Wer hat Angst vor dem Recht auf Reparatur? – Seite 1

Reparaturen sind lästig und nicht selten teuer. Wer etwa den Bildschirm eines iPhone 7 austauschen möchte und nicht das Garantieprogramm AppleCare+ abgeschlossen hat, bezahlt bei Apple gut 150 Euro. Etwas günstiger ist es vermutlich im Handyshop um die Ecke, doch der ist möglicherweise kein autorisierter Partner. Das Display selbst auszutauschen, ist am günstigsten. Doch das erfordert nicht nur die entsprechenden Ersatzteile, die Apple nicht offiziell verkauft, sondern auch handwerkliches Geschick. Zudem geht dabei der Garantieanspruch flöten.

Ähnlich sieht es bei anderen Herstellern aus, nicht nur von Smartphones, sondern auch anderer elektronischer Geräte. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass die Hersteller Reparaturmonopole aufgebaut haben: Indem sie den Verkauf offizieller Ersatzteile unterbinden, nur autorisierten Händlern die Reparatur erlauben und gleichzeitig die Produkte immer schwieriger zu reparieren sind, verdienen sie häufig noch lange nach dem Verkauf an den Geräten.

In den USA ist das sogenannte Recht auf Reparatur ein Politikum. Acht Bundesstaaten (Massachusetts, Nebraska, New York, Tennessee, Wyoming, Minnesota, Kansas und Illinois) haben inzwischen Gesetzentwürfe dazu vorgelegt. Sie besagen, dass die Hersteller ihre Originalersatzteile auch an Verbraucher und unabhängige Dienstleister verkaufen müssen. Zudem müssen sie Diagnose- und Reparaturanleitungen veröffentlichen und entsprechende Beschränkungen deaktivieren, die eine Reparatur durch Dritte verhindern könnten.

Von Traktoren zu Smartphones

Hersteller und Branchenverbände wollen solche Gesetzesinitiativen durch Lobbyarbeit verhindern. Dazu gehört auch Apple, wie das Onlineportal Motherboard berichtet. Demnach soll die Senatorin Lydia Brasch aus Nebraska kürzlich von einem Lobbyisten des Unternehmens besucht worden sein. Bereits in der vergangenen Woche hatte Motherboard eine anonyme Quelle zitiert, wonach unter anderem Apple und der Telekommunikationsanbieter AT&T in Nebraska gegen das Recht auf Reparatur vorgehen wollten. AT&T hat das inzwischen dementiert.

Brasch zufolge behauptete der Apple-Repräsentant, durch eine unrechtmäßige Reparatur könnten die Akkus in Brand geraten. Zudem gebe es genug offizielle Reparaturstellen. Ein entsprechendes Gesetz würde Nebraska zu "einem Mekka für Hacker machen", weshalb man darum bitte, die Stelle im Gesetzentwurf, die explizit Telefone einbezieht, wieder herauszunehmen.

Tatsächlich war der Entwurf in Nebraska ursprünglich auf die Reparatur von landwirtschaftlichem Equipment ausgelegt. So sind beispielsweise moderne Traktoren des Herstellers John Deere für Landwirte nicht mehr einfach zu reparieren, weil nur die offiziellen Mechaniker Zugriff auf die Software haben. Falls eine Maschine kaputtgeht, müssen die Besitzer teilweise tagelang auf eine Reparatur warten – das könnte während der Ernte viel Geld kosten. Umgehen die Besitzer die Softwarevorkehrungen auf eigene Faust, machen sie sich gemäß dem Digital Millennium Copyright Act strafbar.

Wider das Reparaturmonopol

Ein right to repair würde in Nebraska und den anderen Staaten nun nicht nur Traktoren, sondern auch Elektronik wie Smartphones umfassen. Deshalb gehen Unternehmen wie Apple dagegen vor. Übrigens nicht zum ersten Mal: Sowohl in New York als auch in Massachusetts betrieb Apple bereits früher Lobbyarbeit gegen entsprechende Gesetzesänderungen. Die Huffington Post schrieb von einem "geheimen Krieg" der Hersteller. Nicht zu vergessen ist, dass auf der anderen Seite dieser Auseinandersetzung ebenfalls Lobby- und Handelsverbände wie die Repair Association oder kommerzielle Anbieter wie die Reparaturwebsite iFixit stehen.

Deren Argumente für ein Recht auf Reparatur lauten wie folgt: Erstens wird dadurch das Reparaturmonopol der Hersteller aufgelöst. Das sorge für mehr Wettbewerb, mehr Jobs und im Endeffekt geringere Kosten für Ersatzteile und damit für die Verbraucher. Zweitens können Reparaturen helfen, unnötigen Elektroschrott zu verhindern, weil derzeit viele Menschen lieber auf die nächste Generation eines Geräts warten, als für viel Geld ein Display austauschen zu lassen.

