Die Geschichte der großen kalifornischen Tech-Konzerne der Gegenwart wird meistens falsch erzählt. Nämlich isoliert entlang einer vermeintlich einmaligen Idee, die möglichst irre klingt in der Rückschau, genial, zum Misserfolg verdammt. Und aus der trotz allem etwas wurde. Ein Weltkonzern zum Beispiel. Einer wie Google.

Eine alte Weisheit des Silicon Valley ist: Der Erste und Beste setzt sich selten durch. Der mit der einfachsten Idee tut es öfter, der dazu noch das Glück des richtigen Moments auf seiner Seite hat.

Die korrektere Weise, so eine Geschichte zu erzählen, wäre demnach folgende: Man müsste alle ähnlichen Ideen, die es davor und zur selben Zeit gab, im historischen Kontext betrachten und fragen, warum aus denen nichts geworden ist. Kein Weltkonzern. Allenfalls eine Fußnote in der Historie des Valley, einem allerdings total geschichtsvergessenen Ort. Setzt sich eine Idee dort nicht durch, wird sie verworfen, abgewickelt, vergessen. Sobald das Wagniskapital verbrannt ist und die Investorinnen und Investoren die Geduld verlieren. Oder die Gründer einsehen, dass ihnen jemand zuvorgekommen ist.

Es gab eine großartige Szene in der ohnehin großartigen Fernsehserie Halt and Catch Fire, die von der amerikanischen Computerindustrie der Achtziger- und Neunzigerjahre handelt und deren vierte und letzte Staffel im vergangenen Jahr gelaufen ist. In der Szene schaut eine der beiden männlichen Hauptfiguren dieses fiktionalen, aber an tatsächlichen Begebenheiten angelehnten Zeitgeschichtsdramas auf ihren Computerbildschirm – und realisiert, dass die Suchmaschine, die im gerade online gegangenen Browser Netscape integriert ist, nicht die seines Start-ups ist. Sondern die von Yahoo, womit klar ist: Comet, so der Name der fiktiven und viel besseren Suchmaschine, wird von niemandem benutzt werden. Weil sie übersehen werden wird im Netz. In dem Moment schallt der Alarm einer Plastikarmbanduhr durch sein Büro. Der Weckton markiert keinen Anfang, sondern das Ende einer Idee, ein böses Erwachen.

Die eine bessere Idee

Das Jahr, in dem der früher mal real existierende, aber auch längst vergessene Browser Netscape an den Start ging, war 1996. Yahoo gehörte tatsächlich zu insgesamt fünf Suchmaschinen, die in Netscape eingebunden waren, die anderen hießen Lycos, Magellan, Excite und Infoseek. Von Lycos existiert heute noch eine Schrumpfversion, Yahoo stirbt seit Jahren einen elenden Tod, die anderen Suchmaschinen sind längst aus dem Netz verschwunden.

Am 4. September 1998, knapp zwei Jahre nach dem Netscape-Start, ließen die beiden Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin eine Firma namens Google ins Handelsregister eintragen für ihre gleichnamige Suchmaschine. Da hatte es bereits 20 andere Seiten im Netz gegeben, die auch erst mal nichts anderes waren als Google: ein katalogähnlicher, durchsuchbarer Index der im Internet vorhandenen Websites. 

Brin und Page kamen also eigentlich viel zu spät mit Google, ungefähr fünf Jahre nach der ersten halbwegs funktionsfähigen Internetsuchmaschine WebCrawler starteten sie ihre. Und die wesentliche Neuerung bei Google war bloß eine Verbesserung des schon Bestehenden: Google sortierte die Suchergebnisse besser, weil die Maschine sie gewichtete. Und zwar wesentlich nach der Menge deren Verlinkungen, mithilfe eines Algorithmus, dem Larry Page für die Patentierung 1997 seinen eigenen Namen gegeben hatte, PageRank. Das garantierte zunächst nicht die faktische Richtigkeit dessen, was dort prominent angezeigt wurde, sondern nur, dass sich viele Dokumente im Netz darauf bezogen und durch die Google-Platzierung bald noch mehr. Die Idee war einfach. Und sie kam zum richtigen Zeitpunkt des sich damals expansiv vergrößernden World Wide Web.

Die beiden Google-Gründer hatten außerdem keine allzu großen Bedenken, ihre Firma von anderen Firmen dafür bezahlen zu lassen, eine bessere Suchergebnisposition zu bekommen. Und um die Ergebnisse herum bald Anzeigen zu platzieren. Sie verdienten Geld, bevor es ihnen ausgehen konnte. Bis heute ist die Suche die große Geldmaschine von Google.

Google ist überall – in unser aller Leben

Und im Kern funktioniert sie bis heute nach dem PageRank-Prinzip, nur dass dem vor fünf Jahren eine noch wichtigere Funktion übergestülpt wurde, nämlich die Fähigkeit zur semantischen Kontexterkennung von Suchbegriffen. Google erahnt seither, was wir wohl wissen wollen, wenn wir einzelne Wörter hintereinander eintippen. Sie kann das vor allem, weil sie unvorstellbare Massen von Daten als Abgleich zur Verfügung hat. So verhältnismäßig simpel eine Suchmaschine konstruiert ist, so mächtig ist die von Google auch damit längst geworden: Sie sieht uns beim Formulieren unserer Gedanken zu, bei unserer Suche nach Informationen, über eine Milliarde Mal täglich, so oft befragen Menschen weltweit Google mittlerweile. Das sind nach Schätzungen 90 Prozent aller Suchen im Netz.

