Es war eine beeindruckende Aktion: Mehr als 20.000 Google-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in der ganzen Welt legten am vergangenen Donnerstag um 11.10 Uhr die Arbeit nieder und demonstrierten vor ihren Büros gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Die Zahl stammt von den Organisatoren. Wenn sie stimmt, verließ jeder fünfte Mitarbeiter des Internetkonzerns sein Büro.

Die Googler protestierten, jedenfalls auf den ersten Blick, vor allem gegen eine Zahl: 90 Millionen. Mit so vielen Dollar soll dem Android-Erfinder Andy Rubin 2014 der Abgang von Google versüßt worden sein, nachdem ihm vorgeworfen wurde, eine Kollegin, mit der er eine Affäre hatte, zum Oralsex gezwungen zu haben (was Rubin bestreitet). Dieser und andere Fälle waren in der Vorwoche von der New York Times aufgedeckt worden. Die sich so sauber gebende Firma hatte sich offenbar unsauber verhalten und den Täter auch noch abgefunden. "Ich gehe gern für 90 Millionen – sexuelle Belästigung nicht nötig", hieß es dementsprechend auf dem Protestschild einer Mitarbeiterin in San Francisco, "90 Millionen Gründe für Veränderung" auf einem anderen in New York.

Dabei war es ein relativ komfortabler Protest, wie alles bei Google: Die Aktion war kein wilder und riskanter Streik, der Google-Chef Sundar Pichai hatte sie ausdrücklich gutgeheißen und die Abteilungsleiterinnen und -leiter angewiesen, ihren Mitarbeitern die kurze Auszeit zu gewähren. In einer Rundmail hatte er sich reumütig gezeigt: "Wir hören euch", schrieb Pichai. "Ich verpflichte mich, bei einem Problem Fortschritte zumachen, das schon viel zu lange in unserer Gesellschaft existiert … und ja, auch hier bei Google." Der Google-Gründer Larry Page hatte schon zuvor in einer der regelmäßigen Freitagnachmittagsversammlungen bekannt: "Wenn auch nur eine Person bei Google Erfahrungen macht, wie sie der New-York-Times-Artikel beschreibt, dann sind wir nicht die Firma, die wir sein wollen."

Die Macht der Mitarbeiter

Solche Töne klingen vertraut. Selbstgeißelung scheint die Tonart des Jahres 2018 der Techkonzerne zu sein. Die Chefs von Uber, Twitter und Starbucks mussten Missstände einräumen, fast immer ging es um sexuelles Fehlverhalten leitender Mitarbeiter.

Bei Google waren die Belästigungsskandale nur der letzte Anstoß für die größte Tech-Mitarbeiterdemo aller Zeiten. Mehrmals hatte sich im vergangenen Jahr Unmut geregt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kritisierten die Zusammenarbeit zwischen Google und dem amerikanischen Verteidigungsministerium – in dem Projekt Maven wurde eine künstliche Intelligenz für militärische Drohnen entwickelt – und die Pläne, eine zensierte Version der Google-Suchmaschine für China zu bauen. Das passte für viele nicht zum schon 2015 offiziell abgeschafften Google-Motto Don’t be evil (Sei nicht böse).

Der Protest gegen sexuelle Belästigung ist aber keine Ein-Punkt-Aktion gegen einen Missstand der Vergangenheit, der nach Beteuerung der Firmenleitung längst abgestellt ist (Google habe in den vergangenen Jahren bereits 48 Mitarbeiter wegen sexueller Belästigung entlassen, alle ohne Abfindungspaket, sagt Pichai). Die Organisatoren, sechs Frauen und ein Mann, stellten einen Forderungskatalog auf, der die Geschäftsleitung noch beschäftigen dürfte. Es sind politische Forderungen, die für amerikanische Verhältnisse unerhört sind. Es geht um Transparenz, um erweiterte Rechte und sogar um eine Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Unternehmensführung. Das Wort "Mitbestimmung" könnte Eingang in die amerikanische Umgangssprache finden.

Bisher war es ein Klischee der Techwelt im Silicon Valley, dass Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hohen Gehältern köderten und ihnen das Arbeitsleben so angenehm wie möglich machten: mit kostenlosem Essen rund um die Uhr, einem Shuttle-Bus mit WLAN, dessen Fahrt auf die Arbeitszeit angerechnet wird, unbegrenztem Urlaub, freien Massagen für den steifen Programmiererinnennacken. Nicht (nur) aus Menschenliebe, sondern weil hoch qualifizierte Arbeitskräfte rar sind und im Schnitt alle eineinhalb Jahre den Job wechseln. Die Proteste zeigen nun, dass sich die Mitarbeiter trotz aller Annehmlichkeiten nicht das Denken abkaufen lassen. "Diese Menschen sind nicht leicht zu ersetzen, und deshalb haben sie eine signifikante Macht", sagt Kade Crockford, die für die Menschenrechtsorganisation ACLU die Techfirmen beobachtet.