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Gibt es eine Flut von Fake News im Internet? Ja. Sollte man etwas dagegen tun? Natürlich. Aber bevor wir unsere Möglichkeiten prüfen, sollten wir uns ein paar Dinge klarmachen.

Fake News, also Falschmeldungen, haben nicht Donald Trump gewählt – es sei denn, man ordnet viele seiner Tweets in diese Kategorie ein. Die Medien sind ebenso schuld am Ergebnis dieser Wahl wie alle anderen, weil der Journalismus in seiner Aufgabe versagt hat: die Öffentlichkeit zu informieren.

Fake News haben die sozialen Netzwerke nicht übernommen. Das meiste, was wir dort tun und lesen, ist noch immer genießbar und manchmal wertvoll. (Andernfalls würden nur noch Dummköpfe diese Plattformen weiter nutzen.)

Fake News können überall auftreten. Ich würde sagen, dass die Geschichte der New York Times über Hillary Clintons E-Mails ein Fake war oder zumindest von anderen Medien heftig überzogen wurde. Aber die New York Times ist kein Fake-News-Medium.

Der Versuch, Falschmeldungen, Fehler, Lügen und Idiotie online auszulöschen, also ein Recht auf Vergessenwerden des Falschen, wäre so aussichtslos wie der Versuch, jedes Gespräch unter Betrunkenen in jeder Kneipe des Landes zu korrigieren. Ignoranz und Dummheit sind verwandte Schädlinge, die nicht aussterben werden.

Medien können nicht länger erwarten, dass Nutzer zu ihnen kommen

Wenn uns das Internetzeitalter eines gelehrt hat, dann dies: Die einzig vernünftige Behandlung (wenn auch nicht Heilung) im Falle schlechter Informationen sind mehr gute Informationen, die viele unterschiedliche Formen annehmen sollten.

Zunächst sollten Nachrichtenmedien von den Fake-News-Fabriken lernen und deren soziale Werkzeuge nutzen – also Meme (Fotos mit Text auf Facebook, Instagram und anderen Plattformen), Videos und Tweets –, um damit echte Nachrichten zu verbreiten: Berichte, Fact Checking, Hintergründe, Analysen. Ich sage nicht, dass Journalisten die Form des Artikels aufgeben sollten. ZEIT ONLINE sollte sich nicht in eine Sammlung von Fun Facts illustrierenden Katzenfotos verwandeln. Und die Tagesschau sollte kein virales, 30-sekündiges YouTube-Video werden.

Aber wir können nicht länger erwarten, dass die Öffentlichkeit immer zu uns kommt – zu unseren Publikationen, unseren Sendungen, unseren Seiten –, um Nachrichten in der Form zu konsumieren, die wir vorgeben. Nein, stattdessen müssen wir uns an die Öffentlichkeit wenden, der wir geschworen haben, sie zu informieren, und zwar im Kontext ihrer Gespräche. Wir sollten Bürger mit Wahrheitsmunition ausstatten, die sie abfeuern können, um ihre Gespräche mit Fakten anzureichern und ihre Freunde zu korrigieren.

Zusammenarbeit mit dem Silicon Valley

Es war leichtfertig und wenig hilfreich, dass Mark Zuckerberg zunächst behauptet hat, Falschmeldungen hätten Donald Trump nicht gewählt, weil 99 Prozent der Facebook-Inhalte wahr seien. (Wo sind die Daten, die das belegen?) Doch seine Haltung änderte sich schnell und er hat aufgelistet, was seine Plattform gegen das Problem tun will. Vieles davon entspricht den 15 Empfehlungen, die der New Yorker Unternehmer John Borthwick und ich an die Betreiber sozialer Plattformen gerichtet haben. Im Kern geht es darum, Facebook, Twitter, Google, Instagram, YouTube und die anderen zur Zusammenarbeit mit Medien und Nutzern zu bringen, um die Öffentlichkeit mit mehr guten Informationen zu versorgen.

