Allein dieser Sound. Ein piepsiges "Uh-Oh!", als würde ein Teletubby in den Computerboxen leben und sich immer erschrecken, wenn eine neue Chatnachricht kommt. "Uh-Oh!", ein Ton, der nach neunziger Jahren klingt wie die Vengaboys, nach ISDN, nach Napster und Röhrenbildschirmen. "Uh-Oh!", das ist der Sound von ICQ, einem der ersten Instant-Messenger im Internet, der jetzt seinen 20. Geburtstag feiert. Ja, wirklich: ICQ gibt es noch! Ich muss es wissen, ich nutze es selbst.

Am 15. November 1996 erschien die erste Version von ICQ, das für das englische I seek you, ich suche dich, steht. Vier israelische Studenten hatten es für ihr Start-up Mirabilis entwickelt und kostenlos im Internet angeboten. Die Idee: Alle Nutzer sollten eine einzigartige Nummer erhalten, dank der sie von anderen im Netz gefunden werden konnten, um miteinander zu chatten. Natürlich gab es schon lange vor ICQ Online-Chatdienste, doch sie waren vor allem erfahrenen Benutzern vorbehalten. ICQ dagegen brachte Instant-Messaging vielen neuen Internetnutzern nahe und beeinflusste damit das Kommunikationsverhalten einer ganzen Generation.

Meiner Generation.

Denn ICQ war, mit dem wenig später veröffentlichten AOL Instant Messenger (AIM), gewissermaßen das WhatsApp der neunziger Jahre. Wer wie ich und meine Freunde vom Lande zwischen 1997 und 1998 als Teenager online ging, erhielt plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Handys waren noch nicht wirklich verbreitet, Pager schon gar nicht. Wer etwas von den anderen wollte, musste entweder über das Festnetz anrufen oder kurz "rumkommen", wie es hieß. ICQ änderte das. Plötzlich saßen wir alle vor unseren Rechnern in den Jugendzimmern und unterhielten uns. In Echtzeit, egal ob morgens vor der Schule oder abends nach dem Fußballtraining. Ohne dass uns Mutter von der Strippe im Hausflur holen wollte. Wie geil war das denn?

Hallo, Netzkultur!

Als meine Freunde und ich ICQ entdeckten, war Mirabilis bereits einer der gefragtesten Namen der Dotcom-Branche. Denn ICQ wuchs schnell. 1998, nur zwei Jahre nach dem Start, gab es alle drei Wochen etwa eine Million neue Nutzer. Im Juni des Jahres übernahm AOL das Unternehmen für einen Preis von 407 Millionen US-Dollar – damals eine wahnsinnige Summe für einen Dienst, der praktisch keinen Umsatz machte. Zum Vergleich: Als Facebook vor zwei Jahren WhatsApp für 19 Milliarden US-Dollar übernahm, war das vergleichsweise unspektakulär, obwohl WhatsApp ebenfalls kein Geld einbringt.

Eine frühe Version von ICQ aus den neunziger Jahren.

Mit ICQ kam nicht nur eine neue Form der Echtzeit-Kommunikation in unser Leben, sondern auch die Netzkultur. Meine Kumpels und ich schrieben nicht mehr "Tschüss", sondern "cu", das hatten wir irgendwo aufgeschnappt, das machten die coolen Leute im Netz so. Wo heute reihenweise tränenlachende Emojis verschickt werden, schrieben wir "lol", seltener "rofl", und wenn es wirklich überhaupt nicht witzig war auch mal ein ironisches "atomrofl". Das Symbol mit der kleinen, grün-roten Blüte war in unseren Windows-Taskbars ebenso verankert wie der Browser oder der Musikplayer Winamp. Wer nicht "on" in ICQ war, musste wirklich gute Gründe haben.

Wir lernten, dass ICQ eine ganz neue Netiquette mit sich brachte: Wer seinen Status auf "away" setzte, war vielleicht nur mal kurz draußen im Garten und kam bestimmt gleich wieder, bei "not available" konnte eine Antwort schon mal etwas länger dauern, "do not disturb" war als wichtigtuerisch verpönt. Der Statustext wiederum bekam eine eigene Bedeutung: Wo war Julian wirklich, wenn plötzlich "Kippen kaufen" in seinem ICQ stand, obwohl er gar nicht rauchte. War René tatsächlich nicht online oder bloß für seine Kontakte "invisible", weil er keinen Bock hatte zu chatten? Ging er gar jemandem aus dem Weg? Und wie lang durfte eine Antwort durchschnittlich dauern, bevor der andere beleidigt war? Ausreden à la "habe ich nicht gelesen" galten in ICQ ebenso wenig wie heute in WhatsApp. Mit dem Instant-Messaging erfuhren wir eine neue Form sozialen Drucks.

"Kannst du mir meine Nummer schicken?"

Nach der Übernahme durch AOL entwickelte sich die ICQ-Software schneller denn je. Dateitransfer, Gruppenchats, das Erstellen von Kontaktlisten, SMS- und E-Mail-Unterstützung, auch Verschlüsselung wurden nach und nach hinzugefügt und ausgebaut. 2002 folgte die erste Version für mobile Geräte: ICQ für das Betriebssystem Symbian S60, das damals vor allem der weltweite Marktführer Nokia in seinen Handys einsetzte.

Meine erste ICQ-Nummer war – glaube ich – noch eine der heute sagenumwobenen Sechsstelligen. Doch irgendwann, es muss so um 2001/2002 herum gewesen sein, entschied ich mich aus mir heute unbekannten Gründen, eine neue anzulegen. Achtstellig, nicht mehr ganz so cool. Einige meiner Freunde wechselten in den Jahren die ICQ-Accounts so häufig wie ihre Lieblingsbands. "Kannst du mir mal meine ICQ-Nummer schicken?", war so ziemlich die erste Frage, nachdem man mal wieder seinen PC formatiert hatte. Merken konnte sie sich nämlich kaum einer.