Jan Delay hat schon mal mehr Menschen begeistert. Als der Musiker am Mittwoch um 20.48 Uhr auf der Bühne erscheint, wie immer in Anzug, mit Hut und Sonnenbrille, klatscht das Publikum verhalten. Delay stimmt die Zeilen zu seinem Hit Türlich, türlich an, energiegeladen rennt er von der einen Seite der Bühne zur anderen. Der ein oder andere nickt im Takt, manch eine singt mit, manch einer tanzt, die meisten stehen aber einfach da und hören zu. "Ich sehe, ihr seid noch alle ein bisschen im Business-Mode", sagt Delay. Und ergänzt, dass das nicht mehr lange so sein werde, dass das Publikum den schon bald vergessen werde.

Die Menschen auf der Cebit mitzureißen, sie zu begeistern und sie das monotone Messegeschäft vergessen zu lassen – das ist nicht nur eine schwierige Aufgabe für Jan Delay, sondern auch für die Macher der Messe. Sie wollen der Cebit zu einer Renaissance verhelfen, wollen wieder mehr Menschen nach Hannover locken. Dafür haben sie in diesem Jahr das Konzept verändert. Es gibt jetzt einen Außenbereich mit Street-Food-Ständen, mit Riesenrad und mit Bühnen für Künstler wie Jan Delay. "Europas Business-Festival für Innovation und Digitalisierung" steht offiziell über den Eintrittshallen, das soll mehr junge, hippe Menschen aus der Generation Y anziehen.

Früher brauchte es kein Festival, damit die Leute nach Hannover pilgerten. Damals vereinte die Cebit große Namen und die Verheißung auf die neuesten Trends der IT-Branche. 1995 sprach Bill Gates auf der Bühne, der Microsoft-Gründer stellte Windows 95 vor (Windows war damals noch angesagt) und präsentierte in einem Kurzfilm die Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft. Die Cebit war ein Pflichttermin für digitalaffine Menschen. In den Rekordjahren drängelten sich über die Tage verteilt bis zu 830.000 Besucher zwischen den Ständen hindurch und füllten ihre Taschen mit kostenlosen Gadgets.

Bill Gates sucht man heute vergeblich. Microsoft hat in diesem Jahr nicht mal mehr einen eigenen Stand. Selbst die Telekom – immerhin Deutschlands größtes Infrastrukturunternehmen – zählt nicht mehr zu den offiziellen Ausstellern, auch wenn sich die Bonner auf dem Festivalgelände mit einem magentafarbenen Container präsentieren. Mit den weniger prominenten Namen schwindet auch das Interesse: Seit Jahren sinkt die Zahl der Besucher und der Aussteller. 2017 erschienen nur noch 200.000 Menschen auf der Cebit, die Ausstellerzahl liegt 2018 bei rund 2.800. Es waren mal mehr als 8.000.

Schon seit Jahren ist ein Neuanfang im Gespräch. Jetzt kommt er verzögert als Festival mit einem Hauch von Hipster-Chic im Sommer statt im März. Das Vorbild ist die South by Southwest in den USA, eines der derzeit wichtigsten Techfestivals. Das klingt erst einmal etwas naiv: Ein bisschen Pop, ein bisschen Jahrmarkt, dann werden die Besucher schon wiederkehren. 

Mit mehr Andrang gerechnet

Auf den ersten Blick scheint das Konzept nicht aufzugehen. Das fängt schon beim Programm an: Normalerweise begann die Cebit immer schon am Sonntag mit einer "Welcome Night", montags wurde sie offiziell eröffnet. Dieses Jahr wurde die "Welcome Night auf den Montag geschoben, die Eröffnung erst am Dienstag zelebriert. Das macht einen Tag weniger Messe. Auf dem Messegelände sind die großen Hallen im Norden nicht mehr gefüllt, die Cebit verteilt sich nur noch auf elf Gebäude. Offiziell lautet die Begründung, dass die Hallen das Festivalgelände einrahmen sollen. Aber man darf vermuten: Wenn es mehr Ausstellerinteresse gegeben hätte, hätte die Messe mehr Flächen verkauft. Das ist schließlich ihr Geschäft.

Ein Rundgang bestätigt den Verdacht. Es gibt sehr, sehr breite Gänge, es gibt Stand-Mitarbeiter, die sich sehr viel mehr miteinander unterhalten als mit potenziellen Kunden, es gibt riesige Flächen von blau-grünen Teppichen, auf denen verloren ein paar Birken, Tische und Sitzgelegenheiten stehen. Dass diese Flächen gefühlt teils halbe Hallen füllen, den Eindruck kann auch Oliver Frese, Mitglied im Vorstand der Deutschen Messe, nicht richtig widerlegen. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagt er, dass sich die Aussteller ja mehr freie Flächen gewünscht hätten. Freie Fläche ja, aber so viel freie Fläche?

Selbst bei bekannten Unternehmen ist wenig los. Facebook präsentiert sich dieses Jahr erstmals mit einer eigenen Präsenz auf der Cebit, gemeinsam mit der Virtual-Reality-Tochter Oculus. Der Stand ist vergleichsweise klein, an Korkwänden hängen Bildschirme. Auf ihnen wird die künstliche Intelligenz des sozialen Netzwerks erklärt, Bildungsinitiativen angepriesen, die Datenschutzbemühungen vorgestellt. Trotz freier Getränke und Obstspießen schlendern nur wenige Besucher hindurch. "Wir haben mit ein bisschen mehr Andrang gerechnet", sagt Stefan Meister, der in der Kommunikation von Facebook arbeitet. Auf der Marketing-Messe dmexco stünden die Besucher normalerweise dicht an dicht.