"Facebook befeuert Anti-Flüchtlingsattacken in Deutschland, legt eine neue Studie nahe": So interpretierten Journalisten der New York Times kürzlich eine Untersuchung von zwei Wissenschaftlern der University of Warwick (SSRN: Müller et al., 2017). Die hatten untersucht, ob dort in Deutschland, von wo aus viele Hasskommentare und flüchtlingsfeindliche Beiträge ins Netz gestellt werden, auch die Anzahl tatsächlicher Angriffe auf Flüchtlinge erhöht ist. Dazu verglichen sie die Aktivität auf der Hauptfanseite der AfD mit der auf der unpolitischen Fanseite der Nougatcreme Nutella. Heraus kam: Egal, ob im Umfeld rechter Ansichten oder dem des Schokoladen-Aufstrichs – überall da, wo Facebook viel genutzt wurde, gab es auch mehr Attacken auf Geflüchtete. Die New York Times bezeichnete die Resultate der Studie als "bahnbrechend" und "atemberaubend".

Aber heißt das, Facebook verursacht Anschläge auf Ausländer? Ist es die Aktivität auf der Plattform, die Menschen dazu bringt, sich zu radikalisieren? Passen würde es in das Narrativ, das Medien schon seit Jahren wieder und wieder erzählen: Facebook mache uns depressiv, Facebook fördere Einsamkeit und Isolation, Facebook sei eine Gefahr für die Demokratie. Jetzt soll das soziale Netzwerk also auch verantwortlich für die fremdenfeindlichen Taten seiner Nutzerinnen und Nutzer sein.

Aber so einfach ist es nicht, nie gewesen. Auch nicht im aktuellen Fall. Zwar belegt die Studie aus England – durchgeführt von zwei deutschen Forschern – tatsächlich eine statistische Häufung der Aktivität in dem sozialen Netzwerk und den Angriffen auf geflüchtete Menschen an bestimmten Orten. Eine Ursächlichkeit lässt sich aus den Daten aber nicht ablesen. Um es ganz deutlich zu sagen: Nur, weil zwei Phänomene korrelieren, muss das eine nicht der Grund für das andere sein.

Was genau haben die Forscher gemacht?

Doch was war überhaupt die Idee hinter der Studie? Die Ökonomen Karsten Müller und Carlo Schwarz wollten ursprünglich wissen, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen flüchtlingsfeindlicher Hetze auf Facebook und Übergriffen auf Geflüchtete gibt. "Wir haben immer wieder in Zeitungsberichten gelesen, dass es Hasskommentare online gebe und dass sie die Stimmung gegenüber Geflüchteten aufheizten", sagte Schwarz im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Wissenschaftlich sei dieser Aussage aber noch niemand nachgegangen. Deshalb begannen die beiden, selbst Daten und Zahlen zusammenzutragen und auszuwerten.

Eine Herausforderung bestand darin, auf Facebook eine typische Seite zu finden, auf der fremdenfeindliche Posts und Kommentare nicht nur geteilt, sondern auch einer großen Gefolgschaft angezeigt werden. Müller und Schwarz entschlossen sich, die Fanseite der Alternative für Deutschland auszuwerten. Die Partei habe sich als Anti-Flüchtlings- und Anti-Immigrationspartei positioniert. Mit rund 300.000 Anhängerinnen und Anhängern habe sie mehr Facebookfans als jede andere deutsche Partei. Diese große Reichweite mache die Seite "besonders geeignet", um Stimmungsmache gegen Flüchtlinge in sozialen Medien zu messen, schreibt das Forscherteam in seiner Veröffentlichung.

Als eine Art Kontrollgruppe – also um das Verhalten von Nutzern auf der AfD-Seite mit dem typischen Nutzungsverhalten auf einer unpolitischen Facebookseite zu vergleichen – wählten die Wissenschaftler die Fanseite der Schokoladencreme Nutella. Zum Zeitpunkt der Untersuchung sei diese mit 32 Millionen Fans die zweitgrößte Facebookseite in Deutschland gewesen. Die Wahl der Nutella-Page begründete Schwarz damit, dass die Nutella-Fans unverdächtig seien, fremdenfeindlicher zu sein als der Durchschnitt.

Die Autoren werteten über eine Schnittstelle, die Facebook zur Auswertung seiner Daten anbietet, aus, in welchen Gemeindeverwaltungsverbänden Deutschlands die Nutzerinnen und Nutzer beider Facebookgruppen besonders aktiv waren. Anschließend schauten sie, in welchen der Gemeindeverwaltungsverbänden es zu tatsächlichen Attacken auf geflüchtete Menschen gekommen war, und verglichen die Häufigkeit. Das Ergebnis: Dort, wo besonders viele Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook aktiv waren, gab es mehr fremdenfeindliche Angriffe, wenn gleichzeitig auf der AfD-Seite besonders häufig Postings zu Flüchtlingsthemen kursierten. Mehr Angriffe gab es zu diesen Zeiten aber eben nicht nur an Orten mit vielen AfD-, sondern auch mit vielen Nutella-Fans.