Wie viel Microsoft das Image eines modernen Techunternehmens wert ist, zeigt die Übernahme des Entwicklerportals GitHub. 7,5 Milliarden US-Dollar zahlt die Firma aus Redmond für die Plattform, auf der Entwicklerinnen und Entwickler Codezeilen miteinander teilen, verändern und weiter ausbauen können.

Wer sich nun fragt, was eigentlich GitHub ist und warum es Microsoft so viel Geld wert ist, der muss in die Historie des Unternehmens eintauchen. Lange galt die von Bill Gates gegründete Firma als verschlossen. Wie genau der Quelltext eines Programms aussah, das blieb unter den Mitarbeitern von Microsoft. Mit dieser Art der Abschottung sicherte das Unternehmen seine Macht auf dem Computermarkt. Das ging jahrzehntelang gut: Bis in die 2000er-Jahre hinein war Microsoft gemessen am Börsenwert fast stetig die Nummer eins der Techszene.

2007 war Microsoft das wertvollste Techunternehmen der Welt

Es gab sogar eine Zeit, da war Microsoft so mächtig, dass die Manager des Unternehmens gar nicht glauben konnten, dass ihnen irgendetwas gefährlich werden könnte. Vor allem nicht ein so banales Produkt wie ein Handy mit Internetzugang. Als ein Journalist von USA Today den damaligen Microsoft-Chef Steve Ballmer 2007 also fragte, ob er sich nicht auch so eine leidenschaftliche Reaktion auf Microsoft-Produkte wie auf das iPhone wünsche, da sagte dieser nur trocken: "Das ist eine komische Frage. Würde ich 96 Prozent des Marktes für vier Prozent tauschen?"

Der Manager des Softwareunternehmens setzte sogar noch einen drauf: "Es gibt keine Chance, dass das iPhone einen signifikanten Marktanteil erreichen wird", sagte er. "Keine Chance." Das Smartphone sei ein subventionierter Artikel, es würde vielleicht zwei bis drei Prozent des Marktes besetzen können.

Microsoft war 2007 das wertvollste Techunternehmen der Welt. Die Firma erzielte in dem Jahr einen Umsatz von 51 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie Apple. Dass es einmal anders sein könnte, das schien sich der CEO damals nicht vorstellen zu können.

Ein gescheitertes Betriebssystem, ein gescheitertes Smartphone

Die Sätze von Steve Ballmer sollten Microsoft noch lange verfolgen. In den darauffolgenden Jahren zog Apple in beiden Belangen an dem Unternehmen vorbei: Die Firma von Steve Jobs steigerte nicht nur den Umsatz exponentiell, sondern auch den Börsenwert. Microsoft fand sich plötzlich nicht mehr in der Rolle des Spitzenreiters, sondern des Verfolgers. Das Unternehmen drohte den Anschluss an das Internet zu verpassen: Die Welt von Windows wirkte altbacken gegenüber den liebevoll designten Apple-Produkten. Die Leidenschaft, von der der USA-Today-Journalist sprach, fehlte dem Unternehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Microsoft versuchte eine Aufholjagd, brachte mit Windows Phone ein eigenes Betriebssystem auf den Markt, mit Lumia eine eigene Smartphone-Reihe. Doch die Macht, die das Unternehmen in der PC-Ära entwickelt hatte, konnte es nicht auf das mobile Zeitalter übertragen. Das Betriebssystem konnte sich nicht einmal ansatzweise gegen Apples iOS und Googles Android behaupten, der Marktanteil blieb im einstelligen Prozentbereich. 2017 wurde es eingestellt. Auch die Produktion der Lumia-Smartphones stoppte das Unternehmen 2016. Microsoft und mobil, das passte nicht zusammen.

Internet verpasst, Kunden verloren, Firma abgeschlagen hinter der Konkurrenz: Wie die Geschichte vieler einst erfolgreicher Unternehmen könnte auch die Geschichte von Microsoft an dieser Stelle enden. Aber mit dem Chefwechsel 2014 veränderte sich die Strategie von Microsoft. Der neue CEO Satya Nadella öffnete das Unternehmen für Kooperationen. Das stets so zurückhaltende Microsoft begann, mit Konkurrenten wie Apple, IBM oder auch Dropbox zusammenzuarbeiten. Statt nur auf Software zu setzen, baute das Unternehmen das Cloud-Angebot Azure aus – den Bereich, den Nadella zuletzt intern verantwortet hatte.

