Eine Forschungsstation auf dem Grund des Meeres. Wissenschaftler entdecken eine Spezies, die wie eine Kreuzung aus Fisch und Mensch anmutet. Nichts kann die Feierlaune trüben. Nichts?

So lautet die Zusammenfassung der jüngsten Folge der Zukunfts-Chroniken von Frank Hammerschmidt. Der gelernte Industriekaufmann hat schon in seiner Jugend eine Faszination für Hörspiele entwickelt. Heute produziert er die Zukunfts-Chroniken und ist Teil einer Hörspielszene, die sich nicht um Verkaufszahlen schert. Die Macher sind Amateure, ihre Produkte jedoch erreichen teilweise durchaus professionelles Niveau.

Der Lohn ist ein Ergebnis, von dem Sie nur träumen konnten, als Sie als Kind auf dem Kassettenrekorder Geschichten einsprachen. In seiner Kindheit in den Siebziger Jahren etwa habe es noch nicht viel anderes gegeben, sagt Hammerschmidt. Wenn er nicht draußen mit Freunden spielte, saß er in seinem Zimmer und hörte Die Gruselserie und Geisterjäger John Sinclair – oder nahm Hörspiele mit Freunden auf. Die beschränkten sich aber meistens darauf, sich mit dem Kassettenrekorder aufzunehmen und etwas frei einzusprechen. Erst 2009 entdeckte er die nichtkommerziellen Hörspiele für sich. Zunächst als Hörer, später als Autor. Zusammen mit dem Cutter Joky One entwickelte er die Science-Fiction-Serie Zukunfts-Chroniken.

Eine Million Hörspieldownloads

Mitstreiter suchte Hammerschmidt in dem Internetforum Hoertalk, in dem Hobbyautoren, -sprecher und -tonleute aus ganz Deutschland zueinander finden. Gegründet hat das Forum 2007 Dennis Künstner, der selbst ein Hörspiel machen wollte. "In meinem Freundeskreis gab es niemanden, der Interesse daran gehabt hätte, ein Hörspiel aufzunehmen. Also suchte ich im Internet nach Interessierten", sagt Künstner.

Auf der ebenfalls von ihm gegründeten Website hoerspielprojekt.de erscheinen mittlerweile die Veröffentlichungen, seit der Gründung sind es schon über 150. Die Website zählt bereits eine Million Hörspieldownloads. Die beliebtesten Hörspiele haben auf YouTube mehr als 100.000 Aufrufe, der Kanal der Internetseite hat 13.000 Abonnenten.

Der Anfang sei holprig gewesen, sagt Künstner. Die Idee des Forums sei gewesen, dass jeder von zu Hause aus seinen Text aufnehmen könne. Knapp zehn Gleichgesinnte waren es zunächst. "Es gab am Anfang zum Beispiel aber keine älteren Stimmen, weswegen wir entweder Skripte passend schreiben mussten oder alternativ die Stimme beim Sprechen etwas gedrückt wurde. Das klingt natürlich auch etwas albern, aber hat uns dafür umso mehr Spaß gemacht."

Seit diesen Anfängen ist viel passiert. Die Community hat sich im Laufe der Jahre die verschiedenen Bereiche erarbeitet, die man für ein vernünftiges Hörspiel braucht: von Technik über Software bis hin zu einem strukturierten Ablauf der Produktion. Vor allem bei der Audiobearbeitung hat sich einiges verändert. Früher sei man oft umständliche Wege gegangen, weil man es nicht besser wusste, sagt Künstner. "Mit mehr Erfahrung ist dann doch einiges leichter und besser geworden." Durch kostenlose Tutorials zu verschiedenen Themen, wie zum Beispiel Audiosoftware, kann sich heutzutage jeder in solche Programme einarbeiten – durch Learning by Doing zum eigenen Hörspiel.

Raus mit den Schmatzern und Knacksern

Der Ablauf zum eigenen Hörspiel ist meist ähnlich: Zuerst reicht der Autor sein Skript ein. Das wird von Mitgliedern des Hörspielprojekts lektoriert. Dabei wird es unter anderem auf Logikfehler und die richtige Dialogsprache geprüft. Falls es noch Probleme gibt, arbeiten die Nutzer, die für das Lektorat zuständig sind, zusammen mit dem Autor eine verbesserte Version aus. Wenn das Skript stimmig ist, erhält es die offizielle Freigabe, und es wird ein Casting im Forum ausgeschrieben. Darauf können sich dann die Sprecher, meistens mit kurzen Hörproben, bewerben. Daneben werden auch weitere Mitstreiter gesucht, zum Beispiel Musiker, Coverdesigner und Cutter.

Für den Autoren Hammerschmidt ist es normal, dezentral mit den anderen Mitarbeitern einer Produktion zusammenzuarbeiten: "Nachdem mein Skript lektoriert wurde, schicke ich den Text den Sprechern zu, meistens mit einigen Sprechanweisungen." Die nehmen dann ihre Teile des Hörspiels eigenständig auf und senden sie dem Cutter, der das Hörspiel schneidet, Musik einfügt und die Geräuschkulisse erzeugt.

