Wo Frösche sind, da sind auch Rechte – Seite 1

Es war einmal ein Frosch und der Frosch war grün und seine Lippen rot und seine Augen riesig. Pepe war sein Name und er lebte als Meme im Internet, in abseitigen Foren und Communitys, auf Twitter und auf Facebook. Die Menschen mochten Pepe und verkleideten ihn per Photoshop, ließen ihn mit der Popkultur flirten und mal traurig gucken, mal heiter grinsen. Das Netz war gut zu Pepe. Bis jetzt.

Am Dienstag hat die amerikanische Anti-Defamation League, die sich gegen die Diffamierung von Juden einsetzt, Pepe in ihre Datenbank der Hasssymbole aufgenommen. "Die Verwendung von Pepe-Memes in rassistischen Kontexten nimmt zu", heißt es in der Begründung. Zwar sei natürlich nicht jede Person, die Pepe im Netz postet, ein Rassist oder Antisemit. Aber eine Gruppe Internetnutzer habe sich das Meme mittlerweile für ihre Zwecke angeeignet.

Zu diesen Nutzern zählen unter anderem rechtslastige Unterstützer des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Vor zwei Wochen erschien ein Beitrag auf der Website seiner Konkurrentin Hillary Clinton, in dem Pepe als ein Symbol der White-Supremacy-Bewegung bezeichnet wird. Gleichzeitig verweist der Artikel auf ein Bild, das einer von Donald Trumps Söhnen auf Instagram teilte: Es zeigt Trump mit einigen konservativen Unterstützern – und einem Pepe mit Trump-Frisur. Das zeige, so heißt es aus dem Clinton-Lager, wie sich die Trump-Kampagne den Frosch und damit rechte Propaganda zu ihren Nutzen macht.

Von 4chan in den Mainstream

Aber der Reihe nach. Pepe tauchte erstmals im Jahr 2005 im sozialen Netzwerk MySpace auf. Der Comiczeichner Matt Furie hatte ihn als Teil einer Comicserie entworfen. Es dauerte nicht lange, bis er von MySpace den Weg zu 4chan fand. Die berüchtigte, da weitestgehend anonyme und unkontrollierte Onlinecommunity ist der Entstehungsort vieler bekannter Memes. Schnell wurde das Ursprungsbild von den 4chan-Nutzern aufgegriffen, verändert und in den verschiedensten Situationen eingesetzt. Er wurde mit Serienfiguren gekreuzt, in Minecraft erstellt und hatte mit "feels good man" seine eigene Catchphrase. Pepe war flexibel einsetzbar, das machte ihn so beliebt.

In den folgenden Jahren feierte der glubschäugige Frosch ein beständiges, wenn auch nicht übermäßig bekanntes Dasein im Internet. Das änderte sich im Frühjahr 2015, als die Suchanfragen nach "sad frog" und "pepe the frog" plötzlich stark anstiegen. Unter anderem hatten die Popstars Katy Perry und Nicki Minaj Bilder mit dem Frosch in den sozialen Netzwerken geteilt. Pepe war plötzlich Mainstream und am Ende des Jahres war er das meistgeteilte Meme auf Tumblr.

Trotz des scheinbaren Durchbruchs war Pepe weniger Wert – jedenfalls in den Augen der 4chan-Community und all jener, die ihn seit Jahren verwendet hatten. Dass nun ausgerechnet Tumblr, das de-facto-Netzwerk der sogenannten Normies, der normalen, langweiligen Internetnutzer, das Meme für sich entdeckte, gefiel ihnen nicht. Denn wird ein Meme erst einmal von den Normies oder den Mainstream-Medien entdeckt, ist es den Gesetzen der Mikro-Meme-Ökonomie zufolge praktisch tot. Je inflationärer der Gebrauch, desto unlustiger das Ergebnis.

Pepe aber starb nicht. Er machte auch nicht so weiter wie zuvor. Er verwandelte sich stattdessen von einem beliebten und vergleichsweise unschuldigen Meme hin zu einem rechtspolitischen Maskottchen – mit der Unterstützung der gleichen Internetnutzer, die ihn ursprünglich bekannt machten.

