Während Analphabetismus ein grundlegendes gesellschaftliches Problem ist, haben diejenigen, die lesen und schreiben können, im Alltag größere Sorgen als Wikipedia. 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der subsaharischen Region verdienen laut UNDP weniger als 2,65 Euro am Tag. Gemessen daran sind Datenpakete teuer. Ein Prepaidpaket mit einem Datenvolumen von 500 Megabyte für 30 Tage beispielsweise kostet je nach Land zwischen 0,71 Euro und 23 Euro, wie die südafrikanische Regulierungsorganisation Icasa untersucht hat. In Südafrika kosten mobile Datenpakete so viel wie in keinem anderen Land auf dem Kontinent. Auch WLAN ist nicht überall Standard. Die, die sich mobile Daten leisten können, verwenden sie lieber darauf, mit Familie und Freunden zu kommunizieren, statt einen Eintrag für Wikipedia zu schreiben.

Auch die Sprache ist ein Hindernis. Viele seiner Landsleute glaubten, dass sie auf Englisch schreiben müssten, sagt Dumisani Ndubane aus Johannesburg: "In meiner Muttersprache Tsonga gibt es weniger als 1.000 Einträge." Ndubane ist ein Wikipedianer, der ständig neue Artikel schreibt. In seiner Freizeit hat er schon an die 500 Beiträge verfasst. Zu Beginn konzentrierte er sich auf Themen aus dem Bereich Ingenieurwesen, denn das hat er studiert. Mittlerweile schreibt er auch über die Geschichte, Kultur und Tradition der Tsonga, einer Volksgruppe im südlichen Afrika. In seinen Beiträgen berichtet er von historischen Persönlichkeiten und traditionellen Kleidungsstücken des Volkes. Für ihn geht es um mehr als Diversität: Er will seine Herkunft digital konservieren. "Dieses Wissen geht langsam verloren", sagt Ndubane, "das will ich verhindern."

Viele Tansanier posten Bilder von Sehenswürdigkeiten auf sozialen Medien. Ich will die Leute dazu bringen, auch noch etwas darüber zu schreiben.
Iddy John, Wikipedia-Aktivist

Wikimedia-Geschäftsführerin Katherine Maher ist sich solcher Herausforderungen bewusst. Wenn sie etwas sofort ändern könnte, dann, dass die weltweite Wikipedia-Gemeinschaft wahrhaftig global wäre, sagt sie im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Das Wissen aus der deutschen oder amerikanischen Perspektive habe man problemlos sammeln können. Aber ihr Ziel ist es, auch andere Kulturen zu erreichen. "Um dem gerecht zu werden, müssen wir expandieren", sagt Maher.

Nicht nur die Wikimania-Tagung in Kapstadt soll dabei helfen. Gemeinsam mit lokalen Communities hat die Stiftung zum Beispiel die Kampagne Wiki Loves Africa entwickelt. Dabei gibt es Wettbewerbe, die Afrikanerinnen und Afrikaner motivieren sollen, Fotos von ihrem Kontinent zu teilen. Im Jahr 2017 luden so 2.600 Personen mehr als 18.000 Bilder hoch. Im Vorjahr waren es noch 900 Personen mit etwa 7.500 Bildern.

Einer, der sich für mehr Diversität engagiert, ist Iddy John, ein Marketingmanager aus Tansania. "Viele Tansanier posten Bilder von Sehenswürdigkeiten auf sozialen Medien", sagt John. "Ich will die Leute dazu bringen, auch noch etwas darüber zu schreiben." Für die kommenden Monate plant er Workshops für Afrikanerinnen im Rahmen der Wiki-Loves-Women-Kampagne in seiner Heimatstadt Daressalam. Die Frauen können dann Inhalte für Wikipedia erstellen.

Auch weibliche Stimmen fehlen

Denn nicht nur verschiedene Nationalitäten und Sprachen sind auf Wikipedia unterrepräsentiert. Auch das Geschlechterverhältnis ist katastrophal: Frauen schreiben nur knapp 16 Prozent aller Einträge auf Wikipedia. Dass weibliche Stimmen fehlen, hängt mit dem Umgangston zusammen, sagt Uni-Dozentin Al-Kashif: "Es kann ziemlich feindselig werden, das ist anstrengend." Dabei geht es vor allem um Diskussionen rund um Artikel. Wer Autor bei Wikipedia ist, kann beispielsweise einzelne Sätze kritisieren oder fehlende Quellen anmerken. Dieser Prozess ist nicht immer konstruktiv, oft ist der Ton rau. Sie selbst halte sich bewusst von Diskussionen fern, sagt Al-Kashif: "Ich weiß, dass das auch andere Frauen abschreckt." Das ist allerdings schon seit Jahren ein Thema – nicht nur in Afrika, sondern weltweit.