Microsoft ist wieder wertvoller als die Google-Mutter Alphabet

Besonders der Fokus auf die Cloud zahlt sich heute aus: Fast acht Milliarden US-Dollar setzte Microsoft im vergangenen Quartal mit den Azure-Diensten um, damit machte die Sparte 30 Prozent der Gesamterlöse aus. Wie erfolgreich Microsoft wieder ist, spiegelt der Börsenwert wider. Zwar ist das Unternehmen immer noch weit entfernt davon, den Konkurrenten Apple einzuholen. Aber Ende Mai überholte es bei den wertvollsten Techunternehmen immerhin die Google-Mutter Alphabet.

Zur aktuellen Strategie zählt auch der Fokus auf Open Source. Die Cloud-Lösung Azure unterstützt prominent auch Komponenten aus diesem Bereich. Microsoft veröffentlicht mittlerweile regelmäßig den Quelltext so mancher Software auf Plattformen wie GitHub, auf denen Entwicklerinnen und Entwickler ihn weiterdenken können. In der Techszene ist das ein wichtiger Schritt, denn an derartigen Projekten können alle Menschen mitarbeiten, die sich dafür interessieren. Open Source steht für Transparenz, für Offenheit – und für Leidenschaft. Wer an den Projekten mitarbeitet, der tut das oft nicht für Geld, sondern aus Begeisterung.

Satya Nadella ist "all in" bei Open Source

Dass Microsoft jetzt GitHub kauft, das ist ein Ausrufezeichen hinter den Kurs der Öffnung – und ein Versuch, sich als Unternehmen ein neues Image zu verpassen. GitHub sei das Zuhause aller Entwickler, schreibt Microsoft-Chef Satya Nadella in einem Blogpost zur GitHub-Übernahme. Er verspricht den Nutzerinnen, dass alles beim Alten bleiben werde: Das Portal solle weiter unabhängig bleiben. "Wir werden immer auf das Feedback der Entwickler hören und sowohl in Fundamentales als auch in neue Kapazitäten investieren", heißt es von Nadella.

GitHub wurde 2008 von Chris Wanstrath, Tom Preston-Werner und PJ Hyett gegründet. Auf der Plattform können Entwickler ihre Projekte einstellen und gemeinsam mit der Community weiterentwickeln. Das Unternehmen gilt nicht nur als erste Anlaufstelle für Coder, die eigene Ideen einbringen, sondern auch für jene, die andere weiterbringen wollen. Investoren steckten insgesamt 350 Millionen US-Dollar in die Idee, zuletzt zu einer Bewertung von zwei Milliarden Dollar. Damit zählte die Firma zu den sogenannten Einhörnern der Techszene, also zu dem erlesenen Club der Unternehmen, die eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar aufrufen können.

Für Microsoft wird es jetzt darum gehen, die Community der Plattform von den guten Absichten zu überzeugen. Microsoft sei "all in" bei Open Source, voll dabei, schreibt Nadella in seinem Blogpost. Mit mehr als zwei Millionen Commits – das sind freigeschaltete Änderungen an einem Code – sei man auf der Plattform die aktivste Organisation weltweit. GitHub sei nicht nur eine Destination für Entwickler, sondern auch für Microsoft.

Wir sind cool, kommt zu uns, arbeitet mit uns

Natürlich ist diese Öffnung nicht ganz uneigennützig. Unternehmen verwenden Open-Source-Plattformen gerne, um sich und ihre Produkte zu präsentieren: Entwicklerinnen und Entwickler lernen das eigene Angebot kennen, bauen selbst neue Produkte und gestalten es so wesentlich mit. Microsofts Botschaft lautet deshalb auch: Wir sind cool, kommt zu uns, arbeitet mit uns.

Auch wenn die Closed-Source-Jahre nicht vorbei sind – viele Microsoft-Projekte werden nach wie vor hinter verschlossenen Türen entwickelt –, will Satya Nadella die Zeit der kompletten Abschottung gerne vergessen machen. "Wenn es um unser Bekenntnis zu Open Source geht, beurteilt uns nach den Maßnahmen, die wir in der jüngsten Geschichte getroffen haben, die wir heute und die wir in Zukunft treffen werden", schreibt der CEO.

Die Übernahme von GitHub ist deswegen nicht nur eine finanzielle Investition. Sie ist eine Investition von Microsoft in ein besseres, offeneres, ja: leidenschaftlicheres Image.