Gut eineinhalb Stunden nach Beginn der Befragung wird es für Mark Zuckerberg ungemütlich. "Würden Sie sich damit wohlfühlen, uns hier zu erzählen, in welchem Hotel Sie in der vergangenen Nacht geschlafen haben?", fragt Dick Durbin, Senator aus Illinois, den Facebook-Chef. Zuckerberg stockt. "Ehm, nein", antwortet er nach einer langen Pause. Auch mit wem er in der vergangenen Woche private Nachrichten ausgetauscht habe, will er lieber nicht verraten. Durbin lässt die Worte kurz wirken. Dann hebt er den Blick und schaut Zuckerberg direkt an. "Ich denke, darum geht es hier", sagt er schließlich. "Um das Recht auf Privatsphäre, die Grenzen des Rechts auf Privatsphäre und wie viel man im modernen Amerika von sich preisgeben will."

Durbins kleiner Test war eine von vielen unangenehmen Fragen, die Zuckerberg bei seiner ersten Anhörung im US-Kongress aushalten musste. Kein Wunder, schließlich prasselte in den vergangenen Wochen eine nie dagewesene Menge an Negativnachrichten über das soziale Netzwerk nieder.

Kleinere und größere Skandale begleiten Facebook zwar schon seit seiner Gründung vor 14 Jahren – so ernst wie bisher stand es allerdings noch nie. Der unkontrollierte Abfluss der Daten von bis zu 87 Millionen Usern, an die das Unternehmen Cambridge Analytica gelangte, hat bei vielen Menschen den Kredit an gutem Willen, über den Facebook lange verfügte, aufgebraucht.

Damit kam auch die erprobte Krisentaktik Zuckerbergs an ihr Ende. Probleme einfach aussitzen geht nach den jüngsten Enthüllungen nicht mehr. Deshalb stellt sich der 33-Jährige jetzt der Öffentlichkeit. Sein Auftritt vor einer gemeinsamen Sitzung der Senatsausschüsse für Justiz und Handel soll verlorenes Vertrauen wiederherstellen – und Facebook vor allem staatliche Regulierer vom Hals halten.

Zuckerberg hatte also allen Grund, nervös zu sein, als er um kurz nach 14.30 Uhr durch eine Seitentür den Sitzungssaal 216 im Hart Senate Office Building betritt. Die Aufregung ist ihm anzusehen. Mit durchgedrücktem Rücken nimmt er die wenigen Schritte zum Zeugentisch, in dunklem Anzug, mit ernster Miene. Kurz lässt er seinen Blick über die voll besetzten Besucherreihen streifen, dreht den Kopf aber schnell wieder weg. Derweil klicken die Kameras der Fotografenwand, die sich vor dem Facebook-Chef aufgebaut hat.

Eigentlich ist Zuckerberg deutlich entspanntere Treffen mit der hohen Politik gewohnt. "Mein Name ist Barack Obama. Ich bin derjenige, der Mark dazu gebracht hat, eine Krawatte umzubinden", scherzte etwa der damalige US-Präsident, als er im Jahr 2011 die Facebook-Zentrale besucht hatte. Zuckerberg lächelte damals zufrieden.

Fake-News, Hass und Cambridge Analytica

Für solche Lockerheiten ist diesmal kein Platz – und auch keine Zeit. Der Facebook-Chef muss sich den teils harten Fragen von mehr als 40 Senatoren stellen. Fast die Hälfte der Mitglieder der oberen Kongresskammer will Auskunft von Zuckerberg. Dabei geht es nicht nur um den aktuellen Datenskandal. Manche Abgeordnete interessieren sich für Falschmeldungen und Hatespeech, andere wollen ihre Sorgen über Onlinesucht loswerden. Ted Cruz, erzkonservativer Senator aus Texas, will vor allem wissen, ob die Facebook-Belegschaft nicht zu links ist. So geht es hin und her – für lange fünf Stunden.

Zuckerberg bleibt ruhig, gibt den Geläuterten. "Uns unterlaufen Fehler, aber wir wollen diese Fehler schnellstmöglich reparieren", sagt der Manager vor dem Ausschuss. Sein Ziel sei es, dass sich Menschen auf seiner Plattform "zum Guten" vernetzen.

Diese Beteuerungen kommen nicht bei allen Senatoren gut an. "Ihnen wurden mehrere wichtige Fragen gestellt, auf die Sie keine Antwort haben", kommentiert Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, nachdem Zuckerberg Fragen zu Facebooks Datenverfolgung für ihre Begriffe nicht hinreichend beantworten konnte. Der Facebook-Chef nimmt es stoisch hin.

