Das Internet hat es nicht leicht in diesen Tagen. Jedenfalls nicht, wenn man Berichten in den Medien glaubt. Da gibt es den Datenmissbrauch auf Facebook, die Debatte um die Datenschutz-Grundverordnung, Sicherheitslücken in der Verschlüsselung von E-Mails. Es geht um Propaganda, um Hacks und Hasskommentare. Um Regierungen, die Messenger sperren, weil damit mutmaßliche Terroristen kommunizieren.

All das sind Wahrheiten, aber sie bilden eben nur einen Teil der Realität ab. Schnell wird vergessen, dass "das Internet", das ohnehin nie ganzheitlich betrachtet werden sollte, auch Raum für Menschen bietet, denen im Leben außerhalb des Netzes die Teilhabe oftmals versagt bleibt. Dazu gehören sogenannte marginalisierte Gruppen, die im Internet die Orte finden, an denen sie ihresgleichen finden – und sich selbst. Sie sehen soziale Netzwerke in erste Linie nicht als fiese Datenkraken, sondern als eine Chance. Wir haben drei von ihnen getroffen.

Inken*, 27 Jahre

Ich bin Studentin der sozialen Arbeit, interessiere mich für Mode, singe sehr gerne – auch auf der Bühne vor Leuten. Übrigens bin ich auch eine dicke junge Frau. Und das finde ich total in Ordnung. Zu dieser Einstellung bin ich auch durch das Internet gekommen.

Aufgewachsen bin ich in einem Dorf. Ich hatte da nicht viele Freunde und war nicht allzu oft draußen. Um das Selbstbewusstsein war es entsprechend schlecht bestellt. Ich habe meinen Körper immer versteckt, weite Kleidung getragen, war generell sehr zurückhaltend. In der Schule wurde ich auch gemobbt. Jugendliche suchen sich ja gerne Menschen, die sie runterdrücken können, um sich aufzurichten. Im Internet habe ich dagegen Menschen gefunden, die ich wirklich verstanden habe – und die auch mich verstanden haben. Das war in der sechsten Klasse, ein Chatroom, in dem man einfach drauflosreden konnte. Ebenso habe ich in einer Phase Manga- und Animeforen besucht. Anfangs kamen da positive Kommentare zu meinem Gesicht. Doch meinen ganzen Körper wollte ich auf Fotos nicht zeigen.

Das hat sich durch Facebook geändert. Ich hatte Gruppen gefunden, die sich bemühen, einen positiven Umgang mit dem eigenen Körper zu schaffen. Seit einem Jahr moderiere ich selbst eine solche Community mit rund 3.000 Mitgliedern mit. Viele von ihnen sind Frauen, aber auch ein paar Männer. Alle Menschen ab der von der Modebranche als "plus-size" klassifizierten Größe 42 können in die Gruppe eintreten. Es geht es darum, Bilder von sich zu zeigen – in neuen Klamotten, mit neuen Schminkideen. Oder auch nur wie man gerade auf dem Weg zum Bäcker ist. Wir wollen, dass diese Menschen mehr Bilder von anderen dicken Menschen in ihren Feeds sehen. Menschen, die aussehen wie sie selbst. Ich achte besonders streng darauf, dass da keine despektierlichen Kommentare gepostet werden. Eine Stunde investiere ich dafür bestimmt pro Tag.

© Privat

Ich bekomme auch schon mal Nachrichten von Frauen, die mir schreiben, ihnen habe die Gruppe echt geholfen. Dass sie sich jetzt auch mal wieder ins Schwimmbad trauen. Das ist ein schönes Gefühl. Vor einigen Tagen erst hat eine Frau ein Vorher-Nachher-Bild gepostet. Aber nicht eines der üblichen Art: früher dick, heute "besser", da schlank. Nein, sie hat gezeigt, dass sie sich früher wie ich sehr versteckend gekleidet hat. Heute aber trägt sie, durch die Gruppe inspiriert, ganz andere Kleidung, die ihren Körper nicht mehr nur verhüllen will.

Ansonsten nutze ich noch recht viel Instagram. Da ist mein Motto "Hier regiert der Narzissmus". Denn das Medium nutze ich vor allem, um Selfies von mir zu posten. Darin sehe ich aber auch gar kein Problem. Ich zeige mich in allerlei Situationen. Geschminkt ebenso wie total runtergewirtschaftet während einer Prüfungsphase. Bei Selfies geht es eben um mehr als nur Selbstdarstellung. Es geht auch darum, Bilder von sich zu machen und darin etwas Schönes zu entdecken. Manchmal auch durch die Augen anderer Menschen.

Sicherlich haben diese Selfies auch negative Aspekte. Etwa dann, wenn Menschen nur darauf gieren, Likes zu bekommen. Wenn sie ihren Selbstwert davon abhängig machen, von den Meinungen dieser anonymen Menschen. Und doch können sie ein guter Anfang sein, sich selbst zu akzeptieren. Mir ist es inzwischen ziemlich egal, was andere Menschen unter meine Bilder schreiben. Ich finde mich jetzt super.

*Name geändert