Zwei Wochen nachdem der YouTuber Logan Paul mit dem Video eines Suizidopfers den aktuellen Tiefpunkt in der bunten Welt der Social-Media-Stars setzte, reagiert YouTube und setzt der Vermarktung auf der Videoplattform künftig höhere Hürden. Nutzer, die ihren Kanal erst noch aufbauen, werden es zunächst schwerer haben, damit Geld zu verdienen. Und die, die bereits richtig viel Geld verdienen, stehen unter genauer Beobachtung.

"Wir wissen, dass ein Ausrutscher eines bekannten Kanals Auswirkungen auf die gesamte Community und die Vermarkter haben kann", schreiben die beiden YouTube-Manager Neal Mohan und Robert Kyncl in einem Blogbeitrag. Sie erwähnen keine Namen, doch Ausrutscher wie das Video von Logan Paul, antisemitische Äußerungen von PewDiePie oder eine blühende Szene, die verstörende Kindervideos hochlädt, haben YouTube im vergangenen Jahr in seine bis dato größte Sinnkrise gestoßen.

Wie andere soziale Netzwerke, musste sich auch YouTube fragen, ob es die Masse an täglich hochgeladenem Material überhaupt noch bewältigen kann. Das Bunter-wilder-lauter-Credo der YouTube-Stars, belohnt durch Werbeeinblendungen und einen ausufernden Empfehlungsalgorithmus, stellt YouTube vor Probleme.

Wer erfolgreich ist, wird überprüft

Die möchte die Plattform nun angehen. Sie hat deshalb drei Änderungen angekündigt. Die erste betrifft die sogenannten Preferred Partners. Hierbei handelt es sich um ein Vermarktungsprogramm für die erfolgreichsten Kanalbetreiber. Wer zu diesem exklusiven Club gehört, kann mit lukrativen Werbepartnern zusammenarbeiten. Und die wollen natürlich vermeiden, dass ihre Produkte mit kontroversen Videos wie dem von Logan Paul in Verbindung gebracht werden.

Deshalb werden die Clips der Preferred Partner ab sofort überprüft. Bis Ende März sollen Moderatoren alle bereits erschienenen Inhalte auf Kanälen des Premium-Programms noch einmal sichten. Zudem sollen künftig Videos, die über das Programm vermarktet werden, vor der Veröffentlichung genau auf ihre Inhalte und vor allem die Familientauglichkeit geprüft werden.

YouTube führt also ein, wenn auch in einem begrenzten Rahmen, was Kritiker schon länger fordern: eine Überprüfung der Inhalte, noch bevor sie online erscheinen. Angesichts der Masse an Videos ist das plattformweit natürlich nicht zu leisten, aber Aussetzer der größten Stars könnten so vermieden werden. YouTube nimmt also wieder ein Stück weit die Verantwortung auf sich.

1.000 Abonnenten sind künftig Pflicht

Für Nutzer, die noch lange nicht so erfolgreich sind, werden die Hürden ebenfalls höher. Um bislang am Partnerprogramm teilnehmen zu können, waren insgesamt 10.000 Abrufe nötig. Künftig müssen die Kanäle aber 1.000 Abonnenten haben und zudem auf mindestens 4.000 Stunden kommen, was die Wiedergabezeit innerhalb des vergangenen Jahres angeht – das gilt auch für Kanäle, die bereits vermarktet werden. Im Blogbeitrag schreiben die Verantwortlichen, YouTube wolle mehr auf Qualität setzen. Wer einen Kanal aufbauen möchte, muss also zunächst mehr in den Aufbau einer Community investieren.

Die Änderung betreffe zwar "eine signifikante Anzahl" an Kanälen, heißt es. Doch 99 Prozent davon hätten vergangenes Jahr ohnehin unter 100 US-Dollar an Werbeeinnahmen verdient, 90 Prozent sogar weniger als 2,50 US-Dollar in einem Monat. Mit den neuen Anforderungen möchte YouTube offenbar verhindern, dass einzelne Personen Dutzende Kanäle mit schnell produzierten Videos eröffnen und diese dann vermarkten: Selbst wenn jeder Kanal nur 100 US-Dollar einbringt, kann sich das bei 20 oder 30 Kanälen schon eher rechnen.

Auf YouTube kommen schwierige Zeiten zu

Dem Phänomen soll auch die dritte Änderung entgegenwirken. Ein neues Programm soll für mehr Transparenz zwischen den Werbetreibenden und den Kanalbetreibern sorgen. Wer Werbung schaltet, soll ein besseres Mitspracherecht darüber erhalten, in welchem Kontext diese auftaucht. Auch hier sollen menschliche Moderatoren entscheiden, ob ein Video überhaupt für die Vermarktung freigegeben wird.

Diese Änderung hatte YouTube bereits im Dezember angekündigt. Gleichzeitig schrieb YouTube-Chefin Susan Wojcicki damals, man werde 10.000 zusätzliche Moderatoren weltweit einstellen, um gemeldete Inhalte zu überprüfen. Zudem arbeitet die Plattform enger mit Jugendschutzorganisationen und Behörden zusammen. In Deutschland gehört YouTube auch zu jenen Netzwerken, die gemäß dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) Inhalte binnen 24 Stunden überprüfen müssen.

Weniger erfolgreiche YouTuber leiden

Für Kritiker, die mehr Kontrolle vonseiten YouTubes fordern, dürften die verschärften Bedingungen überfällig sein. Doch die Verantwortung für die Inhalte, die YouTube nun zumindest ein bisschen wieder in die eigenen Hände nimmt, sorgt auch für Proteste. Vor allem, weil es dadurch für die sprichwörtlich Kleinen, sprich noch nicht so erfolgreichen YouTuber, schwieriger wird. Es sei eine "radikale Veränderung", sagt der deutsche Videoproduzent HerrNewstime in einem Clip. Sie verändere nicht nur den Bewerbungsprozess für neue Partner, sondern auch das bestehende Verhältnis zwischen dem Dienst und seinen Partnern.

Markus Hündgen, der als geschäftsführender Gesellschafter der European Web Video Academy unter anderem den Deutschen Webvideopreis verleiht, sagte der Branchenzeitschrift W&V: "Youtube entfernt sich weiter vom – mittlerweile verschmähten – Gründungsmotto: Broadcast yourself." Schon jetzt sei es schwer genug, Inhalte auf YouTube zu vermarkten. Jedenfalls, wenn man nicht Logan Paul heißt.