Auch als Richard Blumenthal aus Connecticut dem Netzwerk wegen der schlampigen Reaktion auf die Datenaffäre im Fall von Cambridge Analytica "gewünschte Blindheit" vorwirft, hält Zuckerberg sein Pokerface. Er antwortet freundlich, wird stellenweise gar ein bisschen locker, achtet jedoch peinlich genau darauf, nicht respektlos zu wirken. Ein Aussetzer, das weiß Zuckerberg, könnte für Facebook spürbare Konsequenzen haben.

Die gesamte Anhörung dokumentiert dieses Video:

Minutiös vorbereitet

Das Ansehen des sozialen Netzwerks hat schon jetzt gelitten. Die Enthüllungen über Cambridge Analytica haben der Marke zugesetzt. Der Börsenwert stürzte um 14 Prozent ab, die Zustimmungswerte in der US-Öffentlichkeit sanken um fast ein Drittel. Das ist auch in der Politik einigen nicht verborgen geblieben. Plötzlich liegen Vorschläge auf dem Tisch, wie Facebook staatlich reguliert werden könnte – eine Vorstellung, die nur schwer ins libertäre Weltbild des Silicon Valley passt.

So würde Zuckerberg das natürlich nicht formulieren. Er "begrüße die richtige Regulierung", betont er mehrmals vor den Senatoren. Er lobt Initiativen für mehr Transparenz bei politischer Werbung und signalisiert, dass es eine werbungsfreie Bezahlvariante von Facebook geben könnte. Auch kann er sich Regeln für verständlichere Nutzungsbedingungen vorstellen. Es sind kleine Schritte, die aber womöglich – so die Hoffnung bei Facebook – größere staatliche Eingriffe verhindern könnten. Und sollte das nicht ausreichen, verfügt das Unternehmen immer noch über eine gut aufgestellte Lobbying-Abteilung. Allein im vergangenen Jahr gab Facebook 11,5 Millionen Dollar für politische Kommunikation aus.

Der Konzernchef enthüllt zudem, dass Facebook-Mitarbeiter von Sonderermittler Robert Mueller befragt wurden, der eine mögliche russische Einflussnahme im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 untersucht. Er selbst sei nicht darunter gewesen.

Auf die Befragung im Kongress hatte sich Zuckerberg minutiös vorbereitet. Gemeinsam mit einem Expertenteam probte er vor seinem Auftritt nicht nur Antworten auf wahrscheinliche Fragen der Kongressabgeordneten, er arbeitete auch an seiner Ausstrahlung. Es sei "ein Crashkurs in Demut und Charme" gewesen, schreibt die New York Times. Zu wichtig war es für Zuckerberg, bei seinem öffentlichen Auftritt einen guten Eindruck zu machen.

Eine Pause? Nicht nötig

In der Anhörung gibt sich Zuckerberg alle Mühe, das Gelernte umzusetzen. Je länger die Fragerunde dauert, desto mehr entspannt er sich. Seine Hände, zunächst wie festgebacken am Zeugentisch, schwirren plötzlich durch die Luft. Sein Blick entspannt sich, die Stimme entkrampft. "Von mir aus können wir noch weitermachen", sagt er, als Ausschusschef Chuck Grassley die Sitzung nach einigen Stunden für eine kurze Pause unterbrechen will. Der 33-Jährige hat seinen Rhythmus gefunden.

Alle Zweifel der Senatoren kann Zuckerberg bei seinem Auftritt aber nicht vertreiben. "Wenn Sie und andere Unternehmen sich nicht zusammenreißen, dann werden wir in diesem Land keine Privatsphäre mehr haben", sagt Bill Nelson, demokratischer Senator aus Florida, in seinem Eröffnungsstatement. Sein republikanischer Kollege John Kennedy pflichtete ihm gegen Ende der Anhörung bei. "Ich bin enttäuscht von dieser Sitzung", sagt der Senator aus Louisiana. "Ich will Facebook nicht regulieren, aber ich werde es tun, wenn es nötig ist."

Kurz darauf ist es geschafft. Zuckerberg springt von seinem Sitz auf, schüttelt allen verbliebenen Senatoren die Hände. Dann verschwindet er mit ihnen durch den Hinterausgang des Anhörungsraums. Seinen ersten Auftritt vor dem Kongress hat er hinter sich gebracht, doch der zweite steht schon bevor. Schon am Mittwoch sagt er vor dem Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses aus, wieder in öffentlicher Sitzung – und wieder dürfte es Stunden dauern.