Menschen die Möglichkeit zum Teilen geben und die Welt offener und verbundener machen – das ist Facebooks offizielle Mission, wörtlich übersetzt. Im Großen und Ganzen funktioniert das gut. Aber manchmal scheinen Facebookmitarbeiter diesen Grundsatz auf eigene Weise zu interpretieren. So ist es jetzt Journalisten der BBC widerfahren. Sie wurden unerwartet mit der Polizei verbunden.

Eigentlich wollten sie nur überprüfen, ob Facebook die Wahrheit gesagt hat, als das Unternehmen verkündete, seine Löschpraxis verbessert zu haben. Ausgangspunkt war eine BBC-Recherche vor einem Jahr. Sie hatte ergeben, dass Facebook wenig gegen geschlossene Gruppen von Pädophilen unternimmt, in denen sexualisierte Darstellungen von Kindern getauscht und obszöne Kommentare unter irgendwo im Netz kopierte Kinderfotos gestellt werden.

Nun wollten dieselben BBC-Journalisten herausfinden, ob Facebook – wie versprochen – verstärkt gegen solche Inhalte in seinem Netzwerk vorgeht. Sie meldeten 100 ihrer Ansicht nach anstößige Fotos von Teenagern in sexualisierten Posen, von Seiten, die sich ausdrücklich an Pädophile richten und sogar ein Standbild, das mutmaßlich aus einem Video stammt, in dem ein Kind missbraucht wird.

Interview erst zu-, dann abgesagt

Facebook löschte nur 18 der 100 Bilder. Die anderen – darunter auch das Standbild – würden nicht entfernt, bekamen die Reporter mitgeteilt, denn sie würden die Gemeinschaftsstandards nicht verletzen. Allerdings heißt es darin eindeutig: "Inhalte, die mit sexueller Gewalt und Ausbeutung drohen oder diese unterstützen, werden entfernt. Hierzu gehören auch die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger." In den Standards steht darüber hinaus: "Laut unserer Definition gehört zu sexueller Ausbeutung die Anforderung sexueller Materialien, sämtliche sexuelle Inhalte, bei denen Minderjährige eine Rolle spielen."

Deshalb baten die Journalisten um ein Interview mit einem zuständigen Facebookmitarbeiter. Eine entsprechende Zusage bekamen sie von Simon Milner, Facebooks Policy Director für Großbritannien, den Mittleren Osten und Afrika, unter einer Voraussetzung: Sie sollten ihm Beispiele für jene Inhalte schicken, die gemeldet, aber nicht entfernt wurden.

Das taten die Journalisten. Daraufhin meldete Facebook sie bei der Polizei. Genauer: Bei einer Abteilung der National Crime Agency, die so etwas wie das britische Bundeskriminalamt ist.

Konsequenzen für die Journalisten sind unklar

Das Unternehmen gab auch ein Statement ab. Darin hieß es, mittlerweile habe Facebook alle von der BBC gemeldeten Inhalte entfernt. Man nehme die Angelegenheit "extrem ernst" und arbeite daran, das Meldesystem weiter zu verbessern. Und weiter: "Es ist illegal für jeden, Bilder von Kindesmissbrauch zu verbreiten. Als die BBC uns solche Bilder geschickt hat, haben wir dem Branchenstandard gemäß gehandelt und sie [im Zusammenhang ist hier offenbar die BBC gemeint] dem Child Exploitation & Online Protection Centre gemeldet."

Mit anderen Worten: Facebook hat erst verlangt, Beispiele für nicht gelöschte Inhalte geschickt zu bekommen. Nachdem das geschehen war, hat sich das Unternehmen auf den Standpunkt gestellt, dass der Versand gegen das Gesetz verstößt und die Polizei eingeschaltet. 

Eine Facebooksprecherin erklärte auf Anfrage von ZEIT ONLINE, Facebook habe die BBC ausdrücklich um die Links auf die fraglichen Inhalte gebeten, also um die URLs, da das Versenden der Bilder an sich in Großbritannien strafbar wäre, egal mit welcher Intention. Als die Journalisten dennoch die Bilddateien schickten, habe das Unternehmen "keine andere Wahl gehabt", als die Behörden einzuschalten.

Facebook steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Der angesehene Sicherheitsforscher Alec Muffet etwa teilt sie. "Das ist genau das, was das Gesetz vorsieht", schrieb er auf Twitter, "was hat die BBC denn erwartet?"

Welche Konsequenzen der Fall für die Journalisten hat, ist unklar. Der Autor des BBC-Berichts, Angus Crawford, hat auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE bisher nicht reagiert. Die Facebooksprecherin sagte aber, man habe keine Anzeige gestellt.

Facebook wird wegen dieses Falls von Politikern öffentlich kritisiert. Der Vorsitzende des Medienausschusses im britischen Parlament, Damian Collins, bezeichnete Facebooks Verhalten als "außergewöhnlich", schließlich habe die BBC versucht, dem Unternehmen beim Aufräumen des eigenen Netzwerks zu helfen. Collins und auch die britische Kinderschutzbeauftragte Anne Longfield halten die Löschpraktiken Facebooks zudem weiterhin für "enttäuschend" und "inakzeptabel". Longfield bezweifelt, dass menschliche Moderatoren die Inhalte bewertet haben. Sie geht davon aus, dass die Prüfung automatisiert erfolgte.