Aber kann das Internet, kann die Netzkultur überhaupt so etwas leisten? Der Soziologe Sascha Oswald will zwar keine Prognosen geben, erkennt aber zumindest einen Trend: "Es entwickelt sich kein komplett neues, aber zumindest ein alternatives Männlichkeitsbild in der Netzkultur." Die breitere Akzeptanz von Gefühlsartikulationen, die Forderung nach empathischeren Männern, all das seien Entwicklungen, die ineinandergreifen und sich selbst verstärken können.

Eine besondere Rolle kommt in dieser Entwicklung den Bildern zu, glaubt Oswald. "Männer müssen sich immer noch sagen lassen, Gefühle nicht richtig artikulieren zu können. Auch weil ihnen die Räume fehlen. Man könnte meinen, das Internet mache es ihnen prinzipiell leichter, weil sie sich anonym bewegen können. Aber dann gibt es immer noch die Hürde des Wortes. Gefühle exakt zu beschreiben ist schwierig und legt einen stärker fest auf das Gesagte", sagt Oswald.

Die Verwendung von Bildern, in Chat-Apps, in Foren, in sozialen Netzwerken mache es leichter:  "So wie das Internet gegenüber dem Face-to-Face einen Schutzraum bietet, bietet das Bild gegenüber dem Text einen Schutzraum. Weil Bilder interpretationsoffener sind, nicht argumentativ, sondern assoziativ funktionieren." So gebe es immer auch die Möglichkeit, sich hinter dem Witz eines Memes zu verstecken. Wer etwa den Crying Jordan verwendet, kann damit seine Gefühle ausdrücken, ohne sich gleich als Heulsuse outen zu müssen.

Was die weinenden Männer im Internet dann am Ende bestätigen, ist weniger der Wandel der Geschlechterbilder. Vielmehr zeigen die Männertränen, wie das Internet als Ganzes, aber vor allem einzelnen Communitys, einen Artikulationsraum für Emotionen schaffen können. In Imageboards wie 9gag oder 4chan, in Subreddits wie r/happycryingdads oder in YouTube-Kanälen wie dem von Connor Franta kommen Menschen anonym zusammen und finden dabei eine eigene Bildsprache, um ihre Emotionen auszudrücken und gegenseitig bekräftigen. Oder, um es im Soziolekt der erwähnten Communitys zu sagen: I Know That Feel Bro.

We really do.