In ihrem Buch "LikeWar: The Weaponization of Social Media" schildern die beiden US-Autoren Peter W. Singer und Emerson T. Brooking, wie die sozialen Medien zu einem virtuellen Kriegsgebiet werden konnten. Es kämpfen dort unübersichtlich viele Akteure mit den Mitteln der Propaganda und Desinformation: Gerade Russland hat das vor knapp fünf Jahren im Ukraine-Konflikt gezeigt. "LikeWar" ist im Oktober in englischer Sprache bei Houghton Mifflin Harcourt erschienen. Dies ist ein Vorabdruck eines Kapitels daraus, das im Original "The War You Cannot See" heißt.

"Um den Prozess einer 'prorussischen Strömung' auf der Krim und in der Ostukraine auszulösen, sollten zuvor bestimmte Vorkommnisse organisiert werden, die diesen Prozess mit politischer Legitimation ausstatten und mit moralischer Rechtfertigung; zudem sollte eine PR-Strategie entworfen werden, die darauf hinweist, dass das Handeln Russlands und der prorussischen politischen Elite in der Süd- und Ostukraine erzwungen wurde und reaktiver Natur ist."

Anfang 2014 kursierte im Kreml dieses Strategiepapier, in dem Schritte skizziert wurden, die Russland für den Fall unternehmen sollte, dass der prorussische Präsident Viktor Janukowitsch, der die Ukraine damals autokratisch regierte, aus dem Amt gejagt würde. Die Autoren des Papiers forderten, Russland müsse darauf vorbereitet sein, um dann dort eine neue politische Lage herzustellen: Die "zentrifugalen Sehnsüchte" der in der Ukraine lebenden ethnischen Russinnen und Russen sollten manipuliert werden, sodass diese ihre Unabhängigkeit von der Ukraine erklären würden. Im Kern stand dort: Würde der eigene Statthalter aus der Ukraine verjagt, müsse Russland bereit sein, einen Krieg zu beginnen.

Tatsächlich floh der unpopuläre Janukowitsch nur Wochen später aus der Ukraine, unter dem Eindruck der Bürgerproteste, die bald als "Euromaidan" bekannt wurden. Dass der Name der Revolte einem Twitter-Hashtag entnommen war (zusammengesetzt aus "Europa", weil die Demonstranten eine Hinwendung der Ukraine nach Europa statt Russland befürworteten, und dem Namen des Platzes in Kiew, auf dem die Proteste stattfanden, "Maidan Nesaleschnosti"), zeigte die wachsende Bedeutung der sozialen Medien. Doch so, wie sich die Revolutionäre zuvor über das Netz organisiert hatten und ihren Gegner Janukowitsch verjagt hatten, so nutzte Russland es nun, um die Ukraine zu spalten.

Die Strategie hinter der Operation erklärte Dmitri Peskow, Putins lang dienender Pressesprecher, in einem Interview im Jahr 2017. Bemerkenswert war nicht nur, wie offen Peskow darin Auskunft gab, sondern woher er seine Ideen bezog. Er sprach von "einem neuen Interessenkonflikt" zwischen Russland und dem Rest der Welt, der durch die sozialen Medien hervorgerufen worden sei. Er äußerte sich zudem bewundernd über den unglaublichen Einfluss neuer Onlinemächte und nannte als eine davon: Kim Kardashian. "Stellen wir uns einmal vor, sie würde eines Tages sagen: 'Liebe Follower, bitte tut dieses oder jenes'", sagte er. "Dann würde dieser Aufruf von Abermillionen Menschen ernst genommen." Und das, obwohl Kardashian über "keinen Geheimdienst, kein Innenministerium, kein Verteidigungsministerium, keinen KGB" verfüge.

Die Konsequenz daraus war eindeutig: Russland besaß all diese Institutionen – und im Gegensatz zu Kim Kardashian würde es sie für wichtigere Kämpfe benutzen als einen Kleinkrieg mit Taylor Swift. "Die neuen Realitäten bieten eine perfekte Gelegenheit dafür, Massenunruhen anzustiften, massenhafte Unterstützung zu initiieren oder massenhafte Ablehnung", sagte Peskow. Social Media werde das Schlachtfeld für "eine informationelle Katastrophe – einen informationellen Krieg".

