Die Kaffeeautomatisierung des Lebens – Seite 1

Was der Unterschied sei zwischen einem Americano und einem Regular Coffee, werde ich auf Englisch gefragt, während ich an der Kaffeemaschine in der Schlange stehe. Automat klingt irgendwie abwertend, dabei hat er wirklich viele Auswahlmöglichkeiten. Die Maschine steht bei Wework im Foyer und reflektiert in gewisser Weise das gesamte Wework-Erlebnis: Qualität und Flexibilität von der Stange. Wework ist eine Art Coworking-Office-Space-Konzern mit einem weltumspannenden Filialnetz. Alleine fünf Standorte gibt es in Berlin, ein weiterer kommt bald hinzu, und in dem am Potsdamer Platz warte ich darauf, für eine Führung abgeholt zu werden.

Als ich mich vor zwölf Jahren das erste Mal mit dem Thema Coworking beschäftigte, war nicht abzusehen, was daraus einmal werden würde. Die Pioniere dachten noch in Utopien von neuer Arbeit, jenseits der fremdbestimmten Festanstellung, träumten davon, wie das Internet die Beziehung von Unternehmen und Einzelnen zugunsten einer neuer Selbstbestimmung austarieren würde. Wework ist die von allem Idealismus entledigte Kaffeeautomatenversion dieser Utopie. Es ist damit aber auch nur Teil einer globalen Entwicklung, die aus den Internetträumen von damals die heutige Plattformisierung von allem zimmert. Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er ist wirklich gut.

Eine Viertelmillion Mitglieder

Eine junge Frau kommt mit dem Fahrstuhl im Foyer an und begrüßt mich. Tatjana, die eigentlich anders heißt, aber hier nicht genannt werden möchte, spricht ebenfalls nur Englisch und ist mein Tourguide. Ich behaupte, dass ich mich als Freelancer für einen Platz hier interessiere. Im Fahrstuhl fragt Tatjana, was ich so tue, und ich sage, ich sei Journalist.

Tatsächlich ist das nur einer meiner Berufe, ich habe auch mit Coworking zu tun. Ich helfe bei der Verwaltung und Vermietung und bekomme meinen Tisch dafür günstiger. Alles hat damit angefangen, dass ich selber jahrelang einen Coworking-Space betrieb, damals am Weichselplatz in Neukölln. Nichts Besonderes. Ein paar Tische und Stühle, WLAN und eine nette, ruhige Atmosphäre. Reich wurde ich damit nicht, aber es finanzierte meinen eigenen Schreibtisch. Als der Vertrag auslief und ich den Laden dicht machte, bot ich mein Know-how einem sich neu gründenden Space an. Ich bin also vom Fach, quasi.

Allerdings beherbergen wir nur 15 Leute, nicht 253.000, wie es Wework weltweit tut. Die Mitglieder verteilen sich auf 283 Standorte in 75 Städten in 22 Ländern. Nach einer 4,4-Milliarden-Dollar-Investition des japanischen Techkonzerns Softbank wird das Unternehmen derzeit mit 20 Milliarden US-Dollar bewertet.

Wir erreichen den dritten Stock. Tatjana führt mich durch enge Gänge, die sich wie ein Labyrinth verschachtelt durch die Etage schlängeln und in denen man sich verlieren kann. Links und rechts werden wir flankiert von großflächigen Glasscheiben, dahinter arbeiten Start-up-Menschen fleißig an ihrem nächsten heißen Ding. Die einzelnen Büroräume – bei Wework heißen sie Private Offices – sind meist für drei bis zehn Personen ausgelegt, aber Tatjana versichert mir, dass es auch größere gibt. Die Schreibtische sind funktional, die Bürostühle sehen solide und bequem aus. Wework schafft es, die Büros sehr platzsparend zu bauen und dabei trotzdem knapp am Beengtheitsgefühl vorbeizuschrappen.

Wo denn noch andere Freelancer sitzen, frage ich. So Leute wie ich halt. Tatjana lächelt. "Da kommen wir noch hin." Vorher fahren wir allerdings noch einige Etagen rauf und runter. Auf jeder Etage gibt es eine Teeküche mit Sofas, schalldichte Telefonboxen und unterschiedlich eingerichtete Konferenzräume. Schließlich kommen wir zu einem größeren Raum. Hier sitzen sieben Leute, die kein eigenes Büro, sondern einen Dedicated Desk gemietet haben, also einen festen Schreibtisch. Ob das alle Selbstständige seien, frage ich. Nein, es gebe noch weitere mit Hot-Desk-Mitgliedschaft, die hätten keinen eigenen Schreibtisch und würden vor allem in den Aufenthaltsräumen arbeiten, sagt Tatjana.