"Es war natürlich toll, das erste Mal die selbst erfundenen Charaktere zu hören", sagt Hammerschmidt. Bevor es aber überhaupt nur annähernd wie Hörspiel klingt, muss aus dem vorliegenden Material ein Szenengerüst mit den dazugehörigen Dialogen geschnitten werden, ergänzt der Cutter Joky One. Anders als Hammerschmidt kommt er nicht aus der Welt der Hörspielnerds, sondern kam über verschiedene Projekte, bei denen er als Produzent mitarbeitete, in die Szene. In seinem Wohnort Bad Hersfeld betreibt er mittlerweile in Kooperation mit einer Kinder- und Jugendeinrichtung eine Hörspielwerkstatt. Dort werden teilweise auch die Hörspieltexte aufgenommen. Denn nicht immer ist die Qualität der zu Hause aufgenommenen Texte so gut, wie man sie bräuchte.

Man ist selten schnell am Ziel

Manchmal sei die Qualität der Aufnahmen grenzwertig, sagt Joky One. "Da wird in der Audiobearbeitung viel getrickst und die Frequenzen hin- und hergeschoben, bis es passt." Wenn man tolle Aufnahmen hat, müsse nur die beste ausgewählt werden und man sei schnell am Ziel. Das aber sei in der Amateurszene sehr selten. "Ich nehme es sehr detailgenau und höre alle Fehler wie Schmatzer, Knackser, unangenehme Zischlaute und so weiter heraus, die ich dann, wenn es sein muss, silbengenau korrigiere, austausche und wieder zusammenfüge", erklärt er.

Danach werden die Stimmen angepasst und das Hörspiel räumlicher gestaltet. Wichtig sei hier vor allem, dass auch nebensächlichere Geräusche wie Schritte und das Bewegen der Kleidung einer Figur den gleichen räumlichen Punkt haben, also aus der gleichen Richtung kommen. "Mit der Automation in den Audioprogrammen kann man dann zum Beispiel seine Figuren im Raum umherlaufen lassen", sagt Joky One. Dialoge von Sprechern, die sich nicht im gleichen Raum befinden, sind heute kein Problem mehr. Auch ohne gemeinsames Einsprechen im Studio lasse sich so etwas gut umsetzen.

"Wir können machen, was wir wollen"

Bei der Tongestaltung werde in Amateurhörspielen am meisten Potenzial verschenkt, auch aufgrund fehlender Möglichkeiten und Fähigkeiten. Erst durch den richtigen Ton bekomme ein Hörspiel Spannung und Leben. Daher bemüht sich Joky One hier auch besonders: "Wenn ich viel Zeit habe, arrangiere ich meine Soundparts und Soundwelten selbst mit erworbenen Soundbibliotheken und den mittlerweile unzähligen freien Soundeffekten, Samples und VST-Instrumenten, die es auf dem Markt so gibt. Manchmal mache ich Soundeffekte und Geräusche auch noch selbst mit einem tragbaren Aufnahmegerät, das schafft eine ganz besondere Wahrnehmung zur Materie."

Dann wird alles fertig abgemischt und noch einmal zur Kontrolle komplett durchgehört. Er mache dann immer eine Liste mit Stellen, die für seinen Geschmack noch einmal korrigiert werden müssten, sagt Joky. Das alles ist viel Aufwand, manchmal acht Stunden am Tag. Man müsse sich auch eingestehen, dass man in solche kostenfreien Projekte nicht unendlich Zeit stecken kann. Und doch versuchen alle Beteiligten, das beste Ergebnis zu erreichen. "Ich teste meine Arbeiten immer, ob sie bei mir auch Bilder, also Kopfkino erzeugen. Erst dann ist ein Hörspiel für mich ein gutes Hörspiel", sagt Joky. 

Im besten Fall denken das auch die Zuhörer. "Wenn alles zusammengebaut ist, feiern wir eine kleine Premiere, in der wir uns das Hörspiel gemeinsam über unser Webradio anhören und in einem Chat darüber sprechen", sagt Dennis Künster vom Hörspielprojekt. Dann wird es zum kostenlosen Download auf der Website zur Verfügung gestellt.

Zum Beruf wird das Hörspielemachen wohl für kaum einen der Beteiligten werden, auch wenn es manchen beruflich weiterhilft. Als Webdesigner und Hörspielmacher hat Künstner sein Hobby schon den ein oder anderen Auftrag beschert. "Es ist eine fantastische Referenz", sagt er. Und es mache Spaß, sich keine Gedanken machen zu müssen, "ob man die breite Masse anspricht, damit man möglichst viel verkauft, um überhaupt weiter produzieren zu können." Das sorge dafür, dass man frei heraus kreativ schreiben und produzieren könne - etwas, worauf er nicht verzichten will. "Die Community ist bei mir im Browser immer offen", sagt Künstner.

Auch Hörspielautor Hammerschmidt würde ohne das Ausdenken und Schreiben von Hörspielen etwas fehlen. Und er findet, dass das Internet die Hörspiellandschaft vor allem vielfältiger macht: "Wir von der freien Szene haben ja das Glück, dass wir nicht nach irgendwelchen Verkaufszahlen oder Quoten zu schielen brauchen. Dadurch können wir machen, was wir wollen."