Stellen Sie sich vor, in ihrem Feed taucht ein Foto von Angela Merkel auf, wie sie im Clownskostüm auf einer ausschweifenden Party tanzt. Sie müssen lachen. Sie erwägen, das zu teilen. Aber bevor Sie das tun, stellen Sie fest, dass dieses Foto von einer angeblichen Nachrichtenseite stammt, von der Sie noch nie zuvor gehört haben, und die vor gerade einmal einem Tag eingerichtet wurde. Sie sehen auch, dass ein etabliertes Nachrichtenmedium das Bild bereits entlarvt hat. Sie sehen, dass die Person, die es geteilt hat, schon öfter Inhalte geteilt hat, die sich als Enten herausgestellt haben. Werden Sie es nun auch teilen? Und wenn Sie es tun, werden Sie zumindest hinzufügen, dass es sich um einen Fake handelt, damit Sie am Ende nicht als Trottel dastehen?

Das Silicon Valley darf nicht im Alleingang das Internet redigieren

Medien sollten die im Internet geführten Debatten beobachten, die Fakten prüfen, wenn eine Diskussion aus dem Ruder läuft, und diese Informationen wieder mit den Plattformen teilen. Die Plattformen sollten diese Informationen im Gegenzug an ihre Nutzer weitergeben, damit sie sich ein besseres Urteil bilden können. Die Plattformen sollten außerdem daran arbeiten, die Quellen von Fotos und anderen Memes und Geschichten ausfindig zu machen, damit die Nutzer sehen können, was aus seriösen Nachrichtenquellen stammt und was der stinkenden Imagination einer randständigen politischen Sekte entspringt. Nicht zuletzt müssen die Plattformen viel besser darin werden, insbesondere die Marken seriöser Nachrichtenquellen darzustellen, damit Nutzer die Glaubwürdigkeit besser einschätzen können.

Die Nutzer müssen gute Informationen teilen

Auch die Nutzer selbst spielen eine Rolle dabei, mehr gute Informationen zu verbreiten. Auf Facebook lassen sich Berichte als falsch melden, aber die Plattform versteckt diese Funktion in einem Labyrinth von Menüs. Sie sollte leicht erreichbar sein, damit mehr Nutzer dabei helfen können, falsche Inhalte zu markieren. Natürlich wird jedes System dieser Art überlistet, aber die Plattformen sind smart; wenn sie Spam von E-Mails unterscheiden können, sollten sie auch Signale ihrer Nutzer verwenden können, um fragwürdige Inhalte besser zu markieren. Ich würde mir auch wünschen, dass die Plattformen – insbesondere Twitter – es den Nutzern ermöglichten, Korrekturen an eigenen Postings vorzunehmen und sie an diejenigen zu senden, die einen gefälschten Inhalt retweetet haben könnten. Soll heißen: Warum können wir Korrekturen nicht abonnieren?

Wir dürfen aber nicht das Silicon Valley in die Position versetzen, das Internet redigieren und entscheiden zu können, was erfunden und was real ist, was falsch und was wahr. Das ist nicht deren Aufgabe. Auch wenn deren Plattformen Medienmenschen wie Medien vorkommen, weil sie Seiten haben mit Text und Bildern und dem, was den Medien manchmal als die ihnen verloren gegangenen Anzeigen betrachten: Diese Dienste sind etwas Neues. Sie sind Connection Machines, Maschinen, die Verbindungen herstellen. Facebook verbindet Menschen mit Menschen, Google verbindet Menschen mit Informationen. Wir sollten von diesen Plattformen nicht dasselbe erwarten, was wir von Medien erwarten. Ich möchte auch nicht, dass Plattformen oder Medien oder Organisationen mit guter Absicht schwarze Listen gesperrter Seiten erstellen, denn das wäre ein erster Schritt zur Zensur.