Kein Wunder, wenn da im Verschwörungstheorienaufschnappen geübte Leute wie US-Präsident Donald Trump nun auch Google öffentlich attackieren mit dem Verdacht, die Suchmaschine unterdrücke systematisch Äußerungen aus dem konservativen bis weit rechten politischen Lager. Sie sei biased. Was ebenso schwierig zu widerlegen wie zu bestätigen ist – wie fast jede andere Behauptung über den Google-Algorithmus. Der ist eine Blackbox, ein streng gehütetes Geschäftsgeheimnis, ein stets nur durch trial and error in seinen stetigen Veränderungen interpretierbarer Gegenstand des Unklaren. Und ein Totem der Digitalkultur, neben dem Facebook-Algorithmus das wirkmächtigste Steuerungsinstrument eines Marktmonopolisten. Gefürchtet von seinen Verächtern, die nun wirklich nicht nur aufseiten der politischen Rechten zu finden sind, respektiert von den mutmaßlich weniger zahlreichen Bewunderern von Programmierkunst.

Letztlich wurde Google aber nicht wegen der Genialität seiner Suchmaschine so groß, sondern weil deren Gründer das damit verdiente Geld in die Entwicklung immer neuer Produkte steckten. Erst deren Verbindung ließ Google unheimlich werden. Android, das meistverbreitete Smartphone-Betriebssystem. Gmail, der meistbenutzte E-Mail-Dienst. Maps, die meistgebrauchte Navigations-App. Chrome, der meistverwendete Webbrowser. Assistant, der beste Sprachassistent im (noch nur) zweitbestverkauften Smart Speaker. Und all die Funktionen zum Organisieren des Alltags, den Kalender, das elektronische Portemonnaie, die Foto-App, das Übersetzungstool. Google hat für fast jeden digital durchwirkten Lebensbereich eine Anwendung, eine Funktion, ein Produkt. Und alles ist potenziell vernetzt durch den personalisierten Account, den Nutzerinnen und Nutzer durch alle Google-Services schleppen.

Das größtvorstellbare Ingenieurbüro

Dazu kommen noch all die anderen Brüder- und Schwesterfirmen, die unter dem Konzerndach Alphabet zusammengefasst wurden. YouTube, das meistbenutzte Videoportal. DeepMind, das weltweit wohl führende Unternehmen zur Erforschung und Anwendung künstlicher Intelligenz. Waymo, die Firma, in der Googles Aktivitäten zum autonomen Fahren gebündelt sind. Calico, das Biotech-Unternehmen, von dem außerhalb niemand genau weiß, woran genau es forscht (außer dass es um die Verlängerung des menschlichen Lebens geht). X, das Zukunftslabor, das Googles einzigen echten Flop produzierte, jedenfalls nach PR-Maßstäben, die alles und jeden mitfilmende Google Glass. Und so weiter.

Alphabet und eben Google sind so etwas wie das größtvorstellbare Ingenieurbüro und eine gigantische Datenverarbeitungsmaschine, nur ist den meisten Menschen völlig unklar, was dort alles gemacht wird. Auch haben die beiden Gründer Brin und Page sich der Öffentlichkeit niemals in irgendeiner Weise gestellt. Man kann davon ausgehen, dass die wenigsten auf der Welt die Namen oder Gesichter der beiden kennen, die formal heute als CEO (Page) und Präsident (Brin) von Alphabet fungieren.

Zu sich selbst beantwortet Google ungern Fragen

Der Wille zur Intransparenz steht im krassen Kontrast zur Bedeutung, die insbesondere Google für das Leben der meisten Menschen hat. Absurderweise hat die Intransparenz diesen verdammt stillen Konzern bisher vor dem Ausmaß an öffentlicher Kritik bewahrt, dem zum Beispiel Facebook und Twitter in jüngster Zeit ausgesetzt waren.

Wenn am 5. September der US-Senat erneut die Spitzen der bekanntesten Tech-Konzerne zu deren Rolle im US-Wahlkampf 2016 und insbesondere hinsichtlich der Beeinflussungsversuche Russlands befragen wird, könnte es sein, dass ein Stuhl leer bleiben wird: der, auf dem ein Google-Vertreter sitzen sollte. Facebook wird durch COO Sheryl Sandberg vertreten sein, die Nummer zwei des Unternehmens, Twitter durch den Mitgründer Jack Dorsey. Sundar Pichai hingegen, der Google-CEO, hat die Einladung des Geheimdienstausschusses des Senats offenbar ausgeschlagen. Google wolle stattdessen einen Rechtsvertreter entsenden, heißt es, doch der Senatsausschuss könnte das ablehnen und dann eben einen Stuhl unbesetzt lassen.

Das Unternehmen, das alle unsere Fragen mit seiner Suchmaschine beantwortet, möchte zu sich selbst lieber keine Fragen beantworten.

Diese Art der Intransparenz ist auch so eine irre Idee, von der man erst später in der Rückschau wissen wird, ob sie sich durchgesetzt hat. Zumindest ist es wieder mal die einfachste Idee, der Google folgt.