Ich kann durchaus nachvollziehen, warum es so wenige sind. Ein Dedicated Desk, also ein fester Schreibtisch, kostet bis zu 390 Euro netto – die Preise schwanken leicht von Standort zu Standort. Das ist nicht konkurrenzfähig in Berlin und die Hot Desks sind mit circa 340 Euro netto sogar ein völliger Mondpreis für eine Mitgliedschaft ohne festen Schreibtisch. Schon die Hälfte wäre zu teuer für Berlin.

"Wework ist kein richtiges Coworking"

Tatsächlich gehören laut Unternehmensangaben auch nur etwa fünf Prozent der rund 7.000 deutschen Wework-Mitglieder zu der Gruppe, die man sich klassischerweise unter Coworkern vorstellt, also Freelancer oder Einzelunternehmer. 75 Prozent machen Start-ups aus und die restlichen 20 Prozent sind Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, die einzelne Abteilungen auslagern.

"Wework ist eigentlich kein richtiges Coworking", sagt Tobias Kremkau. Er leitet das Coworking im St. Oberholz und ist nebenbei als Coworking-Evangelist und -Experte unterwegs. Wework sei vielmehr ein "Serviced-Office-Anbieter". Deswegen beherberge es auch fast ausschließlich Firmen. Die Preise für einzelne Arbeitsplätze nennt Kremkau "prohibitiv hoch". "Die wollen gar keine Freelancer", sagt er, weil die Kosten pro Person für Freie relativ gesehen viel höher seien, als wenn man gleich sieben Leute unter einem Private-Office-Konto verwaltet.

Schlaue Köpfe hinter Desktop-Displays

Das Berliner Café St. Oberholz war auch mein erster Berührungspunkt mit dem Gedanken des Coworkings – auch wenn es 2006 noch niemand so nannte. Ich las über das Café in dem Buch Wir nennen es Arbeit von Sascha Lobo und Holm Friebe. Es wird dort als einer der Orte porträtiert, an denen man bereits die "neue Arbeit" in Aktion sehen könne: schlaue Köpfe hinter Desktop-Displays.

Neue Arbeit war damals das Stichwort für einen Traum von freibestimmtem Tätigsein, im Gegensatz zur abhängigen Beschäftigung. WLAN, ein paar Tische und frisch servierter Latte Macchiato – was brauchte es mehr, um produktiv zu sein? Das ist zwölf Jahre her und war zu einer Zeit, als mit dem Internet noch ein utopisches Potenzial verbunden wurde. So auch die Idee, dass Einzelne dank Digitalisierung auf Augenhöhe mit Unternehmen um Projekte konkurrieren könnten. Frithjof Bergmann hat der Coworking-Idee noch die Vision von Hallen hinzugefügt: Selbstständige schließen sich in Fabrikhallen zusammen, um gemeinsam und freibestimmt zu arbeiten. So formulierte es der Guru der frühen Berliner New-Work-Szene in seinem Buch Neue Arbeit, Neue Kultur. Freiheit beginne damit, sich frei zu entscheiden, wofür man seine Zeit einsetzt.

Seine Idee der Hallen umzusetzen, stellte sich jedoch als schwieriger heraus als gedacht. Es gab zwar einzelne Orte, an die man als Freelancer gehen konnte, aber der erste richtige Coworking-Space öffnete in Berlin erst 2010: Das Betahaus sicherte sich ambitioniert eine ganze Etage in einem alten Fabrikgebäude am Moritzplatz und schaffte mit viel eigener Arbeit einen Ort, an dem die neuen Kreativarbeiter ihre Laptops aufklappen konnten.

Schreibtische allein bringen keine Milliarden

Etwa gleichzeitig mieteten Adam Neumann und Miguel McKelvey rund 300 Quadratmeter auf einer Fabriketage im Manhattaner Szenestadtteil Soho – und gründeten damit Wework. Während die Mieten in Berlin 2010 noch spottbillig waren, kämpften Freiberufler in New York bereits um jeden bezahlbaren Quadratmeter Büro. Weworks Erfolg ergab sich nicht aus dem idealistischen Streben nach neuen Formen der Arbeit, sondern aus der schlichten Notwendigkeit von effizientem Büromanagement.

