Weiß, männlich, Wikipedia – Seite 1

Im dritten Stock des Southern Sun Hotels in Kapstadt wird das Problem von Wikipedia offensichtlich. Im Raum Montreal, hinter schweren Holztüren und unter schimmernden Kronleuchtern, sitzen die knapp 600 Teilnehmer der diesjährigen Wikimania-Tagung. Über ihre Laptops gebeugt diskutieren und programmieren sie während des Hackathons, einer Veranstaltung, auf der Menschen in kurzer Zeit gemeinsam neue Softwareprojekte entwickeln.

Sie, das sind die Autoren der Online-Enzyklopädie, die nach Kapstadt gekommen sind. Und sie sind größtenteils männlich und weiß. Frauen und People of Colour lassen sich an diesem Vormittag an zwei Händen abzählen.

Die Demografie der Hackathon-Teilnehmer verdeutlicht ein Kernproblem von Wikipedia: Weiße Männer aus Europa und Nordamerika schreiben rund 80 Prozent der Einträge der Online-Enzyklopädie. Das zeigen Auswertungen der Wikimedia Foundation, der Stiftung hinter Wikipedia. Zwar sind in Europa und Nordamerika auch doppelt so viele Menschen online wie in afrikanischen Regionen. Trotzdem dürfte das Ungleichgewicht keineswegs so groß sein.

Das prägt die Inhalte. So gibt es auf Wikipedia eine Fülle an Informationen zu US-amerikanischen Fernsehserien oder europäischen Kriegen. Artikel beispielsweise über afrikanische Persönlichkeiten in afrikanischen Sprachen sind hingegen spärlich gesät. Wikipedia enthält heute mehr als 46 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen. Wären diese paritätisch verteilt, wären in jeder Sprache etwa 150.000 Beiträge verfügbar. Doch das ist nicht der Fall: Allein fünf Millionen Artikel sind auf Englisch verfasst, nur circa 275.000 Beiträge in afrikanischen Sprachen.

Nur schriftliche Quellen zählen, Ton- und Videoaufnahmen nicht

Douglas Scott, der Vorsitzende von Wikimedia in Südafrika, sieht dadurch das Prinzip des neutralen Standpunkts bedroht; eines der Grundprinzipien von Wikipedia. Alle relevanten verifizierbaren Ansichten sollten zu einem Thema vertreten sein, so die Auffassung. "Das funktioniert nicht ohne Vielfalt unter unseren Autoren", sagt Scott. Um die Diversität zu fördern und afrikanische Autorinnen und Autoren zu gewinnen, hat die Stiftung als Austragungsort für die jährliche Wikimania-Tagung mit Kapstadt erstmals einen Standort im subsaharischen Afrika gewählt.

Was so viele Nutzerinnen und Nutzer außerhalb Europas und Nordamerikas daran hindert, Artikel für die Online-Enzyklopädie zu verfassen? Wer mit Menschen auf der Wikimania-Konferenz spricht, merkt zunächst: Das Konzept von Wikipedia ist noch längst nicht jedem geläufig. "Viele wissen einfach nicht, dass sie an Wikipedia mitarbeiten können", sagt Reem al-Kashif, eine Dozentin an einer Universität in Kairo. Sie erzählt ihren Studentinnen und Studenten deshalb davon und animiert sie, selbst mitzumachen.

Ein großes Problem ist aber auch Analphabetismus. Jede dritte Person, die südlich der Sahara lebt, kann nicht lesen und schreiben, wie Zahlen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zeigen. Daher können die Personen nicht nur keine Artikel für Wikipedia verfassen. Sie können auch keine anderen Beiträge im Web schreiben, die als Quellen für einen Artikel in der Enzyklopädie taugen könnten. Und bis dato kommen Quellen in Wikipedia-Artikeln ausschließlich in schriftlicher Form vor.

Im afrikanischen Kontext spielt dagegen die oral history, die mündliche Übermittlung von Wissen, eine wichtige Rolle. Wie man diese Erzählungen verfügbar machen kann, damit befassen sich mehrere Sitzungen auf der Wikimania-Konferenz. Eine Idee ist, die oral history in Ton- oder Videoaufnahmen festzuhalten. So könnten sie auch bei Wikipedia als verifizierbare Informationsquellen auftauchen. Das klingt simpel, ist bisher aber nicht üblich.