Peter W. Singer ist Senior Fellow beim Washingtoner Thinktank "New America Foundation", er hat unter anderem die Bücher "Corporate Warriors: The Rise of the Privatized Military Industry" (2004) und "Wired for War: The Robotics Revolution and 21st Century Conflict" (2009) verfasst. Emerson T. Brooking ist Sicherheitsexperte und hat unter anderem für die US-Magazine "The Atlantic" und "Wired" geschrieben. © Houghton Mifflin Harcourt

Die Ukraine war dafür der Testfall. Die Menge negativer, in russischer Sprache verfasster Berichte über das Nachbarland verdoppelte sich erst, dann verdreifachte sie sich. Ethnische Russinnen und Russen, die in der Ukraine lebten und ohnehin bereits beunruhigt waren durch die Entwicklungen im Land, kochten bald regelrecht über vor Ressentiments gegen die Aktivisten, die die von den ethnischen Russen unterstützte Regierung gestürzt hatten. Währenddessen infiltrierten russische Geheimkommandos zunächst die Krim und später die Ostukraine, wo sie prorussische Separatistengruppen bildeten und bewaffneten. Erst gab es Protestwellen, dann brach Gewalt aus, schließlich geschah eine Tragödie.

Der Moment, in dem die Situation kippte, vollzog sich in Odessa. Dort hatten sich nach schweren Auseinandersetzungen Dutzende prorussische Demonstranten – viele von ihnen bewaffnet – in ein Gewerkschaftshaus aus der Sowjetzeit zurückgezogen. Das wurde von außen beschossen und mit Molotowcocktails beworfen, schließlich brach ein Feuer in dem Gebäude aus. Mindestens 31 Menschen starben darin.

Die Geschehnisse boten Russland die Gelegenheit, seine "PR-Strategie" noch mal zu intensivieren. Es nutzte die Tragödie im Gewerkschaftshaus geschickt aus, indem es eine Medienkampagne startete, gegen die die Ukraine machtlos war. Der russische Sender RT veröffentlichte grauenhafte Details, die sich unmöglich verifizieren ließen: Proukrainische Demonstranten seien durch das Flammenmeer gerannt, um prorussische zu "erwürgen"; "17-jährige Hooligans erschlugen Leute mit Schlagstöcken". Heerscharen von Trollen teilten im Netz die Story, die dann von eher randständigen Medien auf der ganzen Welt aufgegriffen wurde. "US-Medien verschweigen Massenmord in Odessa", titelte etwa das US-Organ InfoWars. Die russische Regierung bediente sich währenddessen der Schlagzeilen, die sie selbst zu schreiben in Auftrag gegeben hatte. Der russische Außenminister etwa erklärte, angesichts dieser Gräueltaten sei es die Pflicht Russlands, "es nicht zu dulden, dass der Faschismus sich in Europa und auf der ganzen Welt verbreitet".

Im Laufe der Zeit wurden die Schilderungen vermeintlicher Gräueltaten zunehmend gruseliger. Russische Staatsmedien berichteten, ukrainische Soldaten hätten ein dreijähriges Kind bis auf seine Unterwäsche ausgezogen und dann "genau wie Jesus" gekreuzigt – bevor sie die Mutter des Mädchens an einen Panzer gebunden und über den örtlichen Platz geschleift hätten. Es gab nicht die geringsten Belege für diese Schilderungen, doch die brauchte es auch nicht. Es ging nicht darum, wahrheitsgemäß zu berichten. Sondern darum, eine Invasion zu rechtfertigen.

Das fünfte "D" der Desinformation

Bald überquerten Tausende russische Soldaten und Soldatinnen die Grenze zur Ukraine. Die Truppen versuchten zwar, ihre Herkunft zur verschleiern, konnten jedoch genau jenen Social-Media-Plattformen nicht entkommen, die Russland zuvor manipuliert hatte: Einige ethnische Russen, die begeistert waren von der Vorstellung einer territorialen Einverleibung der Krim durch Russland, machten Selfies mit den Besatzern und posteten sie auf Instagram ("Die schnuckeligsten Jungs", schrieb jemand unter ein Bild). Das Wortspiel "kleine grüne Männer" etablierte sich für die Soldaten in ihren unmarkierten Uniformen. Die russischen Besatzer selbst schafften es auch nicht, den Mund zu halten. Ein Artilleriesoldat zum Beispiel protzte auf seinem Profil auf der Social-Media-Plattform vk.com: "Wir haben die Ukraine letzte Nacht ununterbrochen beschossen." Sozialmediales Geschnatter wie dieses löste bald eine ganze Reihe von Open-Source-Intelligence-Recherchen aus. So fand etwa das Investigativteam von Bellingcat heraus, dass das russische Militär mehr als 10.000 Verdienstmedaillen für Tapferkeit bei "Kampfhandlungen" an seine Soldaten verteilte. Zu einer Zeit, als Russland sich offiziell gar nicht im Krieg befand.

