Die Initiative AlgorithmWatch will Google ein wenig transparenter machen. Sie will verstehen, wie Google Suchergebnisse personalisiert, sie will Googles Algorithmus praktisch per Reverse Engineering durchleuchten.

Bekommen alle Google-Nutzer die gleichen Ergebnisse angezeigt, wenn sie in den Wochen vor der Bundestagswahl über Google oder Google News nach politischen Begriffen suchen? Und wenn nicht, was beeinflusst die individuellen Ergebnisse? Das sind die Ausgangsfragen von AlgorithmWatch für das Projekt Datenspende BTW17.

Zusammen mit mehreren Landesmedienanstalten startet die Initiative dazu ein Crowdsourcing-Projekt, das bis nach der Wahl dauern soll. Gesucht werden Freiwillige, die sich hier ein eigens programmiertes Plugin für ihren Chrome- oder Firefox-Browser herunterladen und installieren – und anschließend darüber Daten spenden.

Automatisiertes Suchen nach CDU, Grünen und AfD

Das Plugin öffnet bis zu sechsmal am Tag ein neues Browserfenster und schickt von dort Suchanfragen an Google und Google News. Gesucht wird nach verschiedenen Politikernamen und Parteikürzeln, im Einzelnen sind das zunächst Angela Merkel, Martin Schulz, Christian Lindner, Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir, Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Alice Weidel und Alexander Gauland sowie die Parteien CDU, CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und AfD.

Die jeweils erste Ergebnisseite von Google und Google News wird automatisch ausgelesen. Zusammen mit der Identifikationsnummer des Plugins, Ort und Postleitzahl der Nutzers (wie sie aus der IP-Adresse hervorgehen) sowie der Spracheinstellung des Browsers werden die Ergebnisse an das Projekt gesendet. Außerdem wird die Information übertragen, ob ein Nutzer während der Suchvorgänge bei Google eingeloggt war. Denn in Googles Sucheinstellungen steht: "Wenn du angemeldet bist, erhältst du basierend auf deiner Suchaktivität relevantere Ergebnisse und Empfehlungen." (Wie man das deaktivieren kann, erklärt Google hier.)

Ziel des Crowdsourcing-Projekts ist es, herauszufinden, unter welchen Umständen welche Suchergebnisse erscheinen. Wie sehr also der ungefähre Standort, Sprache und die persönliche Suchhistorie beeinflussen, was Google-Nutzer zu sehen bekommen, wenn sie nach Politikern und Parteien suchen.

Personalisierung ist möglicherweise weniger stark als angenommen

"Das ist kein Misstrauensvotum gegen Google", hatte Katharina Anna Zweig, Informatik-Professorin an der TU Kaiserslautern und Mitgründerin von AlgorithmWatch, bei einer ersten Vorstellung des Projekts gesagt. "Es geht darum, wie wir als Gesellschaft Algorithmen kontrollieren können."

Auf Nachfrage von ZEIT ONLINE schreibt Zweig, Google personalisiere nach eigenen Angaben vor allem auf den Standort der Nutzer bezogen. Wer nach einem Metzger suche, bekomme welche in seiner Nähe vorgeschlagen. Die Suchhistorie und welche Seiten jemand angeklickt hat, habe dagegen nicht den Einfluss, der gemeinhin angenommen wird. Es gebe auch Studien, die das bestätigen.

Sie glaube auch nicht, dass Googles Algorithmen die Bundestagswahl beeinflussen könnten. Dagegen spreche allein schon der insgesamt gesunde Mix im Medienkonsum der Deutschen. Sie schreibt: "Ich glaube, dass die Gefahr in dieser Wahl hauptsächlich von außen kommt. Die Algorithmen der sozialen Netzwerke zusammen mit denen der Suchmaschinen sorgen dafür, dass gezielt gestreute Falschinformationen in die Welt kommen und massenhaft verbreitet werden können – aus meiner Sicht ist die Gefahr dafür in den sozialen Netzwerken am größten. Aber natürlich: Wenn dann auch noch eine gezielte Suche auf weitere Falschinformationen führt anstatt auf verlässliche Fakten, dann wird es gefährlich."

Versuche einer "konkreten Meinungsbildungsmanipulation" in Bezug auf bestimmte Politiker oder Parteien hält sie für unwahrscheinlich. Es gehe den Fabrikanten von gefälschten oder propagandistischen Nachrichten vielmehr "um eine Erschütterung des Vertrauens in politisch-demokratisches Handeln und in journalistische Arbeit, es geht um das Aufwiegeln von vermeintlicher Elite und allen anderen. Über diesen Umweg können uns also insbesondere soziale Netzwerke – aber auch Suchmaschinen, falls jemand sich die Mühe macht, Beiträge mit Suchmaschinenoptimierung hoch in die Ergebnislisten zu pushen – in unserer Meinungsbildung beeinflussen".

Ergebnisse und Quellcode sind offen einsehbar

Zweig und die anderen Macher des Projekts legen Wert darauf, nicht mehr Daten zu sammeln als nötig. Weder wird die IP-Adresse der Nutzer übertragen noch die privaten, nicht vom Plugin ausgelösten Suchanfragen. Auch die Google-Nutzernamen jener Datenspender, die bei Google eingeloggt sind, bleiben privat. Der Quellcode der Erweiterungen, die es nur für die Desktopvarianten der beiden Browser gibt, ist hier einsehbar.

Ergebnisse der Erhebung werden laufend an dieser Stelle veröffentlicht. Am 30. September, also eine Woche nach der Bundestagswahl, stellt die Browsererweiterung den Betrieb ein, sucht also nicht mehr weiter. Deaktivieren oder deinstallieren müssen die Teilnehmer sie aber selbst. Nach Abschluss des Crowdsourcings werden alle Daten veröffentlicht.

AlgorithmWatch will, so steht es auf der Projektseite, "zeigen, dass wir Firmen wie Google für rechenschaftspflichtig halten gegenüber ihren Nutzern – also uns allen. Statt zu Aktionen wie unserer greifen zu müssen, wäre es besser, wenn Google und vergleichbare Anbieter der Gesellschaft ihre Funktionsweise in viel stärkerem Maße offen legten."

Google teilt nur allgemein mit: "Welche Suchergebnisse für eine bestimmte Suchanfrage angezeigt werden, wird von Hunderten von Signalen bestimmt. Einige personalisierte Signale, wie die Sprache, der Standort oder in manchen Fällen der Suchverlauf, können Hinweise geben, welche Ergebnisse nützlicher und relevanter sein können. Diese wirken sich aber nur auf einen kleinen Prozentsatz der
angezeigten Suchergebnisse aus. Das wichtigste Signal für die Ergebnisse ist tatsächlich die Suchanfrage selbst". Das Unternehmen verweist zudem auf seine Website How Search Works.

Suchmaschinen, die nicht personalisieren, gibt es mehrere: Startpage etwa zeigt zwar Googles Ergebnisse, anonymisiert die Nutzeranfragen vorher aber. DuckDuckGo aus den USA hat einen eigenen Index und diverse Datenschutzmechanismen. Seit heute in einer neuen deutschen Version verfügbar ist zudem Qwant. Das französische Start-up, in das unter anderem der Axel-Springer-Verlag investiert hat, nutzt nach eigenen Angaben keine Cookies und zeigt allen Nutzern die gleichen Suchergebnisse – hielt sich in der Vergangenheit allerdings nicht immer streng an diese Grundsätze.