Genau dieses Know-how ist die Kernkompetenz des Unternehmens und das wahre Produkt, das Wework verkauft. Während die Berliner noch von der neuen Arbeit träumten, gründete Wework eine Filiale nach der anderen. Schon sehr früh kamen kleine Start-ups, um sich einzumieten. Für sie ist es praktisch, dass sie sich nicht mehr um Büroinfrastruktur sorgen müssen und in Wachstumsphasen problemlos Schreibtische dazustellen können. Für Start-ups ist Wework wie die Amazon-Cloud für das Büro: flexibel, professionell gemanagt und vor allem skalierbar. Auch Großunternehmen und Konzerne lagern ganze Abteilungen zu Wework aus, meist Innovations- und Kreativabteilungen. Für Wework ist es praktisch, an die Unternehmen zu vermieten. Denn mit den Schreibtischmieten der Freelancer wird man nicht 20 Milliarden US-Dollar schwer. 

In der IT spricht man von Protokollstapeln, wenn ein Programm zum Beispiel Daten von einem Rechner zum anderen schicken will. Stellt man sich den Immobilienmarkt so vor, als wären Vermieter und Mieter zwei nacheinander folgende Layer dieses Stapels, hat sich Wework zwischen sie geschoben. Dinge, um die sich sonst jedes Unternehmen Gedanken machen muss – Büroausstattung, Organisation der Arbeitsplätze, Internet, Kaffee und Bierversorgung, aber auch Sicherheit und Postzustellung –, hat Wework in seinen Service-Layer integriert und damit für die Firmen zu einer monatlichen Rechnung wegabstrahiert. Wework ist Office as a Service, mit allem inklusive.

Büro "as a Service"

Dafür hat das Unternehmen auch einiges an Dateninfrastruktur aufgebaut. Jedes Wework-Mitglied kann sich eine App installieren, mit der es am Community-Geschehen teilnehmen, aber auch etwa einen Konferenzraum buchen kann. Dadurch weiß Wework viel über Auslastung innerhalb seiner Filialen und kann entsprechend optimieren. So haben die Daten ergeben, dass in Deutschland große Konferenzräume öfter gebucht werden als in anderen Märkten. In den USA werden derweil auch Sensoren an den Schreibtischen getestet, die für die individuelle Optimierung von Arbeitsumgebungen genutzt werden sollen.

Wie es sich für einen Protokoll-Layer gehört, ist auch Wework vor allem Software. Es besitzt fast keine Immobilien, sondern mietet sich ein. Zwar gehören die Tische, Glaswände und Router dem Unternehmen, doch das stimmt auch nicht immer. Für IBM in New York genauso wie für Amazon in Seattle managt Wework ganze Gebäudekomplexe als Dienstleistung. Powered By We heißt das Produkt und macht klar, dass Wework in erster Linie Büromanagementkompetenz verkauft – ob in seinen eigenen Filialen oder den Gebäuden ihrer Kunden, ist dabei fast egal.

Der Erfolg kommt erst mit dem Preisschild

Im Grunde kann man die Entwicklung, die das Coworking mit Wework genommen hat, mit der sogenannten Sharing Economy vergleichen. Unter Carsharing stellte man sich früher vor, dass man einfach das Auto des Nachbarn mitbenutzen würde. Lange vor Airbnb gab es bereits die Couchsurfing-Community, die fröhlich fremde Menschen unentgeltlich auf dem eigenen Sofa einquartierte. Das gemeinsame Nutzen von Ressourcen hatte am Anfang immer einen Touch von Weltraumkommunismus à la Star Trek – Teilen war wie Coworking tatsächlich ernst und durchaus politisch gemeint. Dass diese Prinzipien erst so richtig zum Massenphänomen wurden, als ein Preisschild dran klebte, kann der Kapitalismus als Erfolg für sich verbuchen.

Das Internet hat mit seinen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten radikal die Koordinationskosten reduziert. Jeder kann jederzeit kommunizieren, wo welche Ressourcen frei werden, und Menschen und Ressourcen lassen sich ad hoc verknüpfen. Es war früh klar, dass das die Ökonomie radikal verändern würde. Jeremy Rifkin schrieb bereits zur Jahrtausendwende sein Buch Access: Das Verschwinden des Eigentums, in dem er die Rolle des Eigentums schwinden sah. Wer muss noch kaufen, wenn sich Zugang zu Gegenständen digital so leicht verschaffen lässt?

