Wäre ZEIT ONLINE ein börsennotiertes Unternehmen, hieße es vielleicht bald ZEIT COINLINE. In Zeiten, in denen der Hype um Bitcoin und Kryptowährungen auch die Stammtische beschäftigt, genügt es nämlich schon, einfach die Firma in etwas mit Coin, Blockchain oder Crypto umzubenennen, um den Aktienkurs steigen zu lassen. "Irgendwas mit Bitcoin" zu machen oder sich so zu nennen, reicht den Investoren offenbar schon als Begründung. Hätte das mal einer Air Berlin gesagt.

Kodak hat den Trend jedenfalls erkannt und für ein erstaunliches Medienecho gesorgt. Am Dienstag präsentierte das amerikanische Traditionsunternehmen auf der CES in Las Vegas gleich zwei Pläne, in das Geschäft mit Kryptowährungen einzusteigen. Der Aktienkurs stieg kurz nach der Ankündigung um mehr als das Doppelte. So angesagt war Kodak, das 2012 in die Insolvenz ging und inzwischen saniert wurde, lange nicht mehr.

Ein Blick in die Details legt allerdings die andere Seite des Bitcoin-Hypes offen: "Das ist der dümmste Scheiß, den ich je auf der CES gesehen habe", twitterte der Technikjournalist Chris Hoffman. Was erstaunlich ist, denn die Technikmesse ist für viel dummen Scheiß bekannt. Das Projekt würde von jedem ausgelacht werden, der auch nur halbwegs Ahnung von Bitcoin hätte, sagte der Wirtschaftsprofessor und Bitcoin-Experte Saifedean Ammous im Gespräch mit Buzzfeed.

Kodaks mutmaßliche Gelddruckmaschine

Die Kritik von Hoffman und Ammous bezieht sich konkret auf die erste der beiden Ankündigungen: Den KashMiner, einen Computer, der zum Schürfen (im Englischen mining) von Bitcoin spezialisiert ist. Neue Bitcoin werden über komplexe und stromfressende Rechenprozesse erstellt und wer sie schürft, dem gehören sie. Mit einem gewöhnlichen Computer ist das inzwischen nicht mehr zu schaffen, weshalb vor allem in Ländern mit geringen Strompreisen wie China oder der Mongolei spezielle Bitcoin-Minen mit hunderten Rechnern aufgebaut wurden.

Laut Broschüren, die Kodak auf der CES verteilte, können sich Interessenten ab sofort zum einmaligen Preis von 3.400 US-Dollar zwei Jahre lang in das Schürfen neuer Bitcoin einkaufen. Die KashMiner stehen bei Kodak, die horrenden Stromkosten sollen Berichten zufolge durch das hauseigene Kraftwerk der ehemaligen Fabrik aufgefangen werden. 50 Prozent der geschürften Profite behalten Kodak und seine Partner für sich, die andere Hälfte geht an die Käufer. Kodak verspricht ihnen damit monatlich etwa 375 US-Dollar Gewinn – nach zwei Jahren hätten sie also das mehr als das doppelte des Einstiegspreises verdient.

Nun kommen mit der Rechnung aber zwei Probleme auf, die Kodak nur am Rande erwähnt. Erstens geht das Unternehmen davon aus, dass der Kurs der Kryptowährung zwei Jahre lang auf dem aktuellen Niveau von etwa 14.000 US-Dollar bleibt oder noch steigt. Das ist zwar gut möglich, es kann allerdings auch zu einem Einbruch kommen. Die Währung könnte sich auf einem niedrigen Kurs einpendeln. Dann wird es schwer, überhaupt den Einstiegspreis am Ende wieder rauszubekommen. Das Geschäftsmodell basiert also auf dem stabilbleibenden Wert einer Währung, die ausgerechnet für Schwankungen bekannt ist. 

Zweitens steigt der Aufwand, der in das Schürfen neuer Bitcoins investiert werden muss, mit der Zeit an. Es gibt nämlich nur eine begrenzte Anzahl an Bitcoin und je mehr im Umlauf sind, desto komplexer ist es, neue zu erzeugen. Der Ertrag eines KashMiner nimmt über den Zeitraum von zwei Jahren also stetig ab. Um das aufzufangen, müsste der Kurs von Bitcoin immer weiter steigen. Eine Gelddruckmaschine, wie es Kodak zwischen den Zeilen anpreist, ist der KashMiner also nicht, manche sprechen sogar von einer "dreisten Betrugsmasche". Die Interessenten scheint es nicht zu stören: Die ersten Geräte seien bereits alle vermietet, sagt Kodak.

Eine Kryptowährung für Fotografen

Etwas besser kommt die zweite Idee des Unternehmens weg. Kodak möchte eine eigene Kryptowährung auf den Markt bringen, die vor allem für Fotografen und andere Rechteinhaber interessant sein soll. Der Name lautet, natürlich, KodakCoin.

