Wenn ich nostalgisch werde, logge ich mich bei StudiVZ ein. Ich tippe dann die E-Mail-Adresse in das Feld links auf der Startseite, füge das Passwort hinzu, und verfolge den grauen Ladebalken, bis er bei 91 geladenen Prozent meist einfach stehen bleibt. Ich aktualisiere, klicke auf mein Profil, scrolle die Pinnwand entlang, das Äquivalent zur Facebook-Timeline. Ich lese, welche Interessen ich damals hatte (Schnee, Schokolade, Sport), in welchen Gruppen ich war ("Domian ist meine moralische Instanz"), wer mir als Letztes geschrieben hat (eine gute Freundin, 2011). An diesem Ort bin ich wieder 23 Jahre alt, nervös vor der VWL-Klausur, schreibe Nachrichten, in denen ich "LG" als Abschiedsfloskel benutze.

2011 habe ich das letzte Mal mein StudiVZ-Profil aktualisiert, lange vor dem Aus 2017. Doch als das Unternehmen hinter dem Netzwerk pleiteging, hatte das trotzdem irgendwie eine Bedeutung. Es war, als hätte ich einen Ort der Begegnung verloren, als wäre die Studenten-WG von früher Geschichte.

Nun, da die Zeit von Google+ endet, spüre ich: nichts. Zu Hause war ich dort nie, es war nicht mal ein Ort, den ich regelmäßig besuchte. Als ich mich 2011 anmeldete, tat ich das aus rein strategischen Gründen. Ich wollte auch mal ein early adopter sein, so wie die Menschen, die auf Twitter einen @vornamen-Nutzernamen haben, eine, die sagen kann, ich war zuerst da.

Allein auf Google+

Weil ich kurz vorher in China gewesen war, lud ich als Profilbild ein Foto von mir auf dem Oriental Pearl Tower hoch. Es ist bis heute mein Profilfoto. Ich wüsste nicht mal, dass ich jemals etwas auf Google+ gepostet hätte. Wenn, dann habe ich es gelöscht. Auch tauschte ich mich dort nicht mit Freunden aus. Es gibt bloß einen Eintrag, an den ich mich erinnere: Ein Freund schrieb, er sei verwirrt vom Design, er fühle sich ein bisschen wie in den Anfängen von Facebook. Ich dachte damals, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Das jedoch geschah nie. Google+ blieb das Gegenteil eines Netzwerks: Ich war dort nicht unter Freunden, ich fühlte mich eher wie eine Einzelgängerin. Jetzt hat Google nach einer Datenpanne angekündigt, zu August 2019 seinen misslungenen Facebook-Klon einstellen zu wollen. Es wird dann acht Jahre her sein, seit Google als der wichtigste Facebook-Konkurrent galt und binnen weniger Monate 90 Millionen Nutzerinnen und Nutzer zählte. Diese allerdings checkten lieber ihre Mails als ihr Plus-Profil. Da half auch nicht, dass die Suchmaschine später einen Google+-Account zur Bedingung für die Anmeldung bei YouTube machte – ich zumindest wollte da eh nie sein.

Schon 2014 schrieb die New York Times, das Netzwerk sei zu einer Geisterstadt verkommen. Ich betrete die Stadt ein letztes Mal. Das Layout kenne ich nicht mehr, links sind jetzt die Funktionen "Home", "Entdecken", "Kreise" zu sehen. Kreise, richtig. So nannte Google seine Freundeslisten. Ich habe meine Freunde offenbar in Kreise für Freunde und für Bekanntschaften eingeteilt. 25 Menschen folge ich dort, fast alle habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Weil sich der Google-Chat eine Zeit lang für schnelle Absprachen mit Kolleginnen und Kollegen eignete – Slack war noch nicht so verbreitet –, sind einige von ihnen noch in meinen Kreisen. Ich frage mich, ob sich irgendeiner von ihnen überhaupt bewusst ist, dass er mir folgt. Oder ich ihr.

Das Bielefeld unter den Netzwerken

Warum bloß ist Google+ so irrelevant? Es ist nicht so, dass es großartig anders wäre als Facebook. Gut, man likt nicht, sondern "pluseinst", man sieht die Posts nicht untereinander, sondern in Zweierreihen in Form von Kacheln. Aber sonst gibt es gar nicht so viele Unterschiede. Vielleicht hätte ich mich in Plus zu Hause fühlen können, wenn es ein anderes Netzwerk nicht schon gegeben hätte. Oder wenn es halt irgendwas Besonderes gewesen wäre. Facebook fühlte sich in den Anfängen an wie New York, pulsierend, aufregend, heute ist es vor allem laut und unfreundlich. Instagram wiederum erinnert an Köln, schon groß, aber irgendwie noch familiär. Snapchat ist wie ein trendiger Ort für Jüngere, vergleichbar mit Münster, der Studentenstadt, vielleicht. Google+ hingegen war nie mehr als das Bielefeld unter den Netzwerken: Wer da war – entgegen aller Gerüchte gab es Menschen außer Philipp Steuer, die das Netzwerk sehr intensiv nutzten –, fand es gut, wer nicht, wusste meist nicht mehr, dass er angemeldet ist, manchmal nicht mal, dass es existierte.

Google schadet das Aus von Google+ nicht. Die Entscheidung wirkt vielmehr gleichgültig, in dem Blogeintrag des Techunternehmens war es eine Ankündigung von vielen. Denn das Unternehmen hat etliche andere Wege der Monetarisierung gefunden, weitere Wege des Datensammelns: Es hat zahlreiche Sucheinträge seiner Nutzerinnen und Nutzer gespeichert, etliche E-Mails, Dokumente, Excel-Dateien und seinen Datenschatz auf diese Weise bedeutend ausgebaut.

Ich klicke auf die Einstellungen in meinem Profil, scrolle nach unten, tippe auf "Lösche dein Google+ Profil", gebe mein Passwort ein. Ich lese, was ich alles löschen würde, wenn ich mein Konto aufgebe, ärgere mich über den Satz "Einige Daten werden wir behalten". Immerhin: eine Emotion.

Ich setze zwei Häkchen und drücke auf "Löschen". Abschied für immer. Egal.