Doch statt des digitalen Kommunismus haben wir die Plattformisierung von allem erlebt. Netzwerkeffekte sorgen für die Monopolisierung der Services. Warum woanders nach Wohnungen suchen, wenn Airbnb eh die größte Auswahl hat? Hinzu kommen Kostenreduzierungen durch Professionalisierung und das Zusammenlegen von Ressourcen – die sogenannten Skaleneffekte. Das Resultat: Plattformen agieren heute als neue Service-Layer zwischen Menschen und Gegenständen und lösen Probleme mittels integrierter Standards und optimierter Algorithmen. So werden aus Produkten, die man kaufen kann, Services, die man mietet. Die Antwort auf das Problem, von A nach B zu kommen, ist nicht mehr das Auto, sondern Uber. Die Antwort auf das Problem Ort zum Arbeiten ist nicht mehr das Büro, sondern Wework.

Doch da ist noch etwas anderes. Die rein ökonomische Erkenntnis, dass es nicht mehr als einen Zugang zu einem Schreibtisch und dem Internet braucht, um produktiv zu sein, ist nicht das Einzige, was Wework aus der New-Work-Bewegung gezogen hat. Es ist auch das Image.

Philipp Bohn ist angestellt bei Unify, einem internationalen Telekommunikationskonzern. Er ist dort produktverantwortlich für die Kollaborationssoftware Circuit und das Start-up BlueKiwi. Mit einem kleinen Team arbeitete er einige Monate lang bei Wework. "Wir wollten raus aus den eigenen Strukturen", sagt er. "Neue Umgebung, andere Leute, anderes Umfeld." Es sollte auch ein Signal sein, an das Team, an die Kunden, die teils selbst schon da sind, und an die Partner. Das Team war sowieso größtenteils virtuell aufgestellt, verteilt auf die ganze Welt. "Wework reflektiert physisch, wie wir eh schon arbeiteten", sagt Bohn. Es biete zudem auch eine andere Atmosphäre als ein Konzern, zum Beispiel, wenn man zum Meeting einlade. Die Atmosphäre bei Wework sei innovativer, offener und insgesamt zeitgemäßer, "aber eben auch nicht zu crazy. Hier muss man auch nicht auf Europaletten sitzen wie in manch anderem Coworking-Space."

Wework hat gewissermaßen eine Art kulturelle Scharnierfunktion und bildet den Missing Link zwischen ausgeflipptem Coworking und der eher konservativen Unternehmenswelt. Ist Wework also nur das domestizierte Abziehbild einer einst radikalen New-Work-Pose? Outgesourcte Hippness als zubuchbares Businessmodul?

Wohnen präsentiert von Wework

Das wäre zu einfach. Tatsächlich reflektiert Wework, was aus der neuen Arbeit geworden ist. Die Arbeitswelt hat sich ja tatsächlich gewandelt – nur nicht so eindimensional, wie die Pioniere einst glaubten. Zwischen den damals als Dualität gedachten Polen des ungebundenen kreativen Freiberuflers und dem bis zur Rente fest angestellten Konzernsoldaten hat sich ein großes Feld aufgespannt mit allerlei neuen Arbeitsmodellen, die irgendwo dazwischen liegen: die irgendwo dazwischen liegen: der feste Freier, die halbtags Angestellte, Menschen im Sabbatical, donnerstags und freitags im Home Office arbeitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Arbeitswelt hat sich vor allem entzerrt und diversifiziert. Das hat Wework frühzeitig erkannt und die entsprechende Infrastruktur dafür kreiert.

Aber auch das Arbeitsplatzangebot hat sich in der Zwischenzeit aufgefächert. Natürlich sitzen einige immer noch im Café, andere haben zu Hause einen Schreibtisch im Arbeitszimmer und vereinbaren so Familie und Beruf. Wieder andere haben die gute alte Bibliothek für sich wiederentdeckt und Pendler arbeiten mittlerweile routiniert im ICE, seitdem auch dort WLAN verfügbar ist. Der Ort der Arbeit hat sich wie die Arbeit selbst entgrenzt und jeder Ort mit Tisch und Internet macht den Coworking-Spaces – und Wework – Konkurrenz.

