Intern verschickte Mails möchte man als Unternehmenschef vermutlich nicht veröffentlicht sehen. Vor allem, wenn sie einen Inhalt wie diesen haben. Er habe übers Wochenende viel über das Geschäftsmodell nachgedacht, schrieb Mark Zuckerberg, der Gründer und Chef von Facebook, im Oktober 2012 an einige Kollegen. Und schilderte ihnen eine Idee für ein Tauschgeschäft: Dafür, dass Unternehmen Userdaten einsehen dürften, könne man doch von denen eine Gebühr erheben, zehn Cent zum Beispiel pro Nutzer und Jahr. Die Firmen müssten gar kein Geld direkt an Facebook zahlen, sondern für den Gegenwert Werbung auf der Social-Media-Plattform schalten oder andersherum Facebook auf deren Onlineplattformen Werbeplätze freiräumen. "Die Gebühr von zehn Cent pro User und Jahr könnte sogar zu niedrig sein", schrieb Zuckerberg. "Spotify zum Beispiel müsste bei der Höhe nur für drei Millionen Dollar pro Jahr bei uns Anzeigen schalten, um mit uns quitt zu sein, Pinterest auch ungefähr."

Gemäß dieser Mail wollte Mark Zuckerberg faktisch die persönlichen Daten von Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern verkaufen. Öffentlich hat Zuckerberg stets abgestritten, dass Facebook so etwas je tun werde oder getan habe. Ob das Tauschgeschäft Daten gegen Werbung eine Idee blieb oder Realität wurde, ist bislang völlig ungeklärt. Facebook selbst wiederholt nun als erste Reaktion den alten Schwur: "Wir haben niemals die Daten von Menschen verkauft." Mark Zuckerberg hat es aber, zeigt sich nun, mindestens intern vorgeschlagen.

Sollten die Social-Media-Plattform und ihr Gründer nach all den größeren und kleineren Datenskandalen, die die Firma in den vergangenen Monaten durchgeschüttelt haben, noch irgendeinen Rest an Glaubwürdigkeit übrig haben bei ihren mehr als zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzern weltweit: Der müsste damit jetzt eigentlich endgültig verbraucht sein. Oder es ist den Leuten längst alles egal.

Eine Einladung ins Unterhaus

Die Mail ist Teil einer rund 250 Seiten starken Dokumentensammlung mit Facebook-Interna, die der konservative britische Unterhausabgeordnete Damian Collins am Mittwoch öffentlich gemacht hat. Die Unterlagen stammen ursprünglich offenbar aus den USA, wo sie bei einem Zivilprozess als Beweismittel unter Verschluss waren, den ein App-Entwickler gegen Facebook angestrengt hat. Die Social-Media-Plattform nennt die Klage "gegenstandslos" und sagt, die Dokumente erzählten "nur einen Teil der Story". Die Echtheit der Unterlagen jedoch zweifelt Facebook nicht an.

Collins ist Vorsitzender des Unterhausausschusses für Kultur, Medien und Sport und würde Zuckerberg gern bei sich im Ausschuss anhören: Der untersucht den Datenskandal, in den die mittlerweile insolvente britische Digitalagentur Cambridge Analytica verwickelt war, die unter anderem im US-Präsidentschaftswahlkampf für die Kampagne von Donald Trump gearbeitet und dafür aus Sicht von Facebook widerrechtlich erworbene Nutzerdaten der Plattform verwendet hat.

Bislang hat sich Zuckerberg dafür nicht nach London bemüht. Man kann die Dokumentenveröffentlichung von Collins also als rabiate Erinnerung an seine Facebook-Event-Einladung verstehen.

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Der zweite, für Facebook potenziell noch verheerendere Vorgang, der sich neben der Tauschgeschäftidee von Zuckerberg in den Unterlagen findet, sind Korrespondenzen über und mit Unternehmen wie Netflix, Airbnb und Tinder. Diesen wurde demnach privilegierter Zugang zu Facebook-Userdaten gewährt. Bislang ist unklar, ob Nutzerinnen und Nutzer durch App-Anmeldungen über Facebook oder über Likes von Pages etwa von Netflix womöglich unwissend diesen Datenzugang freigaben – und den für ihren gesamten Freundeskreis noch dazu.

Das Anmeldeprozedere bei der Datingplattform Tinder, das früher nur über Facebook möglich war, konnte einem schon immer merkwürdig vorkommen. Im Gegensatz dazu hat sich der Streamingdienst Netflix stets selbst zugutegehalten, äußerst sensibel mit den Daten der eigenen Abonnenten umzugehen.

Die Apps von Netflix, Airbnb und Tinder gehören zu denen, die sehr viele Menschen sehr oft gebrauchen. Auch diese Unternehmen werden sich nun vor ihren Nutzerinnen und Nutzern rechtfertigen müssen: Wozu wollten sie deren Facebook-Daten und die ihrer Freunde eigentlich haben, und was haben sie mit den Daten gemacht?

Facebook, so sieht es nun aus, zieht auch noch andere Techkonzerne mit in den eigenen Datensumpf, in dem die Firma immer tiefer versinkt. Dass man seine Fehler doch erkannt habe und 2015 die Schnittstelle geschlossen habe, durch die nicht nur die Daten geflossen waren, an die Cambridge Analytica gekommen ist, sondern an der mindestens bis dahin auch Firmen wie eben Netflix und Airbnb auch ordentlich Daten abgezapft haben: Diese Ausrede, die Facebook nun seit den Cambridge-Analytica-Enthüllungen benutzt, wirkt langsam arg abgedroschen. Collins glaubt belegen zu können, der privilegierte Datenzugang von Netflix, Airbnb und Tinder habe auch nach den Änderungen 2015 noch bestanden.

Womöglich wird Mark Zuckerberg – der in den vergangenen Monaten wiederholt öffentliche Mea-culpa-Runden gedreht hat, vor dem US-Kongress ebenso wie vor dem EU-Parlament und vor Journalisten – nun auch Damian Collins' Einladung ins britische Unterhaus folgen. Was er da noch Neues sagen soll, ist eine andere Frage. Vielleicht das hier: "Ich mach meinen Laden dicht."