Das WLAN im Wartezimmer hat nicht für Netflix in HD gereicht. Der Seifenspender in der Toilette war aus. Das übertriebene Parfüm der Sprechstundenhilfe konnte ich sogar durch die verstopfte Nase riechen und der Arzt hat mich für den vereiterten Pickel im Gesicht nicht zur Kur geschickt. Und das, nachdem ich ohne Termin ganze zwei Stunden warten musste. Ohne Netflix! Note 5!

Das ist keine echte Bewertung einer Praxis auf Jameda, Deutschlands größtem Portal für Arztempfehlungen. Aber sie könnte es sein. Die Website erlaubt Patienten, Ärzte und Ärztinnen mit Schulnoten und Kommentaren zu bewerten. Vom Ambiente der Praxis über die Wartezeiten bis hin zur tatsächlichen Behandlung ist alles möglich. Viele Menschen nutzen Jameda mittlerweile bei der Suche nach neuen Ärzten und man darf guten Gewissens vermuten, dass die angezeigten Noten ihre Entscheidung beeinflussen.

Nicht alle Ärzte, vor allem nicht jene mit negativen Bewertungen, finden das System toll. Eine Kölner Dermatologin hatte vor einigen Jahren gegen ihren Eintrag auf Jameda geklagt. Nachdem sie zweimal vor Gericht unterlag, hat der Bundesgerichtshof (BGH) am heutigen Dienstag zu ihren Gunsten entschieden: Das Portal muss ihre Daten löschen. Allerdings nicht aufgrund der Bewertungen, sondern weil nach Ansicht der Richter das Geschäftsmodell des Portals nicht neutral sei. Ärzte konnten nämlich bislang für eine Premiummitgliedschaft zahlen und wurden dann auf den Profilen von nichtzahlenden Ärzten angezeigt. Das darf die Plattform gemäß des Gerichtsurteils künftig nicht mehr tun. In einer Pressemitteilung kündigte Jameda bereits an, die Anzeigendarstellung geändert zu haben und auch weiterhin alle niedergelassenen Ärzte in Deutschland listen zu wollen. Das sei durch frühere Gerichtsentscheidungen gedeckt.

Die Bewertungsgesellschaft im Netz

Auch wenn das BGH-Urteil eine Signalwirkung für andere Bewertungsportale und deren Geschäftsmodelle haben könnte, ändert sich dadurch vorerst nichts an der im Internet weit verbreiteten Benoteritis. Es bekämpft Symptome, aber ändert nichts an der Ursache: dass inzwischen alles und jeder bewertet wird und im schlimmsten Fall die Menschen den Noten blind vertrauen.

Man könnte, frei nach Murphys Gesetz, sagen: Alles, was bewertet werden kann, wird bewertet. Wer im Internet unterwegs ist, ist sehr wahrscheinlich Teil der Bewertungsökonomie. Die gibt es zwar schon seit den Anfängen des World Wide Web. Doch spätestens seit dem Erfolg sozialer Netzwerke, von Sharingplattformen und Smartphoneapps, ist die persönliche Empfehlung zum Kapital geworden.

Marktplätze wie eBay ("10/10, gerne wieder!") und Amazon ("Prima Taschenmesser mit Atomkraftwerk") festigen die gegenseitige Bewertung als Vertrauensbekenntnis zwischen Käufer und Verkäuferin. Auf Plattformen wie Yelp, TripAdvisor und Google bewerten wir Hotels, Restaurants und Dienstleister. Twitter und Facebook führten den Like ein; der blaue Daumen ist inzwischen das quasiinternationale Zeichen für: "Gefällt mir!" Heute vergeben wir Sternchen an Taxifahrerinnen, Lieferanten, unsere Airbnb-Gastgeber und die neuste Netflix-Serie. Wir liken und swipen fremde Menschen in der Datingapp, loben Kommentare auf ZEIT ONLINE und süße Hundebilder auf Instagram. Und auf der Flughafentoilette bitten freundliche Robotergesichter darum, doch bitte mitzuteilen, wie sauber es war.

Bewertungen und Empfehlungen können hilfreich sein, können eine Orientierung geben. Ein eBay-Verkäufer, der nach Angaben der Kundinnen und Kunden nur jede dritte Bestellung ausliefert, ist wohl wirklich nicht vertrauenswürdig. Wenn 30 von 50 Kunden einer Pizzeria über Monate hinweg die kaputte Klospülung bemängeln, dann haben die Besitzer offenbar andere Prioritäten als das Wohl ihrer Gäste. Je mehr Bewertungen es gibt, desto klarer lassen sich Aussagen treffen.

Die vielen Probleme mit Bewertungen

Theoretisch stimmt das. In der Praxis ist die Sache aber schwieriger. Denn eine Bewertung im Internet ist nicht mit der Empfehlung eines guten Freundes zu vergleichen, was nicht nur daran liegt, dass Bewertungen gerne gefälscht oder eingekauft werden. Je größer die Bewertungsökonomie im Internet wird, desto nichtsaussagender sind die Ergebnisse. Vor allem, wenn es um komplexere Angelegenheiten geht als einen Kauf auf eBay oder die Bestellung eines Abendessens.

Bewertungen sind selten objektiv, sondern geben häufig den Gemütszustand der Bewertenden wieder. Auf Plattformen wie Yelp oder auch Jameda sind es dann vor allem entweder sehr gute oder sehr schlechte Erfahrungen, die zu Bewertungen führen. Schlechte Erinnerungen bleiben uns länger im Gedächtnis und enttäuschte Kundinnen und Kunden tendieren Umfragen zufolge eher dazu, negative Bewertungen zu hinterlassen. Wer also mit Brechdurchfall in einem überfüllten Wartezimmer sitzt und dann von einer gestressten Sprechstundenhilfe zurechtgewiesen wird, bewertet die Erfahrung möglicherweise eher als jemand, der mit Termin zum Blutabnehmen schnell drankam. Die Mehrheit der Patientinnen, die den Arztbesuch und die Behandlung schlicht okay fand, wird sich möglicherweise gar nicht dazu äußern. Einzelne negative – oder positive – Bewertungen sagen deshalb nicht viel über die Qualität einer Praxis aus.