"Ich vermisse Bo" – Seite 1

Um 900.000 Follower auf Instagram zu bekommen, muss man entweder besonders talentiert oder besonders bekannt sein (oder sich welche kaufen). Pete Souza ist beides. Der 62-Jährige war in den achtziger Jahren während der Präsidentschaft von Ronald Reagan Cheffotograf im Weißen Haus und seit 2008 der Cheffotograf von Barack Obama. Seit Donald Trump im Januar dessen Amt übernahm, ist Souza wieder Freiberufler – und verbringt seine Zeit unter anderem damit, Trump dezent auf Instagram zu kritisieren.

Zu dieser Interpretation kamen in den vergangenen Tagen sowohl viele seiner Follower als auch diverse US-Medien. "Ein stiller, schattenwerfender Protest, erzählt in Fotos", schrieb die Nachrichtenseite CNN und auch bei der Washington Post fragte man sich, ob der Fotograf mit seinem Instagram-Profil nicht den neuen Präsidenten trolle.

Derzeit veröffentlicht Souza vor allem Bilder aus seinem persönlichen Archiv, in dem allein zwei Millionen Aufnahmen aus der Amtszeit Barack Obamas liegen sollen. Darunter befinden sich einige ikonische Aufnahmen, etwa vom Treffen zwischen Angela Merkel und Obama während des G7-Gipfels in Deutschland. Doch aufmerksamen Beobachtern ist nicht entgangen, dass einige der von Souza veröffentlichten Bilder auffällig nah dran sind an den aktuellen Entwicklungen im Weißen Haus.

Kritik am Einreisestopp und Telefonaten

Zum Beispiel am mittlerweile ausgesetzten Einreisestopp. An jenem Wochenende, an dem Trump den Menschen aus sieben vornehmlich muslimischen Ländern die Einreise in die USA untersagen wollte, veröffentlichte Souza ein Bild, das Obama mit einem jungen Flüchtling in Malaysia zeigt. Einen Tag später folgte eine Aufnahme aus dem Weißen Haus mit einem Jungen, der Obama in einem Brief darum gebeten hatte, ein verletztes Kind in Syrien zu retten. Die Nachricht schien klar zu sein: Während die Trump-Regierung das Land abschottet, ging Obama auf die Flüchtlinge zu. (Wobei in dessen Amtszeit mehr Menschen abgeschoben wurden als unter jedem anderen US-Präsidenten.)

Wenig später griff Trump den Bundesrichter, der den Einreisestopp untersagte, auf Twitter persönlich an. Rechtsexperten kritisierten das, zeugt es noch von mangelndem Respekt gegenüber dem Rechtssystem in den USA und den sogenannten checks and balances. Auf Souzas Instagram erschien daraufhin ein Bild vom Boden aus dem Weißen Haus, auf dem "Justiz" und "Regierung" nebeneinander stehen.

September 2010.

Ein von Pete Souza (@petesouza) gepostetes Foto am

Auch Trumps erste Kontakte mit anderen Staatschefs waren Souza offensichtlich nicht entgangen. Nachdem Trump erklärt hatte, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen und die Mexikaner dafür zur Kasse zu bitten, sagte deren Präsident Enrique Peña Nieto ein Treffen ab. Souza veröffentlichte eine Archivaufnahme, die Obama und Peña Nieto entspannt beim Tequilatrinken zeigte. Ein anderes Bild zeigte Obama im Plausch mit dem australischen Ministerpräsidenten Malcolm Turnbull. Ihn hatte Trump Berichten zufolge in einem Telefonat wütend für ein Flüchtlingsabkommen kritisiert.

"Diese verfluchten Lampen"

In den meisten seiner Instagram-Posts verzichtet Souza auf kommentierende Bildunterschriften. Die Interpretation überlässt er seinen Followern. Zum Beispiel in einem Bild aus dem Oval Office, auf dem neben Obamas Beinen drei Frauen zu sehen sind, die zu Obamas Chefberaterinnen gehörten. "Man könnte sagen, ich wollte mit dem Bild ein Statement machen", schreibt Souza über das Original. Das passt aber auch zur aktuellen Situation: Donald Trump hat mit Kellyanne Conway zwar ebenfalls eine weibliche Beraterin, ansonsten aber besteht Trumps engster Kreis aus Männern.

Meeting with top advisors. This is a full-frame picture. I guess you'd say I was trying to make a point.

Ein von Pete Souza (@petesouza) gepostetes Foto am

Ein anderes Foto von einem Treffen hochrangiger Regierungsvertreter aus dem Weißen Haus enthält einen offensichtlicheren Kommentar von Souza: "Diese verfluchten Lampen ;)" lautet die Bildunterschrift. Wahrscheinlich spielt der Fotograf auf einen Bericht der New York Times an, wonach Trump und seine Mitarbeiter Probleme hätten, im Weißen Haus die richtigen Lichtschalter zu finden, weshalb manche Treffen angeblich in dunklen Räumen stattfinden.

Those damn lights ;)

Ein von Pete Souza (@petesouza) gepostetes Foto am

Die Wehmut der Obama-Fans

Für seine subversive Kritik an der Trump-Regierung erfährt Pete Souza zwar viel, aber nicht ausschließlich Zustimmung. Im Fotografieblog PetaPixel etwa werfen ihm vereinzelt Kommentatoren vor, Fotojournalismus mit einer politischen Agenda zu vermischen. Und sicher ist Souza, der sich nach eigenen Angaben politisch eher auf der Seite der Demokraten sieht, nicht unvoreingenommen.

Dass Souzas Aktion im Netz gerade so viel Aufmerksamkeit bekommt, liegt letztlich auch an einer gewissen Wehmut, mit der Trump-Kritiker auf die Präsidentschaft seines Vorgängers schauen. Sie zeigte sich unter anderem auch, als Obama in der vergangenen Woche beim Kitesurfing fotografiert wurde. In den sozialen Netzwerken wurde der Urlaub des Ex-Präsidenten schnell zum Meme und viele wünschten sich einen Präsidenten zurück, der lachend surft, anstatt auf Twitter zu ätzen.

Ob es Souza auch so geht, hat der Fotograf selbst noch nicht gesagt. Die Antwort versteckt sich möglicherweise ebenfalls auf Instagram: "Ich geb's zu: Ich vermisse Bo", schreibt Souza unter ein Foto von Obamas Hund, der im Schnee hinter dem Weißen Haus spielt. Bo ist zwar der Name des Vierbeiners, könnte aber auch für die Initialen seines Herrchens stehen.

I admit it. I miss Bo.

Ein von Pete Souza (@petesouza) gepostetes Foto am