Die Basis für das Angebot bildet die Blockchain-Technologie, wie sie bei jeder Kryptowährung zum Einsatz kommt. Sie ist gewissermaßen ein großes Register, das alle Transaktionen anonym und dezentral abspeichert. Die Fotografen sollen ihre Fotos in der neuen Blockchain von Kodak registrieren können und gleichzeitig angeben, welche Lizenzbedingungen sie stellen, also etwa wie viel Geld sie für eine Nutzung verlangen. Über die angeschlossene Plattform KodakOne können Interessenten die Bilder dann mithilfe von KodakCoin kaufen. Gleichzeitig soll KodakOne auch das Internet auf Urheberrechtsverstöße durchsuchen und Nachlizensierungen ermöglichen. Kodak versuche seit jeher, die Fotografie zu demokratisieren und für eine faire Vergütung der Autoren zu sorgen, sagte der Firmenchef Jeff Clarke in einer Pressemitteilung.

Die Idee einer Blockchain-Rechteverwaltung

Nun ist die Idee, die Blockchain für eine digitale Rechteverwaltung einzusetzen, weder neu noch abwegig. Sie ermöglicht Urhebern, ihre Werke einmalig und unveränderbar abzuspeichern, inklusive sogenannter smart contracts. Sie treten in Kraft, wenn etwa ein Bild gekauft wird: Der Käufer überweist dann automatisch die entsprechende Summe an den Fotografen, akzeptiert die dem smart contract angeschlossenen Nutzungsbedingungen und erhält eine abgesicherte Kopie des Inhalts – sofort, ohne Banken, Papierkram und Mittelsmänner. Gleichzeitig ist die Urheberschaft klar geregelt. Das Potenzial solcher Verträge ist groß und noch längst nicht ausgeschöpft.

Kritiker wie Saifedean Ammous glauben deshalb noch lange nicht an den Erfolg von KodakCoin. Der Berkeley-Dozent Nicolas Weaver nennt die Idee sogar "unfassbar bescheuert". Seiner Meinung nach stellt sich die Frage, ob die Blockchain in diesem Fall wirklich so viele Vorteile gegenüber traditionellen Fotoplattformen bringt. Um sie zu nutzen, müssen sich die Fotografen mit dem Tausch, also mit digitalen Geldbörsen und smart contracts auskennen – die Einstiegshürden sind weit höher als auf Fotoplattformen, die einfach Kreditkarten und klassische Technik nutzen. Und am Grundproblem, dass sich digitale Bilder stehlen lassen, ändert auch die Blockchain nichts.

Kodak müsste den Dienst zudem von Grund auf errichten und genug Fotografen überzeugen – ein großer Unterschied etwa zu den Plänen des Chatdienstes Telegram, der ebenfalls eine Kryptowährung herausbringen möchte, aber bereits über Millionen potenzielle und in Sachen Krypto erfahrene Nutzer verfügt. Anders gesagt: Die Technik hinter KodakOne ist durchaus clever. Doch die erfolgreiche Umsetzung muss erst einmal gewährleistet werden.

Kooperation mit einem Anbieter von Paparazzi-Fotos

Zumal auch der Partner, der KodakOne und KodakCoin aufbauen soll, eine interessante Geschichte hat. Dahinter steckt das Unternehmen WENN Digital, das unter anderem ein Portal für Paparazzi-Fotos betreibt. Wie das Onlinemagazin Ars Technica herausgefunden hat, erinnert KodakCoin an ein Projekt, das WENN bis vor Kurzem mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanzieren wollte (und damit bis zum 3. Januar ganze 875 US-Dollar einnahm): RYDE Coin – eine Kryptowährung und Blockchain für die Monetisierung von Fotos.  

Das klingt nicht nur auffällig nach der Idee von KodakCoin. Auch die gleichen Verantwortlichen von RYDE Coin arbeiten nun an KodakCoin. Vieles deutet daraufhin, dass WENN Digital nun den zwar wirtschaftlich nicht mehr ganz so erfolgreichen, aber in der Öffentlichkeit immer noch bekannten Markennamen Kodak nutzt, um die in erster Instanz gescheiterte Idee einer Blockchain-Rechteverwertung umzusetzen. Von Paparazzi-Fotos ist jetzt freilich keine Rede mehr.

In den kommenden Wochen will Kodak mehr Informationen über die Projekte veröffentlichten. Ende Januar soll dann in einem sogenannten Initial Coin Offering (ICO) Geld von Anlegern eingesammelt werden, die dafür Anteile der neuen Kryptowährung erhalten. Auch diese ICOs sind derzeit, ebenso wie die Umbenennung von Firmennamen, ein beliebtes Mittel, um den Hype um Bitcoin und andere digitale Währungen möglichst lukrativ auszunutzen.

Einen garantierten Erfolg verspricht all das nicht, im Gegenteil: "Es ist wieder wie während des Dotcom-Wahninns", twitterte Hussein Kanji von der Risikokapitalfirma Hoxton Ventures nach der Ankündigung von Kodak. Damals, um die Jahrtausendwende, fügten Hunderte Unternehmen ihrem Namen ein "Online" oder ".com" hinzu, und auch damals stiegen die Aktienkurse teils rasant. Wie die Dotcom-Blase ausging, ist bekannt. Peng.