Das sagend gebe ich eine paradoxe Empfehlung: Ich empfehle Facebook seit Langem, einen Redakteur einzustellen – nicht um Inhalte zu bearbeiten, nicht um Artikel zu schreiben, nicht um mit anderen Redakteuren in den Nachrichtenorganisationen zu wetteifern. Stattdessen sollte dieser leitende Redakteur bei Facebook der Plattform einen Sinn für öffentliche Verantwortung vermitteln. Er sollte den Technikern Journalismus erklären und den Journalisten Technik, das Produkt verbessern und damit die Qualität der Gespräche und das Nutzererlebnis. Der Redakteur könnte eine Zusammenarbeit mit anderen Redakteuren von außerhalb ermöglichen. Und er könnte helfen, schlimme Fehler wie die Löschung eines historischen Fotos aus dem Vietnam-Krieg zu vermeiden. (Facebooks Algorithmus klassifizierte das Foto eines nackten Mädchens fälschlicherweise als Pornographie, während die wahre Pornographie in dem Napalm bestand, das sie verletzt hatte.)

Dieser Redakteur wäre kein Dealmacher oder Pressesprecher. Ich meine vielmehr, dass journalistische Sensibilität ins Herz der Produktentwicklung jeder Plattform gehört. Die US-Wahl und die Rolle der Plattformen bei dieser Wahl zeigen, dass diese sich anstrengen müssen, ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit wirklich ernst zu nehmen.

Medien müssen die breite Gesellschaft wieder erreichen

Ich habe noch eine weitere Empfehlung, die mehr mit den Medien zu tun hat als mit dem Silicon Valley. Die wichtigste journalistische Lehre aus dieser US-Wahl ist, dass wir in den liberalen Medien – zumindest in den USA sind, zugegeben, alle Medien liberal – die konservative Hälfte der Nation ausgeschlossen haben. Vor langer Zeit, seit den siebziger Jahren, haben die Menschen im amerikanischen Kernland damit begonnen, den Medien nicht mehr zu vertrauen. Das bedeutet, dass wir sie seither nicht mehr informieren konnten.

Wir haben ein Vakuum hinterlassen, das im Handumdrehen von Bewegungen gefüllt wurde, die sich als Medien ausgaben. Fox News, Drudge und Breitbart (dessen Chef Stephen Bannon nun am rechten Ohr des gewählten Präsidenten sitzt und dessen widerliche Marke bald auch nach Deutschland und Frankreich kommt). Die Mainstream-Medien jeder Nation, die von solchen Randgruppen bedroht werden, müssen viel besser darin werden, den unterversorgten Teilen der Gesellschaft zuzuhören, die unter den Bann von Hass verbreitenden politischen Sekten geraten könnten, Empathie für diese Teile der Gesellschaft zu entwickeln und sie zu informieren. Nur dann können wir intellektuell aufrichtige, faktenbasierte Gespräche mit ihnen führen, zum Beispiel darüber, dass ihre Arbeitsplätze oft nicht wegen Einwanderung, sondern wegen neuer Technik verschwinden.

Lassen sie mich einen Scherz von einem Mann namens Nathaniel Tapley weitertragen, den ich gerade auf Twitter gelesen habe: "Ah, ich hab's. Im Dritten Weltkrieg beschützt Deutschland den Rest der Welt vor dem Faschismus. Das ist mal ein wirklich guter dritter Akt." Anders als Fake News sind Witze öfter wahr als falsch. Jetzt, wo Angela Merkel sich den Mantel der Verantwortung übergeworfen hat und noch einmal für ihr Amt als letzte zurechnungsfähige Anführerin Europas und der westlichen Welt antritt, sollten deutsche Medien und andere Institutionen die Führung übernehmen, wenn es darum geht, mit dem (und nicht gegen das) Silicon Valley zu arbeiten. Um neue Möglichkeiten zu schaffen, um Wahrheit in die Debatten zu bringen, auf denen Demokratie gründet. Wir schauen auf Sie, besonders jetzt, wo wir in den US-Medien für die nächsten vier Jahre sehr damit beschäftigt sein werden, Fake News nicht wahr werden zu lassen.

Übersetzt aus dem Englischen von Christoph Herwartz