Virale Videos funktionieren erstaunlich simpel. Ein putziges Tier, ein niedliches Kleinkind, ein haarsträubender Stunt, ein mitreißender Sportclip, ein guter Fake – all das sind Rezepte für einen Hit im Internet. Inzwischen gibt es noch eine weitere Kategorie: weinende Männer. Bitte was? Richtig, der heulende Mann ist inzwischen im Kanon der Netzkultur angekommen. In Memes, auf YouTube und in eigenen Foren ist er inzwischen zu finden. Taugt er vielleicht zum Symbol für einen Wandel der Geschlechterbilder im Internet?

Nun blicken nicht nur weinende Männer, sondern die Tränen an sich kulturwissenschaftlich auf eine bewegte Geschichte zurück. Die im vergangenen Jahr erschienene Essay-Sammlung So muß ich weinen bitterlich zeigt, wie sich die Schauplätze und Protagonisten des Weinens in den Jahrhunderten verändert haben. So waren Männertränen zwischenzeitlich als Ausdruck des Triumphs akzeptiert, aber als Zeichen emotionaler Verwundbarkeit verpönt. Mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft, durch die Darstellung in der Literatur der Romantik und später im Film haben sich auch die öffentliche Affektentladung und ihre Bewertung gewandelt.

Männer weinen noch immer seltener als Frauen

In unserer heutigen Gesellschaft gehören Männertränen zum gängigen Gefühlsrepertoire, auch außerhalb des Fußballstadions. Von Gerhard Schröder bis Uli Hoeneß, von Barack Obama über Wladimir Putin bis Don Draper aus Mad Men – wenn es die Gelegenheit zulässt, ist auch den Alphatieren ein Schluchzen zu entlocken. Jenseits von Sportlern und Prominenten stehen Tränen stellvertretend für die neue Spezies Mann, für die neuen, einfühlsamen, melancholischen Kerle, die vor einigen Jahren kurzzeitig als "Schmerzensmänner" rezipiert wurden.

Doch auch wenn der weinende Mann die modernen Geschlechterrollen besetzt, erkennt die Wissenschaft noch immer große Unterschiede. Bereits Untersuchungen aus dem Jahr 1980 haben gezeigt, dass Frauen durchschnittlich fünf Mal im Monat weinen, Männer aber nur etwa einmal und zudem deutlich kürzer. Jüngere Studien (van Hemert et al., 2011) kommen auf ähnliche Zahlen, wobei stets auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen: Italienische Männer heulen etwa mehr als deutsche und generell wird in wohlhabenden Ländern mehr geweint als in armen oder repressiv regierten, schreiben die niederländischen Wissenschaftler. Tränen könnten somit auch ein Indikator für Toleranz und Meinungsfreiheit ein.

Cry for me, Michael Jordan

Inzwischen haben die Männertränen auch Teile des Internets eingenommen. Wer etwa Netzphänomene, neudeutsch Memes, als Gradmesser für digitale Kultur nimmt, kam in den vergangenen beiden Jahren vor allem um eines nicht herum: Basketballlegende Michael Jordan, in Tränen aufgelöst während der Aufnahme in die Hall of Fame. Jordans emotionale Rede fand bereits 2009 statt, aber erst Anfang 2015 wurde sein weinendes Gesicht unter dem Namen Crying Jordan zum Meme. Im vergangenen Jahr zählte es zu den meistgeteilten Bildern im viralen Netz.

"Jordans Gesicht hat es über den Sport hinausgeschafft", schrieb die New York Times im Juni über ein Bild, das "nicht sterben will". Doch trotz seiner Beliebtheit bleibe die Frage, was der weinende Jordan eigentlich symbolisiere: einen Verlierer im klassischen Sinne, etwa wenn Jordans tränengetränktes Gesicht über das des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Marco Rubio gelegt wird? Oder nicht doch eher Stärke, wenn der mutmaßlich beste Basketballer aller Zeiten seinen Emotionen freien Lauf lässt?

"Memes können auf der einen Seite eine höhere Akzeptanz schaffen. Auf der anderen Seite sehen wir in diesem Fall aber einen sehr ironischen Umgang mit Männlichkeitsklischees", sagt der Soziologe Sascha Oswald von der Universität Hildesheim, der sowohl zu Memes als auch zur Soziologie von Emotionen forscht. Der Hauptgrund für die Popularität von Memes ist seiner Meinung nach, dass sie stets nach zwei Seiten gelesen werden können: ernst oder lustig, klischeebekräftigend oder klischeeunterwandernd. Das mache sie so flexibel und universell einsetzbar.

Spott und emotionale Emanzipation

Somit konkurriert der weinende Jordan einerseits mit dem klassischen Bild der Maskulinität, die keine allzu großen Gefühlsäußerungen vorsieht: "boys don't cry", sangen The Cure vor dreißig Jahren, ein "Indianer kennt keinen Schmerz" bekommen Jungs heute noch von ihren Eltern eingetrichtert. Wer den schluchzenden Jordan lediglich negativ als Symbol der Schwäche verwendet, bestätigt die veraltete Auffassung, dass Männer ihre Gefühle nicht zeigen dürfen.

Anderseits lässt sich das Bild aber auch positiver interpretieren, nämlich als ein Zeichen emotionaler Emanzipation. Es mag vor allem spöttisch verwendet werden, aber es illustriert in anderen Fällen eben auch eine traurige Situation mit den ehrlichen Tränen eines der größten Sportler der Geschichte. "Im Fall von Michael Jordan und anderen Berühmtheiten legitimieren ihr Vorbildcharakter und ihre schon unter Beweis gestellte Männlichkeit das Weinen", sagt Oswald.