Drittens habe jeder Käufer ein Recht darauf, mit seinem Eigentum anzustellen, was er möchte. Und viertens müssten sich Verbraucher wieder bewusst werden, dass sich in ihren Smartphones keine besondere Technik, sondern in der Regel ganz normale Bauteile aus der Massenproduktion befinden, die sich weit einfacher austauschen lassen, als es die Hersteller zugeben wollen.

Ein Gesetz muss gut durchdacht sein, sagen Kritiker

Die Hersteller sehen das anders. Apple etwa argumentiert, es gebe bereits ein großes Netzwerk autorisierter Servicepartner. Zudem geht das Unternehmen mit verschiedenen Initiativen gegen Elektroschrott vor. Die Argumente, es gebe nicht genügend Reparaturmöglichkeiten und man produziere deshalb mehr Elektromüll, seien deshalb nicht haltbar.

Vonseiten des Lobbyverbandes Technet, dem neben Apple noch weitere führende US-Technologiefirmen angehören, heißt es, ein right to repair, wie es derzeit in einzelnen Bundesstaaten debattiert wird, sei noch zu vage und betreffe zu viele Bereiche, von landwirtschaftlichen Geräten über Unterhaltungselektronik hin zu medizinischem Equipment. Bevor ein solches Gesetzes in einem Bundesstaat verabschiedet wird und damit als Blaupause für die Gesetzgebung in anderen dienen kann, müsse es deshalb genau geprüft werden.

Das wichtigste Argument bleibt dabei die Sicherheit: Nur geschulte Techniker mit Zugriff auf die offiziellen Ersatzteile könnten garantieren, dass die Technik dabei nicht beschädigt wird oder es später Komplikationen gibt, heißt es. Überspitzt gesagt: Es möchte wohl niemand, dass jemand eine Dialysemaschine mit Ersatzteilen repariert, die er auf eBay erstanden hat. Oder dass sich ein tonnenschwerer Traktor plötzlich selbstständig macht. Solche Szenarien sehen die Kritiker des Gesetzes im Extremfall gegeben. Befürworter wie Lydia Brasch erwidern, Landwirte hätten seit jeher ihre Gerätschaften problemlos selbst repariert.

Schafft Reparatur ein "Mekka für Hacker"?

Auch Apple bezieht sich gerne auf die Sicherheit. Das Unternehmen stand bereits einmal wegen seiner Reparaturpraxis in der Kritik. Der Grund hieß Error 53. Dieser trat bei vielen Kunden auf, die den Homebutton ihres iPhones bei einem Drittanbieter reparieren ließen. Anschließend war das Gerät nicht mehr benutzbar, weil der Knopf individuell an das Gerät geknüpft war. Wurde er ausgetauscht, interpretierte das System dies als Manipulation. Was Apple als Sicherheitsfeature anpries (und Sicherheitsforscher nicht überzeugte), sahen Verbraucherschützer als einen Weg, die Reparatur durch Dritte zu verhindern. Nach einer Sammelklage in den USA hatte Apple im vergangenen Jahr einen Softwarefix für betroffene Geräte nachgereicht und sich für den Error 53 entschuldigt.

Wie die jüngsten Aussagen des Apple-Lobbyisten über ein mutmaßliches "Mekka für Hacker" in Nebraska zeigen, glaubt Apple aber offenbar weiterhin, dass ein Recht auf Reparatur in Zukunft Sicherheitsvorkehrungen aushebeln könnte. Wirklich realistisch sind diese Ängste nicht. Zum einen bedeutet das Gesetz nicht, dass Apple in irgendeiner Weise die Verschlüsselung der Geräte aufgeben müsste, beziehungsweise könnte das Unternehmen seine Smartphones so bauen, dass ein Austausch des Displays, Akkus oder Homebuttons möglich ist, ohne die Sicherheit des Systems und der Nutzerdaten zu gefährden.

Zum anderen benötigen Hacker, die wirklich die Hard- und Software von Smartphones knacken möchten, dafür nicht erst ein Reparaturgesetz, hinter dem sie sich möglicherweise verstecken könnten. Oder, wie es Kyle Wiens, der CEO von iFixit, mit Blick auf ein ähnliches right to repair für Autobesitzer in Massachusetts sagt: "Es sind seitdem auch nicht mehr Autoknacker nach Massachusetts gezogen."