Wenn die Hölle dieses Jahr noch einmal zufriert, könnte man glatt am Klimawandel zweifeln. 2016 hat sich Microsoft der Linux Foundation angeschlossen, haben sich Gema und YouTube auf ein Vergütungsmodell geeinigt, wurden in Berlin die ersten kostenfreien WLAN-Hotspots freigeschaltet, acht Jahre nach einem entsprechenden Senatsbeschluss. Und jetzt erlaubt Apple auch noch seinen Spezialisten für künstliche Intelligenz (KI), ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.

Das jedenfalls hat Russ Salakhutdinov, Leiter von Apples KI-Abteilung, diese Woche auf einer Konferenz in Barcelona angekündigt, wenn auch, ohne Details zu nennen. Hier ist der Fotobeweis, eine offizielle Bestätigung von Apple gibt es noch nicht.

Für das notorisch zugeknöpfte Unternehmen wäre es jedenfalls ein ungewöhnlicher und gleichzeitig notwendiger Schritt. Traditionell arbeitete Apple lieber hinter verschlossenen Türen. Einem Bericht von Bloomberg zufolge durften Apples KI-Forscher bisher nicht einmal ihre Position auf LinkedIn oder Twitter verraten, von den Inhalten ihrer Arbeit ganz zu schweigen.

Aber diese Einstellung ist gefährlich. Erstens buhlen viele Unternehmen derzeit um die klügsten Köpfe in diesem Forschungsbereich und die vielversprechendsten Studenten. Die Aussicht, bahnbrechende Ergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichen zu können, dürfte für viele von ihnen ähnlich wichtig sein wie ein attraktives Gehalt. Wie soll man eine Karriere aufbauen, wenn man nicht über seine Arbeit sprechen darf? Ein Arbeitgeber, der seine Forscher aus der wissenschaftlichen Community aussperrt, hat also einen echten Nachteil.

Bisher hat Apple seine Schwierigkeiten beim Ausbau der KI-Abteilung kompensiert, indem es KI-Start-ups aufgekauft und die Angestellten übernommen hat. An Spezialisten von Universitäten kommt man so aber nicht heran.

Zweitens werden jene Unternehmen, die ihr Wissen teilen, selbst davon profitieren. Ihre Ideen, Grundlagenforschungen und auch konkrete Anwendungen werden weitergetrieben, die Ergebnisse landen wiederum in der Community und ersparen den Unternehmen zumindest teilweise die alleinige Weiterentwicklung. In einem Bereich wie KI, der trotz jahrzehntelanger Forschung und zuletzt großer Fortschritte noch immer ganz am Anfang steht, ist externer Input besonders wichtig.

In Cupertino friert die Hölle nur langsam zu

Deshalb haben zum Beispiel Google, Facebook, Amazon, Microsoft, IBM, Baidu, Yahoo und OpenAI ihre KI-Frameworks, -Werkzeuge, und -Designs unter Open-Source-Lizenzen veröffentlicht. Jeder Entwickler kann sie benutzen und umbauen und das Ergebnis wiederum jedem zur Verfügung stellen. Von Apple gibt es bisher nichts Vergleichbares.

Google, Facebook, Amazon, Microsoft und IBM kooperieren außerdem in der Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society, um gemeinsam an ethischen Standards für das KI-Zeitalter zu forschen, die Ergebnisse unter offenen Lizenzen zu veröffentlichen und best practices zuformulieren. Apple macht bisher nicht mit.

Deshalb stehen auf KI-Konferenzen wie der O'Reilly Artificial Intelligence in New York sieben Microsoft-Mitarbeiter auf der Bühne, drei von Google und zwei von Baidu. Über Apples KI-Forscher heißt es dagegen, sie würden sich auf Konferenzen im Hintergrund halten und ihren Arbeitgeber, wenn überhaupt, nur auf Nachfrage nennen.

Die Erlaubnis für Apples Experten, etwas zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen, wäre also nur ein erster, überfälliger Schritt. In Cupertino friert die Hölle halt nur langsam zu.

Kurz erklärt - Was ist künstliche Intelligenz? Humanoide Roboter, eine Matrix, die Menschen als Energiespender benutzt – so stellen wir Menschen künstliche Intelligenz in Filmen dar. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? © Foto: Zeit Online