Reddits CEO Steve Huffman hat ein Russenproblem, aber er darf nicht darüber sprechen. Vor knapp zwei Wochen wurde bekannt, dass während der US-Präsidentschaftswahl russische Internettrolle und Propagandisten nicht nur auf Facebook und Twitter, sondern wohl auch auf Reddit aktiv waren. Dort sollen sie Meinungen der Nutzer beeinflusst haben. In einem Gespräch auf der South-by-Southwest-Konferenz (SXSW) in Austin bestätigte Huffman, dass die Plattform Hunderte verdächtige Profile gesperrt habe und die Sache ernst nehme. Details könne er aber nicht nennen, solange noch die Untersuchung des US-Kongresses laufe.

Worüber Huffman in Austin sprechen darf: die vergangenen zweieinhalb Jahre, seit er wieder an der Spitze von Reddit steht. Und wie es ihm in der Zeit gelungen ist, die selbst erklärte "Titelseite des Internets", immerhin die viertmeistbesuchte Website in den USA, aus ihrer größten Identitätskrise zu befreien und eine Revolte der Nutzer und Nutzerinnen abzuwehren. Jedenfalls fürs Erste.

Vielen ist Reddit trotz seiner vielen Besucher recht unbekannt. Optisch kaum ansprechend ist die Plattform, auf der registrierte Nutzer Links, Bilder, Videos oder Textschnipsel teilen, die andere Nutzerinnen dann kommentieren und positiv oder negativ bewerten. Was vielen gefällt, landet auf der Seite ganz oben. Das kann ein animiertes Bild sein, ein Gerücht, ein Witz oder sonstige Alltagsbeobachtungen. Bestenfalls ist Reddit also der Geburtsort viraler Hits und eine Quelle interessanter oder absurder Inhalte. Schlimmstenfalls aber eben auch eine Plattform, auf der anonym Verschwörungstheorien, Propaganda und Hass hochgespült werden.

Die "Insassen der Anstalt" stürzten Reddit in die Krise

Vor drei Jahren führte die damalige Chefin Ellen Pao deshalb neue Antimobbingregeln ein. Und provozierte damit die #RedditRevolt der eigenen Nutzerinnen und Nutzer. So eskalierte ein schon länger schwelender Streit zwischen den Betreibern der Seite und ihren Nutzern, den Redditors. Waren bis dato praktisch nur illegale Inhalte verboten, gingen die neuen Regeln darüber hinaus. Das Resultat: Einige beliebte Foren (Subreddits), die aus Sicht der Plattform gegen die neuen Regeln verstießen, wurden praktisch über Nacht abgeschaltet.

Nun muss man wissen, dass jedes Subreddit ein eigener Mikrokosmos ist, weitestgehend von Nutzerinnen und freiwilligen Moderatoren selbstverwaltet. Sie bestimmen nicht nur, wie das Subreddit optisch aussieht, sondern auch, welche Inhalte erlaubt und welche verpönt sind. Diese Selbstverwaltung prägte das Selbstbild der Community – bis die Betreiber von Reddit im Zuge der öffentlichen Debatte um Hatespeech begannen, die Inhalte nicht nur stärker zu kontrollieren, sondern dies auch – und das ist ein wichtiger Punkt – vermehrt öffentlich zu kommunizieren.

Nicht nur Leserinnen der gesperrten Subreddits, deren Inhalte weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks und teilweise auch des Erlaubten lagen, fühlten sich übergangen und bevormundet. Aus Protest machten damals Hunderte Subreddits vorübergehend dicht. In den sozialen Netzwerken fand zudem eine erwartungsgemäß hässliche Kampagne vor allem gegen CEO Ellen Pao statt. Zwei Wochen später gab sie ihren Rücktritt bekannt, und Gründer Steve Huffman kehrte nach mehrjähriger Abwesenheit zu Reddit zurück. Die Redditors, quasi die "Insassen der Anstalt", schienen den Machtkampf gewonnen zu haben.

Nutzer akzeptieren die Veränderung

In Wahrheit ist die Sache komplexer. "Reddit war in einer schwierigen Lage im Jahr 2015", sagt Steve Huffman nun auf dem SXSW. Deshalb sei er wieder da. Doch nicht etwa, um sämtliche Entscheidungen von Ellen Pao und seinen Vorgängern rückgängig zu machen. Sondern um sie zu verfeinern.

Tatsächlich hat Reddit unter Huffman dort weitergemacht, wo es unter Pao aufhörte. Schon kurz nach seinem Amtseintritt führte die Plattform weitere Richtlinien ein, um Inhalte einzuschränken. Darunter alles, "das Leid oder Schaden gegenüber Individuen oder Gruppen propagiert" oder das Menschen in irgendeiner Form "bedroht, mobbt oder misshandelt". Weitere Subreddits wurden deaktiviert.

"Es gab Widerstand", sagte Huffman dem Autor eines am Montag erschienenen, langen Porträts im US-Magazin New Yorker, "aber ich hatte als Gründer von Reddit die moralische Autorität." Frei nach dem Motto: Ich habe euch in die Welt gesetzt, also kann ich euch auch wieder löschen. Statt einzelne Nutzer zu verbannen, entfernten die Verantwortlichen nach und nach "ihre Spielplätze". Und während einige die Meinungsfreiheit angegriffen sahen, schien der Großteil der Nutzer die Veränderungen zu akzeptieren.