Stell dir vor, du hast 30.000 US-Dollar in Bitcoin, kennst aber die PIN für die digitale Brieftasche nicht mehr, in der sie sich befinden. In so einer Lage befand sich in diesem Jahr der Blogger Mark Frauenfelder. Im Januar 2016 hatte er 7,4 Bitcoin gekauft, zum damals schon nicht gerade niedrigen Preis von 3.000 US-Dollar. Doch dann stieg der Kurs der Kryptowährung rasant. Im August waren Frauenfelders Bitcoin fast 30.000 US-Dollar wert – und gleichzeitig nichts. Er hatte nämlich seine siebenstellige PIN vergessen und die Sicherheitswörter auf ein Stück Papier geschrieben, das versehentlich im Müll landete.

Mark Frauenfelder wurde somit über Nacht zum Cryptoloser. Sie unterscheiden sich von sogenannten Nocoinern: Während Nocoiner niemals Bitcoin oder andere Kryptowährungen besaßen, weil sie entweder zu vorsichtig sind oder den richtigen Zeitpunkt verpasst haben, sind Cryptoloser Menschen, die Bitcoin verloren haben. Sei es durch Pech, Dummheit oder einfach, weil sie nicht ahnten, welchen Weg die Währung nehmen würde.

Zwei Seiten der Bitcoin-Medaille

Die Geschichte von Bitcoin im Jahr 2017 wird zumeist als Erfolgsgeschichte erzählt. Die unaufhaltsame Kurssteigerung hat endgültig einen Hype entfacht. Die Blockchain, die jeder Kryptowährung zugrundeliegende Technik, ist ein Buzzword des Jahres. Start-ups locken Anleger mit Initial Coin Offerings (ICO), die Banken wiederum zocken mit oder warnen vor einer Blase. Seit Dezember können Bitcoin-Futures an der Börse gehandelt werden. Russland und Venezuela entwickeln eigene Kryptowährungen und das Land Hessen wittert mit beschlagnahmten Bitcoin ein großes Geschäft.

Die Geschichte von Bitcoin ist aber ebenso eine des Scheiterns, der Verluste und des Bedauerns. So wie Anleger rückblickend vor 20 Jahren besser Aktien von Apple als von Borussia Dortmund gekauft hätten, lautete das Motto im Jahr 2017: Hätte, hätte, Blockchain. Je höher der Kurs, desto bitterer das Gefühl, vor einem, zwei oder gar fünf Jahren nicht schon mitgemacht zu haben, zu früh ausgestiegen zu sein (und damit gegen das HODL-Prinzip verstoßen haben), oder, was eigentlich am schlimmsten ist, Bitcoin verloren zu haben.

Cryptoloser können sich seit diesem Wochenende auf der Website ohmycoins.xyz zur Gruppentherapie einfinden. Für alle anderen Besucher ist es vor allem ein Ort der Schadenfreude. Menschen, die Bitcoin oder andere Kryptowährungen verloren oder verzockt haben, können hier ihr Schicksal anonym mit anderen teilen. Die Einträge werden nicht auf ihre Echtheit überprüft, man sollte sie also nicht allzu ernst nehmen. Aber neben einigen offensichtlichen Trollbeiträgen ist es schon jetzt eine ebenso traurige wie witzige Datenbank des Scheiterns.

Bitcoin für Pferdemist und Alpaka-Socken

Da wären etwa die armen Tröpfe, deren Smartphones mit der Bitcoin-Wallet gestohlen wurde, deren Festplatte den Geist aufgab oder die nach Jahren schlicht ihr Passwort vergessen haben. Der Waliser James Howells zumindest hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: Er versucht seit 2013, eine Festplatte auf der örtlichen Müllkippe wiederzufinden. Die darauf liegenden Bitcoin wären inzwischen viele Millionen Euro wert.

Andere Menschen bereuen ihre frühen Bitcoin-Investitionen. Manche gaben im Jahr 2010 Tausende Bitcoin für Pizza aus. Oder investierten sie "in kosmetische Gegenstände in einem Game, das es mittlerweile gar nicht mehr gibt", wie einer von ihnen schreibt. Oder in Kryptokatzen, die innerhalb weniger Stunden an Wert verloren. Es gab Alpaka-Socken für fünf Bitcoin zu kaufen, die heute 78.000 Euro wert wären. Und der Journalist Jason Koebler bestellte vor drei Jahren für einen Artikel Pferdemist mit Bitcoin. Shit happens, buchstäblich.

Die Geschichten auf ohmycoins.xyz zeigen aber auch die andere, volatile Seite von Kryptowährungen. So schreiben viele Nutzer, sie hätten Geld durch das Ende des Handelsplatzes Mt. Gox im Jahr 2014 verloren: 850.000 Bitcoin wurden als gestohlen gemeldet, schon damals waren sie etwa 450 Millionen US-Dollar wert. Regelmäßig gibt es Berichte über Tauschbörsen und Start-ups, die verschwinden oder gehackt werden. Zuletzt gingen der Plattform NiceHash Bitcoin im Wert von 64 Millionen US-Dollar verloren. Das sei sehr bedauerlich, sagten die Betreiber. Womit sie recht hatten.