Intern klingt Matthew Prince, der CEO des Netzwerkbetreibers Cloudflare, ein wenig ungehobelt: "Heute morgen hat Cloudflare den Account des Daily Stormer geschlossen. Das war meine Entscheidung, aus einem einfachen Grund: Die Leute hinter der Website sind Arschlöcher und ich hatte genug von ihnen." Daily Stormer ist eine US-amerikanische Neonazi-Nachrichtenseite.

Die klare Ansage von Prince, nicht länger Dienstleister für diese Neonazi-Website sein zu wollen und als deren Unterstützer dargestellt zu werden, hat er seinen Mitarbeitern per E-Mail gemacht, veröffentlicht wurde die Mail später von Gizmodo. Cloudflare folgt damit der Linie von AirBnB, GoDaddy, Discord und Google, die alle nach den Ereignissen in Charlottesville mitgeteilt hatten, sie würden künftig Rechtsextreme und den Daily Stormer boykottieren.

Extern hat Prince seine Entscheidung in einem Blogpost kommuniziert. In weniger drastischen Worten, dafür aber gespickt mit wichtigen Fragen. Fragen, die sich alle Unternehmen und Organisationen, die für den Betrieb der Internetinfrastruktur von Bedeutung sind, stellen sollten. Nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Wer könnte sperren – und wer sollte?

Im Kern geht es ihm um folgendes Problem: Wer hat im Internet die Macht, Inhalte zu blockieren – und wer sollte es unter welchen Umständen tun? Prince erstellt eine Liste von Infrastrukturebenen, auf denen theoretisch eingegriffen werden könnte.

  • Neben Plattformen wie Facebook, auf denen Inhalt veröffentlicht werden, schreibt Prince, könnten auch deren Hosts mitreden und politisch Position beziehen, also diejenigen, auf deren Servern die Plattformen liegen. Der größte und bekannteste Host ist Amazons Cloudsparte AWS.
  • Das Gleiche gelte für Content Delivery Networks (CDN), wie sie Cloudflare betreibt. CDN sind Netzwerke, die Inhalte dort bereithalten, wo sie besonders häufig abgefragt werden, weshalb sie für das verzögerungsfreie Laden einer Website wichtig sind und gleichzeitig einen Schutz vor DDoS-Angriffen bieten. Anders gesagt: Ohne CDN lassen sich Websites mit simplen Massenabfragen blockieren, von jedem Teenager, der so etwas für 100 Euro von Papas Kreditkarte organisieren kann.
  • Auch DNS-Provider wie Google, OpenDNS, Dyn oder eben auch Cloudflare, die Domains wie www.zeit.de in IP-Adressen übersetzen und so erst die Verbindung vom Nutzer zum Server ermöglichen, könnten Inhalte wie den Daily Stormer boykottieren. Wer die Seite dann trotzdem aufrufen will, muss die Zahlenfolge ihrer IP-Adresse kennen und in den Browser eingeben.
  • Registrare könnten sich weigern, Domains zu registrieren. Ohne Domain gibt es keine Website. So hat es GoDaddy mit dem Daily Stormer gemacht, indem es dessen Betreiber aufforderte, sich einen anderen Anbieter zu suchen.
  • Internet Service Provider wie die Telekom oder Vodafone könnten bestimmte IP-Adressen für ihre Kunden blockieren. Das potenzielle Publikum für die Seite wäre dadurch kleiner.
  • Suchmaschinen wie Google könnten Seiten aus ihrem Index löschen und dadurch schwerer auffindbar machen.
  • Browseranbieter wie Mozilla und – erneut – Google warnen zum Teil schon heute vor dem Besuch bestimmter, mutmaßlich mit Malware verseuchter Websites. Das ließe sich auf Inhalte aus bestimmten politischen Lagern ausbauen.

Mit PayPal hat sich mittlerweile ein weiteres Unternehmen zu den Geschehnissen in Charlottesville positioniert. Das Unternehmen werde sicherstellen, dass sein Bezahldienst nicht genutzt wird, um Hass, Gewalt oder Rassismus zu fördern, heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch.

Das dezentrale Netz ist gar nicht so dezentral

Zusammen sind das acht verschiedene, mehr oder weniger zentrale Ebenen der Netzinfrastruktur. Natürlich ist das Internet an sich dezentral aufgebaut: Wer sich als Websitebetreiber von einem der genannten Unternehmen benachteiligt fühlt, kann theoretisch einfach zu einem anderen gehen. Doch faktisch werden viele dieser acht Ebenen von sehr wenigen, sehr mächtigen Unternehmen kontrolliert. Wer ihre Dienste nicht nutzen kann, ist im Netz unsichtbar, schwer erreichbar, angreifbar, geschäftsunfähig.