ZEIT ONLINE: Mit WikiTribune haben Sie vor Kurzem Ihre eigene Onlinepublikation gegründet. Die Idee dahinter ist, dass Journalistinnen und Journalisten gemeinsam mit ihrer Leserschaft an den Artikeln arbeiten. Wie kam es dazu?

Wales: Das war das direkte Resultat meines Ärgers über den Moment, als Kellyanne Conway von "alternativen Fakten" geredet hat. Das hat mich umgehauen, so lächerlich war das. Ich mache mir schon länger Gedanken über die Herausforderungen des Journalismus. Das Finanzierungsmodell ist schon lange am Boden, der finanzielle Druck ist riesig und zwingt selbst qualitativ hochwertige Medien dazu, Clickbaitschlagzeilen zu verfassen. Gleichzeitig weiß ich, dass es eine tolle Gemeinschaft gibt, die mit Leidenschaft Sachverhalte verifiziert. Reiner Bürgerjournalismus beantwortet nicht alle Fragen, es gibt Dinge, für die man professionelle Journalisten braucht. So kam es zu dem Hybridmodell: professionelle, bezahlte Journalisten und eine Community, die diese unterstützt. Wenn wir das hinbekommen, dann können wir Kosten senken und die Journalisten besser bezahlen. Damit experimentieren wir gerade.

ZEIT ONLINE: Der Begriff "Wiki" bezieht sich auf eine Website, auf der User fortlaufend kollaborieren. Wird es auf WikiTribune je endgültige Versionen von Artikeln geben?

Wales: Ein Artikel bleibt so lange ein Entwurf, bis ein Redakteur ihn überprüft und abnimmt. Danach kann eine publizierte Geschichte zwar korrigiert werden, das muss aber wieder geprüft werden. Irgendwann endet das natürlich und die Geschichte landet im Archiv.

ZEIT ONLINE: Was für Seiten nutzen Sie persönlich, zum Beispiel an sozialen Medien?

Wales: Mir gefällt Instagram gut. Ich folge keinen Stars, aber für Freunde und Fotos mag ich es irgendwie lieber als Facebook. Auf Facebook diskutiert immer jemand über Politik, da habe ich gerade keine Lust drauf. Was ich auch noch gerne mag, ist Quora, eine Frage-und-Antwort-Seite.  

Ich sage nicht einfach: 'Bumm, so ist es richtig.'
Jimmy Wales, Wikipedia-Gründer

ZEIT ONLINE: Ich habe einige Ihrer Antworten auf Quora gelesen und war überrascht, dass Sie so ausführlich schreiben.

Wales: Ja, Quora passt irgendwie besser zu mir. Ich habe dort auch mehr Follower als auf Facebook und Twitter. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich nicht die Fähigkeit besitze, etwas Witziges in 140 oder 280 Zeichen zu quetschen. Auf Quora stellen die Leute eine gute Frage, und dann denke ich darüber nach. Denn ich bin das Gegenteil von Donald Trump, ich sage nicht einfach: "Bumm, so ist es richtig." Ich sage eher: So denke ich darüber, aber es gibt unterschiedliche Meinungen. Die führe ich dann aus, und so wird die Antwort ein paar Absätze lang.

ZEIT ONLINE: Reden wir zum Abschluss noch mal über Wikipedia. Schreiben Sie selbst noch Beiträge?

Wales: Ja, ich kommuniziere viel mit der Community und ich editiere manchmal. Meine Rolle ist seit Langem stabil. Ich bin nicht angestellt bei der Wikimedia Foundation, sondern Volontär. Ich habe eine gewisse Führungsrolle in der Gemeinschaft inne, aber die ist nicht autoritär, sondern beratend und auf gewisse Weise symbolisch. Das wird sich nicht ändern, das macht mir Spaß.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie etwas an Wikipedia ändern könnten, was wäre das?

Wales: Oh je, keine Ahnung, ich liebe es. Vielleicht die mobile Seite. Die ist in Sachen Teilnahme nicht ideal, das sollten wir ändern.

* Korrekturhinweis: In einer ersten Fassung des Textes stand an dieser Stelle "eine Million". Es muss stattdessen "eine Milliarde" heißen. Wir bitten um Entschuldigung.