Eine Onlineenzyklopädie, an der jede Person mitarbeiten kann: Das ist die Idee hinter Wikipedia. Nutzerinnen und Nutzer können Beiträge erstellen, bearbeiten und ergänzen. Jimmy Wales hat die Plattform 2001 mitgegründet und leitete bis 2006 die Wikimedia Foundation, die Stiftung hinter Wikipedia. Heute sitzt er im Aufsichtsrat der Enzyklopädie als Chairman emeritus und hat mit WikiTribune ein communitybasiertes Nachrichtenportal aufgebaut. ZEIT ONLINE hat ihn in Kapstadt getroffen.

ZEIT ONLINE: Herr Wales, mit Donald Trump haben die USA einen Präsidenten, der Menschen auf Twitter beschimpft und einen Kampf gegen Medien führt. Was nervt Sie am meisten an Trump?

Jimmy Wales: (lacht) Oh je, die derzeitige Präsidentschaft … Wissen Sie, für mich geht es im Wesentlichen um den Angriff auf Fakten und Wahrheit. Das ist viel wichtiger als jegliche politische Meinungsverschiedenheit. Der anhaltende Unsinn macht mich einfach wahnsinnig. Da erzähle ich natürlich nichts Besonderes, das geht sicher vielen Leuten so. Aber wenn man aus der Welt von Wikipedia kommt, in der wir so leidenschaftlich um Fakten ringen und versuchen, so präzise wie möglich zu sein und qualitative Quellen zu verwenden – natürlich kriegen wir es nicht perfekt hin, aber wir versuchen es –, dann ist es entsetzlich, eine Regierung zu sehen, die genau das Gegenteil macht, nämlich Verwirrung stiften und sich davon stehlen.

ZEIT ONLINE: Hat die Verifizierung von Informationen unter Trump Ihrer Meinung nach an Bedeutung gewonnen?

Wales: Ich denke ja. Wir beobachten eine Entwicklung, über die ich sehr glücklich bin, nämlich echten Widerstand gegen das Konzept von Fake-News. Seit der Wahl sind die Spenden für Wikipedia gestiegen. Und nicht nur bei uns merkt man den Effekt, die Abonnentenzahl der digitalen New York Times ist innerhalb weniger Jahre von einer Million auf drei Millionen gestiegen. Das ist ein gutes Zeichen, die Menschen wollen Qualitätsjournalismus, Berichte, die auf Fakten basieren. Und sie verstehen, dass dieser Clickbaitunsinn in den sozialen Medien nicht das Wahre ist. Ein bisschen Boulevard schadet ja nicht, aber wenn das die einzige Art der Information ist, reicht das nicht, um die Welt zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Falsche Nachrichten werden trotzdem durch das Netz verbreitet. Beobachten Sie mehr Angriffe auf Wikipedia-Einträge, also mehr Versuche, falsche Informationen zu streuen?

Wales: Nicht wirklich. Die richtigen Fake-News-Institutionen haben fast keinen Einfluss auf Wikipedia, denn Wikipedianer legen großen Wert auf qualitative Quellen. Wenn eine Schlagzeile wie "Papst unterstützt Trump" die Runde in den sozialen Netzwerken macht, dann sagen Wikipedianer: "Hm, das ist ungewöhnlich, denn der Papst unterstützt keine Politiker." Sie würden die Quelle recherchieren und vielleicht wäre es so etwas wie der Denver Guardian. Von der Quelle hätten sie noch nicht gehört, deshalb würden sie weiter recherchieren und feststellen, dass die zitierte Quelle nicht existiert. Das ist übrigens einer der Wege, über die sich Fake-News verbreiten: Denver Guardian klingt wie eine echte Zeitung, deswegen prüfen viele die Website nicht und teilen Beiträge einfach fröhlich weiter.

ZEIT ONLINE: Wie sorgen Sie dafür, dass solche Texte nicht doch zitiert werden? Gibt es eine Art schwarze Liste mit Publikationen von Wikipedia, die nicht als verlässliche Quelle anerkannt werden?

Wales: Ja und nein. Das ist ein bisschen kompliziert, es gibt eine Art Spamfilter mit URLs, die nicht auf Wikipedia gestellt werden können. Wenn jemand beispielsweise Tausende URLs zu seiner blöden, mit Pop-up-Werbung überladenen Website postet, dann kommen diese URLs auf die Liste und wir sagen, das ist keine Quelle. Ich weiß nicht, ob das auch für richtige Fake-News-Seiten verwendet wird, wahrscheinlich in geringem Umfang, aber meistens ist es eine redaktionelle Beurteilung. Es gab vor einer Weile ziemlich Wirbel um die Daily Mail in England. Dort hat die Wikipedia-Community in England gesagt, dass die Daily Mail keine verlässliche Quelle sei. Aber es gibt keinen Softwareban auf Wikipedia. Das heißt, dass die Zeitung als Quelle nicht präferiert, da die Leute wissen, dass sie meist aufrührerischen Unsinn bringt. Aber natürlich gibt es Fälle, in denen sie Journalismus betreibt und man die Daily Mail zitieren würde.

ZEIT ONLINE: Wie steht es mit einem rechten Medium wie Breitbart News – ist das eine verlässliche Quelle laut Wikipedia?

Wales: Das kommt darauf an. Es gibt Situationen, in denen Breitbart etwas hat, das niemand sonst hat. Ich selbst habe noch keinen Link zu Breitbart als Quelle gesehen, aber die gibt es sicher.