Es ist ja nicht so, dass sich in Deutschland bislang gar keine Behörden um die Sicherheit im Netz kümmern würden, den Schutz vor digitalen Angriffen und den Aufbau von Know-how im Cyberbereich. Es gibt seit vergangenem Jahr zum Beispiel die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (Zitis), die das Bundesinnenministerium gegründet hat und die neue Werkzeuge für Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Verfassungsschutz entwickeln soll. Ebenfalls seit 2017 arbeitet der vom Verteidigungsministerium ins Leben gerufene Cyber Innovation Hub daran, die Bundeswehr auf den technologischen Stand der Dinge zu bringen und Start-ups aus der IT-Sicherheit zu fördern. Und seit 1991 existiert das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das Unternehmen und Behörden in Deutschland vor Attacken aus dem Netz schützen soll.

Auch die amtierende Bundesregierung hat Cyberabwehr als wichtiges Thema identifiziert. Und trotz aller bereits angestellten Bemühungen sieht sie noch eine Lücke im Netz: zwischen der Erforschung von Technologien an Universitäten und der Entwicklung von einsetzbaren Anwendungen. Schon im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD deshalb die Gründung einer neuen Institution vereinbart. Das Bundeskabinett hat diese nun auf den Weg gebracht: Agentur für Innovationen in der Cybersicherheit wird sie heißen und sowohl beim Bundesinnenministerium als auch beim Bundesverteidigungsministerium angesiedelt sein. Anfang 2019 soll sie ihre Arbeit aufnehmen.

"Der Staat muss auch in der digitalen Welt seine Schutzfunktion wahrnehmen", sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit ihrem Kabinettskollegen Horst Seehofer. Die bisherige Grundlagenforschung sei zu langsam. "Wir müssen mindestens so schnell sein und so gut ausgerüstet sein, wie das die Täter sind", sagte von der Leyen. Seehofer bezeichnete Cybercrime ergänzend als "Wachstumsindustrie".

Was das als GmbH ausgegründete Unternehmen machen soll, ist schnell erklärt: theoretische Forschung zur IT-Sicherheit anschieben und die Verbindung zur praktischen Anwendung herstellen. Vorbild sind wie so häufig die Amerikaner und deren Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), die allerdings schon 1958 gegründet wurde. Die US-Agentur hat unter anderem Arpanet hervorgebracht, einen Vorläufer des Internets und damit das Netz, das nun vor Cyberangriffen geschützt werden muss. Auch die Tarnkappentechnologie und GPS wurden durch Förderung der Darpa erst möglich.

Wird Deutschland selbst zum Cyberangreifer?

Jetzt sollen ähnlich bahnbrechende Technologien endlich auch in Deutschland entstehen, bezogen allein auf Cybersicherheit allerdings. Forscherinnen und Forscher sollen beispielsweise neuronale Netze, neue Arten von Speichermedien oder auch automatisierte Systeme entwickeln können, die Cyberangriffe frühzeitig aufdecken. Auch gesellschaftspolitische Projekte sind denkbar, etwa neue Wege, Menschen das Thema Cybersicherheit simpel zu erklären.

Das Internet wird damit zwar nicht neu erfunden, aber möglicherweise in Deutschland zumindest ein bisschen besser gesichert. Denn der Zweck der von der neuen Agentur zu fördernden Technologien ist vor allem die digitale Verteidigung. Angriffe auf die Infrastrukturen anderer Länder sind nur in Krisensituationen denkbar, heißt es aus Kreisen des Innenministeriums. Gemeint ist damit: erst wenn Deutschland selbst attackiert würde.

Um neue Sicherheitsideen zu finden, will die Bundesregierung eng mit Universitäten und der Wirtschaft zusammenarbeiten. Insgesamt etwa 100 Mitarbeiter soll die neue Agentur haben, die entsprechende Forschung in Auftrag geben sollen. Wenn die Projekte Potenzial besitzen, kann das Verteidigungsministerium sie übernehmen und weiterentwickeln. Möglich ist auch, dass sich die Agentur Partner aus der Wirtschaft sucht. Interessenbekundungen von Unternehmen gebe es bereits, heißt es aus dem Bundesinnenministerium.

Die Bundesregierung fungiert bei der Neugründung quasi als Risikokapitalgeber und stellt 100 Millionen Euro jährlich für die Erforschung dieser neuartigen Sicherheitsmethoden bereit. Wie bei Risikokapital aus der Wirtschaft ist das potenzielle Scheitern mancher Projekte mit einkalkuliert: Ein paar wenige Ideen sollen so viel Geld einbringen, dass sie die Investitionen in die nicht erfolgreichen Projekte ausgleichen. Niemand will sich schließlich dem Vorwurf aussetzen, ziellos Steuergelder zu verprassen. 

Die schwierige Suche nach Personal

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man die Weiterentwicklung der Cyberabwehr nicht besser hätte bündeln können. Mit dem derzeitigen Konzept riskiert die Bundesregierung Dopplungen: Denn auch wenn die Abgrenzung theoretisch durchdacht ist, bleibt unklar, was passiert, wenn beispielsweise Zitis und die neue Agentur für Innovationen in der Cybersicherheit parallel an gleichen Projekten arbeiten.

Hinzu kommt, dass in der Kabinettssitzung auch die Gründung einer Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen (zu Deutsch: bahnbrechenden Ideen) beschlossen wurde. Das wäre das, was auch Darpa betreibt. Auch wenn die Agenturen in der Theorie voneinander abgegrenzt sind, könnten auch sie am Ende auf ähnliche Themen und Lösungsvorschläge kommen.

Auch die Suche nach Personal dürfte nicht einfach werden. Schon für die Zitis war es schwierig, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, weil die Wirtschaft Menschen mit entsprechenden Kenntnissen nun mal deutlich besser bezahlt. Eigentlich wollte man 120 Personen bis Ende 2017 einstellen, besetzt ist bei der Zitis bislang nur die Hälfte der Stellen. Die neue Agentur für Innovationen in der Cybersicherheit wird mit den Gehältern in der Digitalwirtschaft mutmaßlich ebenfalls nicht mithalten können und könnte auf ähnliche Probleme stoßen.

Dennoch ist der Gedanke hinter der Agentur grundsätzlich verständlich: Immer wieder und zu Recht wird die technologische Grundlagenforschung in Deutschland gelobt, doch die bahnbrechenden Anwendungen dafür werden oft anderswo entwickelt. Das beste Beispiel dafür ist künstliche Intelligenz: Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist weltweit bekannt für seine wissenschaftliche Arbeit. Führend in der KI-Praxis sind aber bislang andere Länder wie etwa die Vereinigten Staaten und China.