Diese Premiere hätte sich Mark Zuckerberg bestimmt unter schöneren Voraussetzungen gewünscht. Am Dienstag und Mittwoch sagt der Facebook-Gründer erstmals vor zwei Ausschüssen des US-Kongresses aus. Am ersten Tag ist er im Senat und am zweiten im Repräsentantenhaus eingeladen. Als sich im vergangenen Jahr die Hinweise auf eine russische Manipulationskampagne während des US-Wahlkampfs verdichteten, schickte Zuckerberg noch seine Vertreter nach Washington. Doch nun, da bis zu 87 Millionen Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer von einem Datenmissbrauch betroffen sein könnten, muss der Chef persönlich kommen. Alles andere wäre fatal für das Image des größten und einflussreichsten sozialen Netzwerks der Welt.

Zuckerbergs Aussagen – möglicherweise unter Eid – sind der vorläufige Höhepunkt in der Untersuchung der Affäre um Cambridge Analytica und die mögliche Einflussnahme auf Wahlen, nicht nur in den USA. Aus dem Missbrauch von Facebook-Daten durch Dritte ist in den vergangenen Wochen aber auch eine größere Debatte um das soziale Netzwerk entsprungen: Es geht um das Geschäftsmodell von Facebook, um Datensicherheit, um den Einfluss der Plattform auf die Zivilgesellschaft und um eine mögliche Regulierung mithilfe neuer Gesetze. Nicht zuletzt geht es auch um die Frage, ob Zuckerberg in der Lage ist, das Unternehmen in seiner bis dato größten Krise zu führen – und bestenfalls aus ihr heraus.

Der Ton in Washington ist bereits vor den beiden Treffen scharf. Der demokratische Senator Richard Blumenthal aus Connecticut sagte, nicht nur Facebook, sondern die gesamte Technikbranche stehe "vor dem Tag der Abrechnung". Er vergleicht die Situation mit der von amerikanischen Autoherstellern in den Sechzigerjahren. Damals wurde bekannt, wie diese jahrzehntelang die Sicherheit der Insassen ignoriert hatten, was schließlich zu zahlreichen Gesetzen und Regulierungen führte. Ähnlich ignorierten die Technikfirmen derzeit die Sicherheit ihrer Nutzer, meint Blumenthal.

Zuckerberg erwarten unangenehme Fragen

In den vergangenen Tagen deuteten weitere Abgeordnete an, welche Fragen den Facebook-Chef im Kapitol drohen. Einige von ihnen warten buchstäblich seit Jahren darauf, Zuckerberg einmal persönlich grillen zu dürfen. Etwa der Demokrat Ed Markey, Senator aus Massachusetts. Er kritisierte bereits im Jahr 2010 die Datenweitergabe an Dritte und wollte damals entsprechende Gesetzesänderungen einführen, die aber niemals umgesetzt wurden. Das aktuelle Datenleck vergleicht Markey mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Er habe vor, Zuckerberg zu fragen, wie Facebook "die Integrität und Sicherheit der Plattform" künftig sicherstellen wolle.

John Neely Kennedy, Republikaner aus Louisiana, deutete in einem Fernsehinterview an, Plattformen wie Facebook stärker regulieren zu wollen. "Ich will sie nicht halb zu Tode regulieren, aber wir haben ein Problem. Ich fürchte, dass die Probleme sowohl mit dem Schutz der Privatsphäre als auch mit Propaganda zu groß für Facebook sind, um sie selbst zu lösen", sagte Kennedy.

"Ich sehe hier vor allem unglaublich innovative und mächtige Unternehmen. Doch wer zu schnell zu groß wird, verfügt möglicherweise nicht über die Selbstregulierung, die sich die Verbraucher wünschen", sagte Greg Walden, der dem Energie- und Handelsausschuss des US-Repräsentantenhauses vorsitzt, vor dem der Facebook-Chef am Mittwoch spricht. Sein Gegenüber im Senat, John Thune, will von Zuckerberg gerne erfahren, wie dieser die Verantwortung für die Daten der Nutzer in Zukunft handhaben möchte. Es sind also unangenehme Fragen zu erwarten. Mit der gebetsmühlenartigen, schon viel gehörten Beteuerung, man wolle die Sicherheit weiter verbessern, dürften sie diesmal nicht beantwortet sein.

Wo steckt Sheryl Sandberg?

Inmitten der Debatte geht es aber nicht nur um das Produkt Facebook, sondern auch um die Leitung des Unternehmens und das Krisenmanagement im Fall von Cambridge Analytica. Seit die Affäre vor drei Wochen bekannt wurde, hat Facebook zwar eine interne Untersuchung gestartet und zahlreiche Datenschutzveränderungen angekündigt, die vor allem den Einfluss von Drittentwicklern und die Zusammenarbeit mit Werbepartnern betreffen. Doch bis auf ein Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters und Vox.com einem Auftritt bei CNN und einem Telefonat mit Journalisten vergangene Woche machte sich die Facebook-Geschäftsführung rar. Topmanager wie der für die Finanzen zuständige David Wehner (CFO), der Technische Direktor Mike Schroepfer (CTO) oder der für die Produktentwicklung verantwortliche Chris Cox (CPO) äußerten sich nicht öffentlich. Bislang ist es vor allem Zuckerberg, der mit den Medien spricht und die volle Verantwortung auf sich nimmt.

Auch die Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die Leiterin des operativen Geschäfts und der Strategie von Facebook, blieb bislang größtenteils still, was einige amerikanische Journalistinnen und Journalisten irritiert. Vergangene Woche sagte Sandberg lediglich, Facebook wisse nicht, welche Daten Cambridge Analytica tatsächlich abgegriffen und behalten habe. Gleichzeitig sagte sie in einem Gespräch mit NBC sinngemäß, Facebook künftig einmal ohne Werbung (und somit ohne Datenweitergabe) zu nutzen, sei nur denkbar, wenn die Nutzerinnen und Nutzer dafür bezahlten. Ob es solche Pläne gibt, erwähnte Sandberg nicht.

Dass nun Zuckerberg, der nerdige Firmengründer, und nicht Sandberg, die Managerin mit Kalkül und Politikerfahrung, sie arbeitete unter Bill Clinton im Finanzministerium, vor dem Kongress erscheint, könnte strategische Gründe haben. Sandberg gilt gemeinhin als die Person, die Zuckerberg und Facebook dazu brachte, nahezu ausschließlich auf Werbung zu setzen, um das Unternehmen profitabel zu machen. 2012 führte sie Facebook an die Börse. Doch Sandbergs wirtschaftlicher Erfolg basiert vor allem auf unbändigem Wachstum und der Verknüpfung aus Nutzerdaten und personalisierter Werbung. Also genau der Grundlage, die den Datenmissbrauch von Cambridge Analytica überhaupt erst ermöglichte.