Wer einen orangerot glühenden Computer aus den späten Sechzigerjahren nennen soll, landet vermutlich im Weltraum. HAL9000, der fiktive Rechner aus Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey, ist bis heute fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Dass es etwa zur gleichen Zeit auch einen echten Computer mit orangefarbenem Display gab, wird dagegen meist vergessen. Dabei war Plato so etwas wie der Vorgänger der heutigen Cyberkultur und nahm Entwicklungen wie E-Mail, Onlinegames und sogar Emojis vorweg.

Ein Plato-Terminal im Jahr 1981

Brian Dear hat die letzten 32 Jahre und 1.000 Interviews damit verbracht, die Geschichte von Plato zu dokumentieren. Der Gründer der Veranstaltungswebsite Eventful hat darüber sogar ein Buch geschrieben. Im Herbst erschien The Friendly Orange Glow, das er gerade auf dem South by Southwest Festival (SXSW) in Austin präsentierte. Schon bemerkenswert, geht es auf dem SXSW doch meist um den Blick in die Zukunft. Doch aus dem Schicksal von Plato könnten auch Entwicklerinnen und Entwickler von heute lernen, sagt Dear.

Für ihn ist "Plato eine der wenigen technologischen Entwicklungen, die niemals richtig untersucht wurden". Selbst im Computer History Museum im Silicon Valley wurde das System lange nicht einmal erwähnt, geschweige denn ausgestellt. Während das etwa zur gleichen Zeit entwickelte Arpanet als Vorläufer des heutigen Internets ausreichend dokumentiert sei, blieb Plato nichts weiter als eine Fußnote in der Geschichte – ein System für Nerds und wenige Historiker. Das sei schade, um nicht zu sagen tragisch, findet Dear.

Touchdisplays? Hatte Plato schon lange

Plato steht für Programmed Logic for Automated Teaching Operation. Es wurde Anfang der Sechzigerjahre an der Universität von Illinois als computergestützte Lernplattform entwickelt. Über Terminals, die aus einer Tastatur und einem Bildschirm bestanden, konnten Studierende unter anderem Kurse in Latein, Chemie, Mathe und Musik absolvieren. Mit einer Programmiersprache namens Tutor ließen sich mit dem entsprechenden Wissen neue Inhalte erstellen. 40 Jahre ehe die ersten "echten" Onlinekurse im World Wide Web auftraten, konnten sich Studierende in Illinois also bereits Leistungen von Kursen anrechnen lassen, die sie auf einem Computer erreicht hatten.

Der Durchbruch aber kam im Jahr 1972 mit der Einführung des Plato IV. Das orangefarbene Plasmadisplay wurde eingeführt, das Toucheingaben unterstützte. "Genau genommen unterstützte es sogar Multi-Touch-Eingaben, wie sie später Apple im iPhone verwendete", sagt Dear. Weil diese Eingaben aber zu viel Bandbreite und Rechenleistung verbrauchten, wurde die Funktion letztlich nicht eingesetzt. Dennoch konnten die Nutzerinnen Eingaben direkt über den Bildschirm tätigen und nicht bloß über eine externe Tastatur.

Plato IV kam auch an anderen Standorten in den USA und später in anderen Ländern zum Einsatz. 1975 befanden sich die Systeme an rund 150 Hochschulen und Unternehmen, die teilweise über Großrechner miteinander verbunden waren – Plato war somit eine Art Protointernet.

Plato war im Kern eine soziale Plattform
Brian Dear, Start-Up-Unternehmer und Gründer

Den Nutzern blieb das Potenzial dieses miteinander verknüpften Systems nicht verborgen. Wieso dröge Mathekurse absolvieren, wenn man mit Plato doch so viel mehr machen konnte? "Plato war im Kern eine soziale Plattform", sagt Dear, "nur ahnten das weder die Entwickler noch die öffentlichen Geldgeber." Wohl aber die eifrigen Studenten an den Hochschulen, die das System nach und nach für ihre Zwecke "hackten".