Der Rest der Welt tat sich schwer, mit der Situation umzugehen. Die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten erließen Sanktionen gegen Russland und versetzten ihre eigenen Streitkräfte in erhöhten Alarmzustand – und das alles wegen etwas, das offiziell gar nicht stattfand. Eine Invasion, die keine sein sollte; ein Krieg, bei dem eine Seite schlicht leugnete, ihn zu führen. Russland hatte soziale Medien nicht nur dafür benutzt, den Konflikt anzuheizen, sondern zugleich so etwas wie "Schrödingers Krieg" erschaffen: einen Konflikt, der in zwei simultanen Zuständen existierte, als tatsächlich passierende bewaffnete Auseinandersetzung und als Leugnung dieser. "Kurz gesagt war das keine herkömmliche militärische Invasion; es war ein Beispiel für hybride Kriegsführung, bei der Ziele erreicht wurden, schon bevor der Gegner überhaupt begriff, welche diese waren", sagte Ivo Daalder, der ehemalige Ständige Vertreter der USA bei der Nato. Dessen militärischer Counterpart General Philip Breedlove, damals Oberbefehlshaber des Bündnisses, nannte den Konflikt in der Ukraine "den erstaunlichsten Informationsblitzkrieg, den es in der Geschichte des Informationskrieges je gegeben hat".

Doch es war sogar mehr als das. Der Journalist David Patrikarakos etwa, der sich im von Separatisten besetzten Donezk aufhielt, schilderte, wie er sich durch aufgeregte ukrainische Social-Media-Feeds scrollte, während er zeitgleich den Beschuss des Stadtrandes vernahm – beides war unauflösbar miteinander verbunden. "Ich begann zu verstehen, dass ich zwei Kriege beobachtete: einen, der mit Panzern und Artillerie geführt wurde, und einen Informationskrieg, der (…) auf Social Media stattfand", schrieb er. "Und entgegen der herkömmlichen Lesart schien die Frage bedeutsamer, wer den Krieg der Worte und Erzählungen gewann und nicht, wer über die bessere Bewaffnung verfügte." Das Ergebnis war ein gewaltiges Durcheinander – genau wie Russland es gewollt hatte.

Nach dem Erfolg der Offensive gegen die Ukraine erhöhte Russland die Zahl und Intensität der Informationsschlachten. Und es wurde dabei wagemutiger. Gegen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die noch relativ neue Nato-Mitglieder sind und in denen es jeweils eine zahlenmäßig große russische Minderheit gibt, wählte Russland eine ganz ähnliche Strategie wie zu Beginn der Angriffe auf die Ukraine. Da waren die wilden Gerüchte, die gestreut wurden, wie etwa die erfundene Meldung, Nato-Soldaten hätten ein 15-jähriges litauisches Mädchen vergewaltigt. Da waren die Trollbrigaden, die beständig lettische Nachrichtenportale mit Kommentaren fluteten, in denen die lettische Regierung und der Westen überhaupt verächtlich gemacht wurden, während Russland über alle Maße gelobt wurde. Da gab es sogar ein neues Outlet namens Baltica, das als Teil des RT-Netzwerkes gelauncht und von der russischen Regierung finanziert wurde, die diesen Umstand über Briefkastenfirmen zu verschleiern versuchte. Die estnische Version der Website vermarktete sich selbst als "experimentelle Publikation, die ihren Lesern einen positiven Blick auf das Leben" geben wolle. Tatsächlich verbreitete sie merkwürdige und angsteinflößende Gerüchte. Eines handelte etwa von US-Soldaten, die für Manöver in Estland waren, angeblich aber dorthin geschickt worden waren, um die Autos von estnischen Bürgern zu konfiszieren.

Der Boden für mögliche künftige Operationen sollte bereitet werden, falls die denn aus russischer Sicht einmal nötig sein würden. Laut litauischen Offiziellen gab es zum Beispiel eine russische Social-Media-Kampagne, bei der es darum ging, im Kern Geschichte umzuschreiben mit der erfundenen Behauptung, weite Teile des Landes seien in Wahrheit in russischem Besitz (und würden es auf ewig bleiben). Einige prorussische Litauerinnen und Litauer starteten Facebook-Seiten, auf denen die Schaffung von unabhängigen Enklaven für ethnische Russen gefordert wurde, nach dem Vorbild der von Russland gesteuerten Gebiete in der Ostukraine. "Verlieren wir heute den Informationskrieg", warnte ein litauischer Militärexperte, "müssen wir morgen womöglich einen Krieg mit Waffen führen."