"Alles kann heute ein Arbeitsplatz sein. Bei gutem Wetter und WLAN kann man auch im Park sitzen und arbeiten", sagt Wybo Wijnbergen, General Manager für Nordeuropa bei Wework. Seiner Ansicht nach ist das, was Wework darüber hinaus anbietet, der Zugang zur Community. Von anderen lernen, sich austauschen, zusammen Projekte machen und dabei mehr Geld verdienen, das sei der eigentliche Mehrwert der Wework-Mitgliedschaft und rechtfertige auch die höheren Preise. Eine Umfrage habe ergeben, dass 70 Prozent der Mitglieder mit anderen kollaborierten.

Viele Wework-Kunden, mit denen ich gesprochen habe, konnten diesen Mehrwert – verglichen zu anderen Coworking-Spaces – nicht bestätigen. Das Arbeiten bei Wework sei vergleichsweise anonym, der Austausch eher rar. Das liege gar nicht so sehr am Unternehmen selber – die Bemühungen zur Stärkung der Community seien durchaus sichtbar. Es ist eher der spezifische Mix der Menschen, die dort arbeiten. Der Wunsch nach Austausch ist bei Angestellten vielleicht nicht so groß, wenn für sie am Ende des Tages vor allem das Netzwerk innerhalb des eigenen Unternehmens zählt.

Trotzdem ist die Betonung der Community bei Wework mehr als reiner PR-Sprech. Überall hängen Displays, auf denen Freie oder Start-ups in Rotation ihre Dienste oder Produkte anpreisen. Es gibt regelmäßige Veranstaltungen, und im vergangenen Jahr hat Wework das Start-up Meetup akquiriert, eine Onlineplattform zur Organisation von Offline-Events. Ein idealer Match, sagt Wijnbergen, denn genau als das sieht er Wework: die physische Instanz der digital gewordenen Kollaboration.

Vielleicht kann man auch sagen: die realweltliche Entsprechung von Linkedin. Wework hat sein Schicksal an die Zukunft der Arbeit gekoppelt – und manche sagen ihr düstere Zeiten voraus. Künstliche Intelligenzen übernähmen einen Großteil der Arbeit, die heute von Menschen gemacht wird, so heißt es. Es ist nur folgerichtig, dass sich Wework auch in anderen Bereichen versucht, sei es in der Bildung durch die Konzeptgrundschule Wegrow in New York oder in Weiterbildungseinrichtungen wie der Flatiron Coding School, die außer in New York nun auch in London und bald in Berlin eröffnen wird. Mit Welive versucht Wework, sein raumorganisatorisches Know-how außerdem auf das Wohnen zu transferieren. Flexible, fertig eingerichtete Apartments mit allerlei zusätzlichen Services sollen den Widerspruch zwischen Platzmangel und Lebensqualität auflösen. Bislang gibt es die Wohnungen nur in New York und Washington und noch ist offen, ob das Konzept ähnlich gut skaliert wie Wework.

Irgendwann ist alles wie Wework

Trotzdem beschreibt das Modell ein typisches Plattformphänomen. Vertikale Integration nennt man es, wenn Google Handybetriebssysteme herstellt und Amazon eigene Logistikzentren baut: Die Firmen weiten die eigenen Leistungen auf Bereiche aus, die der eigentlichen Hauptdienstleistung vor- oder nachgelagert sind. Genauso macht es Wework: Wenn das Unternehmen schon meinen Arbeitsplatz organisiert, warum dann nicht auch meine Wohnung und die Kinderbetreuung? Alles aus einer Hand anzubieten, ermöglicht Synergieeffekte und erhöht den Lock-in-Effekt bei Nutzerinnen und Nutzern – es wird für sie immer schwerer, aus dem Ökosystem auszubrechen.

Irgendwann wird vielleicht das ganze Leben so funktionieren wie der Kaffeeautomat im Wework-Foyer: Ich wähle aus einer begrenzten, aber durchaus beachtlichen Auswahl an Einrichtungsstilen für das Apartment sowie Bildungsmodulen für das Kind aus und gebe meine bevorzugte Schreibtischhöhe ein. Mein Leben wird dann frisch gebrüht überall dorthin serviert, wo es mich gerade hin verschlagen hat. Natürlich all-inclusive zum monatlichen Pauschalpreis und platzsparend – vielleicht sogar umweltschonend – durchoptimiert. Dazu bin ich vernetzt in der Community, die mich mit Jobangeboten und Projekten je nach Lebenslage versorgt und mit der ich mich in der Kaffeepause über den Unterschied von Americano und Filterkaffee austauschen kann. Also schon auch ein bisschen wie Star Trek, nur mit Großstadt statt Raumschiff. Und mit saftigen Preisen.