Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat erstmals einen Virtual-Reality-Film für einen Oscar nominiert. Pearl heißt er, und er geht ins Rennen um den Preis für den besten animierten Kurzfilm. Ansehen kann man sich den Film auf YouTube als 360-Grad-Video oder – was natürlich wesentlich immersiver ist – auf der HTC Vive.

In knapp sechs Minuten erzählt Pearl die Geschichte eines Vater-Tochter-Gespanns, das in einem alten Auto zusammen durchs Land fährt. Er ist Straßenmusiker und kann seiner Tochter nicht viel bieten, jedenfalls nicht materiell. Aber er gibt ihr im Laufe der Jahre seine Liebe zu Musik weiter, bis sie so wird wie er, nur erfolgreicher.

Natürlich ist das alles sehr rührend und niedlich. Aber ist es einen Oscar wert? Kantige Pixelfiguren, die nach Art eines Musikvideos eine vorhersehbare Coming-of-Age-Story ausfüllen, die vermutlich sogar the artist formerly known as Cat Stevens zu kitschig fände?

"Pearl" ist optisch nicht sonderlich beeindruckend

Zugegeben, zwischen virtuellen Fallschirmsprüngen und Horrorspielen wie dem neuen Resident Evil 7 sticht Pearl aus der Masse der VR-Anwendungen heraus, weil der Film auf Emotionen setzt statt auf Adrenalin und Überwältigung. Aber als Zuschauer sitzt man nur im Auto, schaut mal nach vorne aus dem Fenster in detailarme Landschaften, mal auf die Rückbank zum Mädchen und lauscht einem Folksong, der die Dialoge ersetzen soll. Wäre es nicht VR, würde es niemanden in der Academy auch nur eine Sekunde interessieren.

Pearl wird deshalb eher keinen Award gewinnen. Aber vielleicht gibt es nächstes Jahr den ersten Oscar für einen VR-Film. Ein möglicher Kandidat ist jedenfalls vor wenigen Tagen erschienen: Dear Angelica. Der zwölf Minuten lange Animationsfilm für die Oculus Rift wird schon mit Kritikerlob überschüttet.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Mädchen erinnert sich an seine verstorbene Mutter, eine Schauspielerin, indem es alte Filme von ihr anschaut und mit seinen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit vermischt.

Dear Angelica ist mindestens so pathosgeladen wie Pearl, sieht aber viel spektakulärer aus. Die Figuren bewegen sich nicht, dafür aber ihre Umwelt. Das Trackingsystem der Oculus erlaubt es, dass der Zuschauer durch Bilder laufen kann, die wie stilisierte Standbilder aus Filmen verschiedener Genres wirken, sich aber gleichzeitig nach allen Seiten ausbreiten. Es gibt mehr zu entdecken als in Pearl, und obwohl Dear Angelica viel weniger realistisch und viel assoziativer ist, verliert man sich darin viel schneller und gründlicher.

Zudem ist auch die Machart eine besondere: Die Illustratorin Wesley Allsbrook hat alle Szenen selbst innerhalb der virtuellen Realität gemalt, mithilfe der Oculus Touch Controller und der eigens für das Projekt entwickelten Mal-App Quill. Dear Angelica zu sehen, fühlt sich deshalb an, als stünde man einem Gemälde, während es gemalt wird.

Sollte die Academy in diesem Jahr irgendwelche Gründe finden, um La La Land mit einem Oscar (oder 14) auszuzeichnen, dürfte sie 2018 auch keine Mühe haben, diesen VR-Film zu prämieren.