet, die Medien hätten sie aus dem Kontext gerissen und würden die britischen Wähler als unwissende Ignoranten darstellen, die sich erst nach dem Referendum mit den möglichen Folgen ihrer Entscheidung beschäftigen. Der eine Teil der Wahrheit: Die Briten haben nach dem Referendum tatsächlich gegoogelt, was die EU ist. Aber: Sie haben es auch schon vorher getan.

Die Auflistung der Top-5-Suchfragen zur EU beispielsweise sagt uns nicht

  • wie häufig die Fragen bei Google eingetippt wurde,
  • wie häufig sie im Vergleich zu einem früheren Zeitraum gesucht wurden,
  • ob es ein anderes aktuelles Thema gibt, das viel häufiger gesucht wird,
  • ob genau diese Formulierungen oder ähnliche gesucht wurden
  • oder um wie viel mehr nach Frage 1 im Vergleich zu Frage 5 gesucht wurde.

Die Liste sagt uns nur, dass die Briten auch nach der Abstimmung noch erfahren wollen, was die EU ist. Es handelt sich um eine reine Rangliste von Suchanfragen zu einem bestimmten Thema in einem bestimmten Zeitraum. Immerhin eine Auflistung mit Unterhaltungswert. Ein neuer Trend ist hieraus nicht abzulesen.

Die Washington Post schrieb auch, die Google-Suchen für die Frage "Was passiert, wenn wir die EU verlassen", hätten sich nach der Brexit-Entscheidung mehr als verdreifacht. Um einschätzen zu können, wie hoch der Peak tatsächlich ist, muss man die Google-Trend-Daten in Beziehung zu anderen Themen und über einen längeren Zeitraum betrachten. Natürlich suchen mehr Menschen nach "Porno" oder "Fußball-EM". Vergleiche sind nur dann aussagekräftig, wenn sie sich auf thematisch ähnliche Suchbegriffe beziehen.

Richtig spannend werden die Daten, wenn man ihnen konkrete Angaben zur Höhe des Suchvolumens zugrunde legt und sie mit den Suchvolumina vor dem EU-Referendum vergleicht. Das Problem ist nur: Das können wir nicht. Denn Google gibt uns keine genauen Daten hierzu.

Der Autor Steve Patterson schlägt vor, mit den Daten von Google AdWords zu arbeiten. Mit dem kostenlosen Tool können Unternehmer ihre Anzeige für die Google-Suchergebnisse planen. Der in AdWords integrierte Keyword Planner gibt die durchschnittlichen monatlichen Anfragen zu einem Suchbegriff oder Kombinationen von Suchbegriffen an. Das Suchvolumen lässt sich anzeigen für bestimmte Sprachbereiche, Länder oder Landesteile. Patterson hat für die Suchkombination "What is the EU" einen monatlichen Durchschnittswert von 8.100 Suchanfragen in Großbritannien ermittelt.

© Screenshot Google AdWords

Allerdings ist dies ein gerundeter Wert. Laut den SEO-Consulting-Gurus von Moz gruppiert AdWords Suchbegriffe und gibt für diese einen bestimmten Schwellenwert an monatlichem Suchvolumen aus. Demnach gibt es 85 solcher Schwellenwerte. Wird ein bestimmtes monatliches Suchvolumen angezeigt, heißt das, der entsprechende Suchbegriff befindet sich einfach dichter an diesem Schwellenwert als an dem nächsthöheren. Beispielsweise liegt eine Schwelle bei 201.000 monatlichen Suchanfragen, die nächste dann bei 246.000. Die Differenz ist also so hoch, dass es unmöglich ist, eine genaue Aussage zu machen. Wir wissen also nicht, ob im Mai in Großbritannien tatsächlich 8.100 Mal "What is the EU" gesucht wurde.

Bei den angegebenen Suchvolumina in AdWords geht es darum, den Anzeigenkunden ein Gefühl dafür zu geben, ob eine Kampagne, die auf bestimmte Suchbegriffe abzielt, erfolgreich sein kann. Wir können nicht davon ausgehen, dass die angezeigten Werte den tatsächlichen Suchvolumina entsprechen. Für eine Analyse von Echtzeit-Suchdaten eignet sich AdWord jedenfalls nicht.

Für eine unterhaltende Aussage zu aktuellen Suchtrends ist Google Trends das richtige Tool. Man muss die Daten allerdings einordnen können.