Für die einen ist Pawel Durow ein Held. Ein Kämpfer für die Freiheit und die Privatsphäre im Internet. Andere wiederum halten ihn für einen Selbstdarsteller und Egomanen, dem es nur um die eigenen Interessen geht. Die Meinungen gehen auch in Durows Heimat Russland auseinander. Dennoch schaut Russlands Internetcommunity seit Tagen fasziniert auf das Katz-und-Maus-Spiel, dass sich der 33-jährige Gründer des Messengers Telegram mit dem russischen Staat und der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor liefert.

Seit Tagen versucht Roskomnadsor, Telegram in Russland vom Netz zu nehmen. Eine Gerichtsentscheidung vergangene Woche hatte der Behörde die Erlaubnis erteilt. Zuvor hatten sich Telegram und Durow geweigert, dem Inlandsgeheimdienst FSB geheime Schlüssel auszuhändigen, mit denen es möglich wäre, die verschlüsselte Kommunikation zwischen Telegram-Nutzern und -Nutzerinnen abzuhören. Unterstützer von Durow, der im Ausland lebt, schickten dem FSB-Chef stattdessen zwei echte Schlüssel – mit besten Grüßen. 

Bis zu 18 Millionen IP-Adressen blockiert

Zunächst blockierten russische Internetanbieter Anfang der Woche die IP-Adressen der Telegram-Server. Daraufhin wichen viele Nutzerinnen auf Proxy- und VPN-Dienste aus, um ihre Herkunft zu verschleiern und somit die Sperre zu umgehen. Telegram selbst leitete die Kommunikation ebenfalls über ausländische Server um. Durow schrieb unter der Woche, es sei kein erheblicher Rückgang der Aktivität auf dem Messengerdienst festgestellt worden: "Ich danke euch russischen Telegram-Nutzern für eure Unterstützung und Treue. Danke, Apple, Google, Amazon, Microsoft, dass ihr euch nicht an der politischen Zensur beteiligt habt." Gleichzeitig kündigte er an, Bitcoin in die Entwicklung weiterer VPN-Dienste investieren zu wollen.

Im nächsten Schritt erweiterte Roskomnadsor die Sperren auf über 18 Millionen IP-Adressen. Doch statt Telegram traf es hundertfach unbeteiligte Websites und Unternehmen, die ihre Angebote auf den gleichen Servern wie der Chatdienst gehostet hatten. Etwa in Datenzentren von Google oder Amazon. So wurde unter anderem kurzzeitig die Website des Kreml-Museums lahmgelegt, die Rabattkartensysteme einer Supermarktkette funktionierten plötzlich nicht mehr, und zahlreiche Apps wurden eingeschränkt.

Inzwischen musste selbst Wladimir Putins Internetberater German Klimenko eingestehen: "Es würde wohl Sinn ergeben, sich für das unvorsichtige Vorgehen bei der Blockade von Telegram zu entschuldigen", sagte er am Donnerstag dem Fernsehsender NTW. Das vorübergehende Fazit: Statt einer Blockade gelang dem russischen Staat bislang nur eine Blamage.

Russland weitet die Internetzensur aus

Doch so sehr die russische Netzcommunity spottet, es geht um mehr als um die Fehde eines Internetunternehmers mit einer verknöcherten Behörde, die ihre Kapazitäten überschätzt hat. Denn seit Jahren schon schränken in Russland immer neue Gesetze die Informationsfreiheit im Internet ein. So hat Roskomnadsor seit 2013 das Recht, Websites, die mutmaßlich "extremistische Informationen" verbreiten, zu sperren. Medien können so nach zwei Verwarnungen bereits die Lizenz verlieren. Seitdem wurden immer wieder vor allem kleinere, oppositionelle Nachrichtenportale wie grani.ru gesperrt.

Durch das Überwachungsprogramm Sorm können Netzbetreiber in Russland jederzeit Metadaten im Internet an den Geheimdienst FSB senden. Eine weitere Gesetzesänderung im Jahr 2015 verpflichtete zudem Unternehmen, die Daten ihrer russischen Kunden auf Servern im Inland zu speichern. Das Karrierenetzwerk LinkedIn ist deshalb in Russland nicht aufrufbar, weil die Kundendaten allesamt auf ausländischen Servern lagern. Und vor knapp zwei Jahren verabschiedete das Parlament noch ein ganzes Paket an Antiterrorgesetzen, die unter anderem Messenger dazu verpflichten, ihre Verschlüsselungsmechanismen auf Anfrage des FSB herauszugeben.

Telegram geriet bereits vergangenes Jahr in das Visier der Behörden. Sie forderten, Telegram solle sich ins "Register der Informationsverarbeiter" eintragen lassen und belegten später das in London registrierte Unternehmen mit Geldstrafen. Kremlnahe Politiker behaupteten, der Dienst ermögliche mit seiner Verschlüsselung, dass Terroristen unbehelligt kommunizieren können. "Der FSB hat uns wiederholt Beweise zur Verfügung gestellt, dass Terroristen und Extremisten genau diesen Messenger für ihre Kommunikation nutzen", sagte Roskomnadsor-Leiter Alexander Scharow in einem Interview der Zeitung Iswestija. So soll der Selbstmordattentäter, der vergangenen April in der U-Bahn von St. Petersburg eine Bombe zündete, über Telegram gechattet haben. Die Rhetorik in Russland gleicht dabei der von anderen Regierungen, die sich Hintertüren für verschlüsselte Kommunikation wünschen.