Ach, hätte es Facebook im Jahre null nach christlicher Zählung nur schon gegeben, genauso wie Instagram und Twitter, Google und Amazon!

Maria und Josef hätten die Geburt ihres Sohnes Jesus per Instagram-Story mit ihren Followern teilen können; der Engel hätte nicht aus dem Himmel herabsteigen müssen, um die Hirten über die Ankunft des Heilands zu informieren, er hätte einfach sich und alle anderen in einem Facebook-Post markieren können; Maria hätte auf ihrem Amazon-Wunschzettel etwas Praktischeres als Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenk notieren können; und den Heiligen Drei Königen hätte Google Maps den Weg gewiesen nach Bethlehem, "noch drei Kilometer dem Straßenverlauf folgen". Es hätte nicht einmal des hellen Sterns am Himmel bedurft, nur einer guten Mobilfunknetzabdeckung im antiken Palästina.

Moderne Technik hätte es Herodes auch leichter gemacht, den Kindsmord auf den GPS-Punkt genau zu befehlen – er hätte nur die Smartphones von Caspar, Melchior und Balthasar tracken müssen. Die halbe (eurozentrische) Menschheitsgeschichte hätte umgeschrieben werden müssen: keine Flucht nach Ägypten, keine Jünger, kein Neues Testament, kein christlicher Glaube, kein christliches Abendland, kein Papst, keine Kreuzzüge, keine Inquisition, keine Reformation, kein Weihnachten, kein "Konsumfest", kein Last Christmas von Wham!, nicht einmal Driving Home for Christmas von Chris Rea. Was für eine Bescherung.

Die schlechten Seiten der Digitalisierung, ihr dual-use case sozusagen, hätten Gottes Handwerk (oder was die Menschen christlichen Glaubens dafür halten) schon im Ansatz zunichtegemacht.

Warum ich? Warum nicht ich?

Damit sind wir im Heute angelangt: Die Digitalisierung hat ihre auf Optimierung programmierten Ordnungsprinzipien an Gottes Stelle gesetzt und die Menschen mit all ihren Filterfunktionen ermächtigt, jedenfalls war das ein Versprechen. Später sind an die Stelle der Filter zunehmend Algorithmen getreten, die dem Menschen wie durch Vorbestimmung nur das zeigen, was der neue liebe Gott namens Algorithmus für ihn bestimmt hat. Er weiß, was der Mensch eigentlich will: immer mehr vom Gleichen, ihm Bekannten, durch Popularität im Netz Verifizierten. Er soll auf Geheiß Silicon Valleys jede Suche abkürzen. Nicht nur die Suche nach lokalisierbaren geografischen Orten, sondern die Suche nach Antworten schlechthin: Führe uns nicht in Versuchung, an etwas anderes glauben zu müssen als an Datenanalysen.

Warum ich?, Warum nicht ich?, Warum er (oder sie)?, Warum nicht er (oder sie)?: Jesus hatte nicht einmal am Ende seines Lebens eine Antwort auf diese existenziellen Fragen. In der Nacht vor seinem Tod bat er, hingestreckt auf den Boden am Ölberg, angesichts des Unausweichlichen, seinen Gott, diesen Becher doch vielleicht an ihm vorbeigehen zu lassen. Und am Ende rief er vom Kreuze gen Himmel: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"