Es war der 30. August 2015, als eine Entenarmee das Internet eroberte. Sechs Sekunden lang dauerte das Video, in dem ein junger Mann in einem Kaufhaus einen Wagen voller quietschender Spielzeugenten entdeckt, zuerst eine drückt und tröten lässt und schließlich einmal beherzt in den Wagen drückt, was zu einem sensationell absurden Geräusch führte. 192 Millionen Mal wurde das – inzwischen im Original gelöschte – Video auf der Kurzvideoplattform Vine geloopt, wie es auf Vine heißt. Die Duck Army in der Endlosschleife. Ein Meme war geboren.

Am Donnerstag gab Twitter bekannt, Vine in den kommenden Monaten einstellen zu wollen. Sämtliche Inhalte bleiben zunächst online und können von ihren Schöpfern heruntergeladen werden. Die App allerdings wird demnächst nicht mehr funktionieren. Nach knapp vier Jahren gibt es zum Abschluss nur ein schnödes "Danke an alle".

Rein wirtschaftlich betrachtet ist diese Entscheidung nachvollziehbar. Twitter kämpft ums Überleben, die Plattform ist weit davon entfernt, Gewinn zu machen. Seit Monaten werden diverse Käufer gehandelt. Erst in dieser Woche entließ das Unternehmen wieder einmal zehn Prozent seiner Mitarbeiter. Wohl auch deshalb geht es mit dem zuletzt kriselnden Vine zu Ende, zumal Konkurrenten aus dem sozialen Netz wie Snapchat und Instagram seit einiger Zeit ganz ähnliche Funktionen bieten und gleichzeitig ein weitaus stärkeres Nutzerwachstum verzeichnen.

Erst missverstanden, dann erfolgreich

Bedauerlich ist es trotzdem, denn Vine hatte seinen Platz in der Netzkultur. Als Twitter das Start-up im Jahr 2012 übernahm, verstand kaum jemand den Reiz von Videos, die maximal sechs Sekunden dauern dürfen. Kurzvideodienste und -Apps gab es zwar bereits vorher, doch keiner war wirklich erfolgreich. Mit der Integration von Vine in Twitter wurden die kurzen Clips plötzlich salonfähig.

Vine war einerseits ein Ort wunderbarer Banalitäten aus dem Alltag der Internetnutzer. Lustig schreiende Ziegen und quietschende Kühlschranktüren, zufällige aufgenommene Fails, spontane Geistesblitze: Dank Vine konnte all das geteilt werden. Die Smartphone-Generation bekam eine App, die sie verdiente, in der auch die beknackteste Situation im besten Fall ein Millionenpublikum fand. Ein Teenager aus Chicago etwa prägte in einem Vine den Ausdruck fleek, den Merriam-Webster im vergangenen Jahr zum Wort des Jahres kürte.

Andererseits war Vine auch Kunst in sechs Sekunden. Es dauerte nicht lange, bis kreative junge Menschen die Plattform entdeckten. Sechs Sekunden klingt nach wenig, doch ein gut komponiertes Vine wusste gerade diese Einschränkungen zu nutzen, war pointiert, überraschend und nicht selten sehr witzig. Eine ganze Kultur sogenannter Vine-Stars entstand zwischen 2013 und 2015, denen YouTube zu professionalisiert war und die stattdessen ein Publikum auf Vine fanden. Auch wenn Analysen zufolge viele von ihnen mittlerweile zu anderen, lukrativeren Plattformen wie eben YouTube oder Instagram gewechselt sind.

Kein gutes Zeichen für Twitter

Vine war mehr als Twitters Videofunktion. Es war eine neue, eine andere Form von Entertainment. Es zeigte den Medienwandel weg von traditionellen Videoformaten hin zu einem unmittelbareren, experimentelleren mobilen Erlebnis. Vine war niemals schön, was die Website und App anging, hatte nicht die High-End-Ästhetik von Instagram oder die Community von YouTube. Aber in seiner Nische funktionierte es.

Gewissermaßen stand Vine für vieles, was auch Twitter ursprünglich sein wollte: ein Ort der Spontaneität und Kreativität, in dem Menschen ohne große technische Vorkenntnisse kurze Momente aus ihrem Alltag teilen konnten. Was für Twitter 140 Zeichen sind, waren für Vine sechs Sekunden. Auch deshalb passten beide Dienste so gut zusammen.

Dass Twitter nun die vielleicht einzig kreative Entwicklung seiner zehnjährigen Geschichte absägt, verheißt nichts Gutes für die Zukunft der Plattform, die in jüngster Vergangenheit vor allem mit Mobbing, Hasskommentaren und den Äußerungen Donald Trumps in der Öffentlichkeit stand. Wie aus jüngst geleakten Memos des Unternehmens hervorgeht, möchte Twitter künftig vor allem ein "Nachrichtennetzwerk der Menschen" sein. Und da haben sechssekündige Clips von trötenden Enten offensichtlich keinen Platz.