Die Alt-right-Bewegung entdeckt Pepe

So beschreibt es jedenfalls ein Artikel des Onlineportals The Daily Beast aus dem Mai. Ein 4chan-Nutzer erklärte der Autorin, dass er und einige Verbündete in den vergangenen Monaten ganz bewusst Pepe-Bilder mit Nazi-Propaganda versahen. Um ihn von den Normies zurückzuerobern, wollten sie ihn gesellschaftlich inakzeptabel machen. Und so tauchte plötzlich immer öfter Pepe mit Hakenkreuzen oder rassistischen und antisemitischen Sprüchen in den sozialen Netzwerken auf.

Ab dann dauerte es nicht lange, bis der rechte Flügel der Trump-Kampagne das Meme für sich entdeckte. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte Alt-right-Bewegung, die Alternative Rechte, die Donald Trump in seinem Wahlkampf unterstützt. Alt-right ist noch ein vergleichsweise junger Begriff für eine rechtskonservative, vorwiegend männliche, identitäre Bewegung. Zwar grenzen sich deren Unterstützer gerne von Rassisten und Nazis ab. Dennoch gibt es in der Bewegung offen homophobe, antifeministische und fremdenfeindliche Strömungen. Die Beweggründe von Alt-right sind insgesamt ähnlich amorph wie ihre Unterstützer.

Alt-right organisiert sich vor allem im Netz; die Unterstützer kommen in einschlägigen Foren und Websites zusammen, zum Beispiel auf der konservativen Nachrichtenseiten Breitbart. Das sei die "Plattform für die alternativen Rechten", sagte der frühere Breitbart-Aufsichtsratvorsitzende Stephen Bannon kürzlich stolz. Die Aussage sorgte für Aufsehen in den US-Medien. Seit August nämlich ist Bannon Wahlkampfleiter von Donald Trump, was eine enge Verbindung von Alt-right zur Trump-Kampagne vermuten lässt. Im März erschien auf Breitbart ein Artikel, der inzwischen als Manifest der Bewegung gilt – und der mit Pepe dem Frosch illustriert wurde.

Die Medien verstärken Pepes Wandlung

In dem Artikel wird ausdrücklich über die Anziehungskraft von Memes auf junge Menschen gesprochen, über die  "frischen, kühnen und witzigen" Inhalte, die ihnen die Alternative Rechte bietet. Memes sind ein Lockmittel für Alt-right, glaubt auch der Extremismus-Experte Mark Potok vom Southern Poverty Law Centre: "Indem man Figuren wie Pepe nutzt, hat man sich natürlich an sehr junge Menschen gewendet, die dieser Ideologie der weißen Vorherrschaft sehr positiv gegenüberstehen und davon auch beeinflusst sind", sagte Potok im Gespräch mit dem Deutschlandradio. Anders gesagt: Indem sich rechtskonservative Bewegungen ein Phänomen wie Pepe aneignen, sprechen sie gezielt die internetaffine junge Generation an, um sie für ihre Ansichten zu gewinnen.

Aber auch traditionelle Medien könnten dieser Wandlung unbewusst in die Karten spielen. Die Alternativen Rechten seien "Rassisten mit einer Marketingstrategie" heißt es in einem Artikel der Columbia Journalism Review. In dem Moment, in dem Medien auf Alt-right angesprungen sind und versuchten, das diffuse Internetphänomen zu erklären, sei es quasi dessen Legitimation gewesen. Aus einer Subkultur sei eine politische Bewegung entstanden. Aus Pepe dem Frosch ein Symbol von Nationalisten, wie es nun sowohl das Lager von Hillary Clinton als auch die Bürgerrechtler der Anti-Defamation League behaupten.

Und das, obwohl die Wandlung – wie so vieles aus dem 4chan-Dunstkreis – möglicherweise gar nicht so gemeint war, wie es nun dargestellt wird. Möglicherweise war es bloß "for the lulz", also zur persönlichen Erheiterung und als bewusste Provokation gedacht.

Trotzdem gibt es noch Hoffnung für Pepe. Auch wenn er zurzeit von den Alternativen Rechten in Geiselhaft gehalten wird, könnte es nur eine Phase sein. Verstärkt durch die Aufmerksamkeit in den Medien inmitten des US-Wahlkampfs wird vergessen, dass Pepe an vielen anderen Orten im Internet weiterhin ein ebenso unschuldiges wie witziges Dasein führt. Die Kooption durch Rechte, Trump-Unterstützer und 4chan-Trolle muss das zehnjährige Meme nicht zerstören. Wie es auf The Daily Dot heißt: "Pepe wird immer größer und besser sein als die Rassisten, die ihn gerade so lieben."