"Viele wissen nicht, dass sie an Wikipedia mitarbeiten können"

Während Analphabetismus ein grundlegendes gesellschaftliches Problem ist, haben diejenigen, die lesen und schreiben können, im Alltag größere Sorgen als Wikipedia. 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der subsaharischen Region verdienen laut UNDP weniger als 2,65 Euro am Tag. Gemessen daran sind Datenpakete teuer. Ein Prepaidpaket mit einem Datenvolumen von 500 Megabyte für 30 Tage beispielsweise kostet je nach Land zwischen 0,71 Euro und 23 Euro, wie die südafrikanische Regulierungsorganisation Icasa untersucht hat. In Südafrika kosten mobile Datenpakete so viel wie in keinem anderen Land auf dem Kontinent. Auch WLAN ist nicht überall Standard. Die, die sich mobile Daten leisten können, verwenden sie lieber darauf, mit Familie und Freunden zu kommunizieren, statt einen Eintrag für Wikipedia zu schreiben.

Auch die Sprache ist ein Hindernis. Viele seiner Landsleute glaubten, dass sie auf Englisch schreiben müssten, sagt Dumisani Ndubane aus Johannesburg: "In meiner Muttersprache Tsonga gibt es weniger als 1.000 Einträge." Ndubane ist ein Wikipedianer, der ständig neue Artikel schreibt. In seiner Freizeit hat er schon an die 500 Beiträge verfasst. Zu Beginn konzentrierte er sich auf Themen aus dem Bereich Ingenieurwesen, denn das hat er studiert. Mittlerweile schreibt er auch über die Geschichte, Kultur und Tradition der Tsonga, einer Volksgruppe im südlichen Afrika. In seinen Beiträgen berichtet er von historischen Persönlichkeiten und traditionellen Kleidungsstücken des Volkes. Für ihn geht es um mehr als Diversität: Er will seine Herkunft digital konservieren. "Dieses Wissen geht langsam verloren", sagt Ndubane, "das will ich verhindern."

Viele Tansanier posten Bilder von Sehenswürdigkeiten auf sozialen Medien. Ich will die Leute dazu bringen, auch noch etwas darüber zu schreiben.
Iddy John, Wikipedia-Aktivist

Wikimedia-Geschäftsführerin Katherine Maher ist sich solcher Herausforderungen bewusst. Wenn sie etwas sofort ändern könnte, dann, dass die weltweite Wikipedia-Gemeinschaft wahrhaftig global wäre, sagt sie im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Das Wissen aus der deutschen oder amerikanischen Perspektive habe man problemlos sammeln können. Aber ihr Ziel ist es, auch andere Kulturen zu erreichen. "Um dem gerecht zu werden, müssen wir expandieren", sagt Maher.

Nicht nur die Wikimania-Tagung in Kapstadt soll dabei helfen. Gemeinsam mit lokalen Communities hat die Stiftung zum Beispiel die Kampagne Wiki Loves Africa entwickelt. Dabei gibt es Wettbewerbe, die Afrikanerinnen und Afrikaner motivieren sollen, Fotos von ihrem Kontinent zu teilen. Im Jahr 2017 luden so 2.600 Personen mehr als 18.000 Bilder hoch. Im Vorjahr waren es noch 900 Personen mit etwa 7.500 Bildern.

Einer, der sich für mehr Diversität engagiert, ist Iddy John, ein Marketingmanager aus Tansania. "Viele Tansanier posten Bilder von Sehenswürdigkeiten auf sozialen Medien", sagt John. "Ich will die Leute dazu bringen, auch noch etwas darüber zu schreiben." Für die kommenden Monate plant er Workshops für Afrikanerinnen im Rahmen der Wiki-Loves-Women-Kampagne in seiner Heimatstadt Daressalam. Die Frauen können dann Inhalte für Wikipedia erstellen.

Auch weibliche Stimmen fehlen

Denn nicht nur verschiedene Nationalitäten und Sprachen sind auf Wikipedia unterrepräsentiert. Auch das Geschlechterverhältnis ist katastrophal: Frauen schreiben nur knapp 16 Prozent aller Einträge auf Wikipedia. Dass weibliche Stimmen fehlen, hängt mit dem Umgangston zusammen, sagt Uni-Dozentin Al-Kashif: "Es kann ziemlich feindselig werden, das ist anstrengend." Dabei geht es vor allem um Diskussionen rund um Artikel. Wer Autor bei Wikipedia ist, kann beispielsweise einzelne Sätze kritisieren oder fehlende Quellen anmerken. Dieser Prozess ist nicht immer konstruktiv, oft ist der Ton rau. Sie selbst halte sich bewusst von Diskussionen fern, sagt Al-Kashif: "Ich weiß, dass das auch andere Frauen abschreckt." Das ist allerdings schon seit Jahren ein Thema – nicht nur in Afrika, sondern weltweit.