Wenn wir uns vorstellen, dass eine künstliche Intelligenz das Ende der Menschheit herbeiführen könnte, denken wir zumeist an kalte Roboter, die uns gewaltsam unterjochen. Vielleicht wird es aber auch viel friedlicher ablaufen. Vielleicht schalten wir uns einfach selbst ganz sanft und freiwillig ab. Indem wir uns gegenseitig durch Algorithmen ersetzen, die weder ein Bewusstsein haben, noch uns von ihrer Intelligenz her überlegen sind. Einfach nur, weil es leichter ist. Weil sie unseren basalen Trieben, Ängsten und Hoffnungen besser gerecht werden als unsere Mitmenschen.

Wenn man heutzutage mit Chatbots kommuniziert, scheint ein Szenario wie im Film Her schwer vorstellbar. Der von Joaquin Phoenix gespielte Hauptdarsteller verliebt sich in ein sprechendes Betriebssystem und verspürt irgendwann kein Bedürfnis mehr, mit anderen Menschen Zeit zu verbringen. Aber man merkt den Antworten von Microsofts Cortana oder der virtuellen IKEA-Beraterin Anna auf sexuelle Avancen an, dass schon eine Reihe von Menschen – meistens wohl im Scherz – ausprobiert haben, ob heutige Software ähnliches Potenzial hat.

Die meisten Menschen würden wahrscheinlich für sich in Anspruch nehmen, dass sie die Kommunikation mit so einem Programm nicht dauerhaft dem Gespräch mit realen Menschen vorziehen. Aber vielleicht liegt die größere Gefahr auch gar nicht in dem Bedürfnis nach Small Talk, sondern in unserer Angst vor Unberechenbarkeit. Weil Menschen mit ihrem subjektiven Bewusstsein und ihrer Unvorhersehbarkeit Angst machen können. Sie können kränken und verletzen, und man kann nie ganz sicher sein, dass man sie nicht eines Tages durch Trennung oder Tod verliert.

Ein Bot, der den verstorbenen besten Freund ersetzen sollte

Bots sind da möglicherweise die sichere Bank. Ihr Verhalten ist im Prinzip vorhersehbar. Sie verletzen uns nicht und wenn wir sie nicht anders programmieren, dann bleiben sie für immer bei uns. Vielleicht können sie sogar die Illusion erschaffen, mit einer Person zu kommunizieren, die als Mensch bereits nicht mehr existiert. Die Start-up-Gründerin Eugenia Kuyda hat das versucht: Sie programmierte einen Chatbot, um mit ihrem besten Freund Roman Mazurenko zu kommunizieren, als dieser schon tot war. Sie ließ den Bot an alten Nachrichten ihres mit 32 Jahren verunglückten Freundes lernen, wie er zu kommunizieren, und schuf so eine mitunter erstaunliche, gar berührende Illusion.

Künstliche Intelligenz wird für uns deshalb wahrscheinlich nicht dort zum Problem werden, wo wir zufrieden sind und uns souverän fühlen. Sondern dort, wo wir schwach sind und verletzlich. Das gilt eigentlich ganz allgemein für Technik. Patienten berichten zum Beispiel, dass Internetnutzung für sie zum Problem wird, wenn sie sich in der Anfangsphase einer Krise befinden. Nur noch über soziale Medien zu kommunizieren, nicht mehr rausgehen zu müssen und sich online so zu beschäftigen, dass Langeweile und innere Leere nicht überhandnehmen, verschafft zunächst Erleichterung. Kritisch wird es dann jedoch oft dadurch, dass sich durch diesen Rückzug die Krise einerseits nicht bessert, andererseits aber auch nicht so zum Ausbruch kommt, dass sie ausreichend Druck erzeugt, damit man etwas ändert oder sich Hilfe holt.

Für Chatbots wird, je besser sie werden, vermutlich Ähnliches gelten. Im privaten Bereich werden wir wohl am ehesten dort anfangen, Chatbots realen Menschen vorzuziehen, wo wir uns verletzlich und schwach fühlen. Wo uns Risiken oder Herausforderungen der menschlichen Kommunikation zu groß erscheinen. Weil uns dann eine rudimentäre Kommunikation mit einem Bot zwar nicht so befriedigend erscheinen mag wie mit einer realen Person, aber doch weniger bedrohlich als die Auseinandersetzung mit einem echten Menschen.

Dr. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er forscht an der Charité Berlin und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis. Nebenher schreibt er als freier Autor Bücher und Essays zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. © Praxis Kalbitzer

Es muss gar nicht so weit kommen, dass wir Chatbots dazu einsetzen, um uns mit ihrer Hilfe der Illusion hinzugeben, mit einem verstorbenen Partner und engen Freund in Kontakt bleiben zu können. Vielleicht ist es ja auch nur ein Abbild der ersten großen Liebe, die uns verlassen hat. Wir könnten den Bot ja einfach ausschließlich an schönen Nachrichten und Gesprächen lernen lassen, um die Zeit der großen Verliebtheit für immer zu simulieren und im Alltag nebenbei laufen zu lassen, wie eine schöne Musik.

Zum Glück ist der Mensch, das wissen die meisten von uns spätestens seit Matrix, nicht in der Lage, ein allzu komplikationsloses Leben dauerhaft genießen zu können. Eigentlich brauchen Menschen Herausforderungen und das Erfolgserlebnis, sie zu bewältigen, um sich wohl zu fühlen. Die Hauptgefahr besteht deshalb eher darin, dass wir einfach verlernen, Herausforderungen anzunehmen, obwohl wir es gerne täten. Und uns dann nicht mehr trauen, es ohne technische Unterstützung zu versuchen oder einfach nicht mehr wissen, wie es geht. Weil wir es uns mithilfe von Technik in einer Welt so Ich-bezogen eingerichtet haben, dass die Auseinandersetzung mit anderen bedrohlich und überfordernd erscheint.

Die Freiheit, sich überraschen zu lassen

Es gibt Wissenschaftler, die bezweifeln, dass Menschen sich von Maschinen unterscheiden. Sie glauben, dass das Konzept von Bewusstsein und freiem Willen Illusion ist. Wenn wir aber an einen grundlegenden Unterschied glauben und einen Wert darin sehen, uns mit Menschen zu umgeben, die uns überraschen und herausfordern können, unser eigenes Weltbild zu hinterfragen, dann sollten wir diese Freiheit jetzt einsetzen – um uns zu entscheiden, wie wir uns ein zukünftiges Leben als Menschen vorstellen und welche Funktionen künstliche Intelligenz und Roboter darin übernehmen sollen. Andernfalls wird uns diese Entscheidung von einem Markt vorgegeben, der nach Gewinnmaximierung strebt.

Der erste Schritt in diese Richtung ist allerdings deutlich unspektakulärer, als dystopische Science-Fiction-Thriller vermuten lassen. Er besteht darin, noch öfter das Gespräch mit jemandem zu suchen, der nicht unserer Meinung ist. Und den Respekt vor seiner Andersartigkeit nicht zu verlieren. Weil er uns durch die Herausforderung, die er darstellt, davor retten wird, es uns aus Faulheit oder Angst vor Verletzung und Verlust in einer egozentrischen Welt einzurichten, in der wir irgendwann abhängig sind von Technik und Algorithmen.