Hacker tragen bei der Arbeit meistens Skimasken, das ist vermutlich Tradition, so genau weiß das niemand. Auf Bildern im Internet sehen sie jedenfalls immer so aus, also muss es wohl stimmen.

In der wundervollen Welt der Stockfotografie gibt es aber noch ganz andere lachhafte Abgründe. Der britische Journalist Andy Kelly sucht gezielt nach ihnen und präsentiert seine Funde auf dem Twitteraccount @darkstockphotos.

Da wäre etwa eine junge Frau, die sich daran macht, absurde Mengen eines weißen Pulvers zu schniefen, das in Form der Buchstaben D,R,U,G und S vor ihr liegt.

Eine Nonne mit einer Pistole.

Ein finster dreinblickender Mann in schmutzigen Klamotten mit einer Kette in der linken und einem Beil in der rechten Hand.

Eine lachende Frau, die gerade einen Mann erstochen hat.

Ein Vater mit einem Kleinkind im Arm, beide rauchen Zigarette.

Diverse Über-, Un- und Todesfälle.

Mehr als 100 solcher Motive hat Kelly bisher auf Twitter präsentiert. Er sucht bei Anbietern wie Shutterstock, iStock und Depositphotos nach Schlüsselwörtern wie Tod, Drogen, Waffe, Schmerz und Leid – und findet Material, das man unmöglich ernst nehmen kann.

Die Frage ist nur, warum es diese Bilder überhaupt gibt. Die entsprechenden Themen tauchen in der täglichen Berichterstattung natürlich auf. Nur welches Medium würde solche Fotos zur Illustration verwenden? Sie sind subtil wie ein Holzhammer, klischeebeladen und unrealistisch.

Kelly schreibt in einer E-Mail an ZEIT ONLINE: "Das Mysterium ihrer Existenz macht sie so schreiend komisch. Mir vorzustellen, was dem Fotografen dabei durch den Kopf gegangen ist, finde ich so lustig wie die Bilder selbst."

Stockfotografie, schreibt er, "ist immer völlig stumpf und kein bisschen subtil. Die Fotos müssen vom Publikum auf den ersten Blick verstanden werden, was zu einigen wirklich absurden Bildkompositionen führt. Wenn eine Website ein Motiv braucht, auf dem eine Winterdepression dargestellt ist, dann positionieren Stockfotografen eben einen Typen vor einem Weihnachtsbaum und drücken ihm eine Pistole und eine Flasche Whiskey in die Hand. Es ist nicht im Geringsten künstlerisch, und genau das werde ich immer witzig finden." Seinen mehr als 70.000 Followern mit dem gleichen schwarzen Humor geht es ähnlich.

Dabei gibt es noch eine andere, subtilere Art der Stockfotografie. Eine, in der höchstens Stimmungen angedeutet werden. In der nie eine konkrete Aktion gezeigt wird und in der Gesichter meistens nicht zu erkennen sind. In der Bilder alles mögliche darstellen können und erst die Worte drum herum den Kontext schaffen. "Für sich genommen sind sie (...) wie eine Leerstelle oder offene Variable", so beschrieb es der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich im Jahr 2008.

Doch die Tatsache, dass Stockfotografen offenbar einen Markt für die Holzhammer-Bilder erkannt haben, zeigt wahrscheinlich, was für eine Vorstellung sie von heutigen Medienkonsumenten haben: abgestumpft von den ständigen Horrormeldungen und -bildern und mit einer so kurzen Aufmerksamkeitsspanne, dass für subtile visuelle Andeutungen keine Zeit bleibt.

Andy Kelly schreibt, er würde wahnsinnig gerne "die Nutzungsstatistiken einiger dieser Fotos sehen und erfahren, wie viele Menschen sie wirklich gekauft haben." Offenbar glaubten die Fotografen, dass sich ein Schnappschuss zum Beispiel von einem weinenden kleinen Jungen, der an einer Klippe steht und eine Waffe in der Hand hat, lohnen könnte. Es ist Kellys bisheriges Lieblingsfoto.