Bei Google haben sie sich offenbar einen großen Spaß daraus gemacht, Apple in den Tagen vor der Entwicklerkonferenz WWDC maximal zu trollen.

Erst veröffentlichte Google am vergangenen Dienstag die App Motion Stills für iOS, die aus den meist verwackelten Live Photos saubere GIFs macht. So eine App hätte Apple selbst längst anbieten müssen, um aus seinem gehypten iPhone-Kamerafeature endlich eine sinnvolle Anwendung zu machen.

Nur einen Tag später gab Google eine Version seiner Machine-Learning-Software TensorFlow für iOS frei. Damit können iOS-Entwickler Apps bauen, die auf Googles künstlicher Intelligenz (KI) beruhen. Apple selbst hat bisher nichts vorgestellt, was da mithalten könnte.

Am Donnerstag kam – bestimmt ganz zufällig – heraus, dass Google-Mitgründer Larry Page an zwei Unternehmen beteiligt ist, die fliegende Autos entwickeln. Fliegende Autos!

Apple hingegen gab kurz vor Beginn der WWDC bekannt, dass es im App Store für iOS bald Abomodelle und Werbung in der Suche gibt. Und wenn Nutzer einen Dienst länger als zwölf Monate abonnieren, senkt Apple seine Beteiligung an den Einnahmen von 30 auf 15 Prozent. In den Worten von Homer Simpson: laaaangweilig! Zumal es nur wenige Stunden später hieß (wenn auch bislang nur inoffiziell), dass Google das gleiche tun werde, sogar ohne die Zwölf-Monate-Beschränkung. 

Die Fachwelt erwartet etwas Großes mit KI

Kommt da noch was, Apple? Oder wird die WWDC 2016 die unspektakulärste Entwicklerkonferenz, die das Silicon Valley seit Langem erlebt hat? Am Montag ab 19 Uhr deutscher Zeit werden Apple-CEO Tim Cook und seine Topmanager diese Frage beantworten. Apple hat für die Keynote das große Bill Graham Civic Auditorium in San Francisco gemietet, wie schon bei der Vorstellung des iPhone 6s im vergangenen Herbst. Der Saal fasst 7.000 Menschen, denen muss das Unternehmen etwas bieten.

Muss? Das ist Ansichtssache. Die Erwartungen jedenfalls aus der Techjournalismus-Blase an Apple sind fast schon dreist. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen: Weil Microsoft, Facebook und zuletzt Google auf ihren Entwicklerkonferenzen ein neues Computerzeitalter mit künstlicher Intelligenz (KI) und superhilfreichen, alles wissenden Chatbots ausgerufen haben, müsse Apple das jetzt auch tun.

Beispielhaft zeigt sich das im Beitrag des ZDNet-Chefredakteurs Larry Dignan. "Apple hat sich in eine Big-Data- und KI-Ecke manövriert und ist hinter Amazon, Google und andere zurückgefallen", heißt es da, "es ist Zeit für einen neuen Pakt zwischen Apple und seinen Kunden, für ein KI-Comeback." Dignan fordert Apple auf, das Thema Privatsphäre weniger dogmatisch zu sehen und lieber das grenzenlose Vertrauen seiner Kunden zu nutzen, um irgendwas mit Siri, KI und Nutzerdaten zu machen. Auf Prinzipien pfeifen as a service, sozusagen.

Dignan und andere wollen etwas Großes sehen, etwas Spektakuläres. Vielleicht sind sie auch angestachelt von Analysen wie dieser, laut der Apple mehr Geld denn je in die Entwicklung neuer Produkte steckt als je zuvor, was nur bedeuten könne, dass eine radikale Neuausrichtung bevorstehe. Dass die möglicherweise noch Jahre dauern wird, dass es Apple vielleicht erst einmal wichtiger ist, den Entwicklern etwas Handfestes zu geben als etwas Virtuell-Visionäres – geschenkt.