Das Ziel der russischen Beeinflussungskampagnen war es, den klassischen vier "D" der Desinformationskriegsführung ein fünftes hinzuzufügen: Neben dismiss (abtun), distort (verzerren), distract (ablenken) und dismay (schockieren) sollte divide (spalten) treten. Die Flüchtlingskrise etwa erwies sich als ein Keil, den man zwischen Gesellschaften treiben konnte: Millionen Syrerinnen und Syrer flohen vor dem Krieg in ihrem Heimatland nach Europa, um dort Asyl zu suchen, und die möglichen Lösungen der Krise führte zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen EU-Mitgliedsstaaten. Deutschland sorgte für Aufsehen mit der Ankündigung, man werde keine Obergrenze bei der Aufnahme von Geflüchteten erlassen. Und so wandten sich die russischen Informationskrieger Deutschland zu.

Eine Geschichte klang besonders grauenhaft: Eine 13-jährige Russlanddeutsche sei von drei arabischen Migranten entführt, geschlagen und vergewaltigt worden. Schlimmer noch, die Polizei weigere sich, das Verbrechen aufzuklären! Als RT die vermeintliche Nachricht in die Welt setzte, folgte ein kleiner Aufschrei, der erheblich größer wurde, als rechte Kreise in Deutschland die Story weitertrugen. Deutsche Offizielle sahen sich genötigt, wieder und wieder zu beschreiben, was tatsächlich geschehen war: In Wahrheit hatte das Mädchen die Story erfunden, aus Angst vor Bestrafung, nachdem sie von zu Hause ausgebüxt war. Doch diese Erklärung wurde schlicht ignoriert. Bald schaltete sich der russische Außenminister Sergej Lawrow ein, er bezog sich auf Gerüchte, die von russischen Medien verbreitet worden waren, die wiederum Aussagen russischer Vertreter zitierten: "Es ist klar, dass (sie) sich nicht aus freien Stücken entschieden hat, 30 Stunden zu verschwinden", sagte er grinsend. "Ich hoffe, dass diese Migrationsprobleme nicht zu Versuchen führen, die Realität zu verfälschen aus politischen Motiven heraus – das wäre einfach nicht richtig." Mit dieser Aussage verfälschte der russische Minister aus politischen Motiven selbst die Realität. Doch genau das war der Punkt.

Dieser Hoax löste eine ganze Schar ähnlicher Meldungen aus. In Deutschland und in anderen europäischen Staaten wendete sich die Stimmung gegen Geflüchtete. Russische Medien berichteten über jeden einzelnen vermeintlichen Fall, und von dort breiteten sich die Storys aus. Die Mär vom wilden, Frauen schändenden, dunkelhäutigen Migranten (#RapeRefugees) trug erheblich zum Aufstieg der AfD in Deutschland bei. Zum ersten Mal seit fast 60 Jahren gewann eine nationalistische Partei in Deutschland wieder genug Stimmen, um Abgeordnete in den Bundestag entsenden zu können.

Kampf um die Hirne

Wo immer sich gesellschaftliche Risse zeigten, halfen russische Propagandistinnen und Propagandisten bei deren weiteren Ausdehnung. Im Jahr 2014 mischten sie bei der Volksabstimmung zur schottischen Unabhängigkeit mit. Im Jahr 2016 unterstützten sie noch aggressiver die Befürworter eines Brexits und machten sich danach daran, in den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen einzugreifen. Als Katalonien im Jahr 2017 am Rande einer Sezession stand, traten russische Medien und ihre Helfer als beherrschende Stimmen für eine Unabhängigkeit hervor, verstärkt wurde ihre Botschaft noch von einer Armee an Bots. Und als Montenegro sich anschickte, das 29. Mitglied der Nato zu werden, versuchten Onlinearbeiter hartnäckig, das Land innerlich zu entzweien. Diese Bot-Armee, stellte sich später heraus, sollte eine Begründung schaffen für einen Putsch durch Extremisten, die von Russland unterstützt wurden und ein Attentat auf den montenegrinischen Ministerpräsidenten planten, um dessen Regierung zu stürzen. Der Plan scheiterte, weil örtliche Polizisten in der Nähe des Hauses des Ministerpräsidenten Maschinengewehre, Scharfschützengewehre und eine Panzerfaust entdeckten.

Irgendwann hatte selbst das traditionell vielstimmige Europaparlament genug. Es sei "ernsthaft besorgt angesichts der rasanten Ausweitung von durch den Kreml angestoßenen Aktivitäten in Europa", erklärte das Parlament. "Mittels feindseliger Propaganda gegen die EU und ihre Mitgliedsstaaten wird versucht, die Wahrheit zu verzerren, Zweifel zu sähen (…) und Ängste und Unsicherheit auszulösen bei den Bürgern der EU."

Putin reagierte darauf mit Verachtung. "Wir erleben einen recht offensichtlichen Verfall dessen, (…) wie Demokratie in westlichen Gesellschaften verstanden wird", sagte er. Und äußerte gespielte Verwunderung darüber, dass die EU, "nachdem sie uns die Demokratie hat beibringen wollen", nun abweichende Meinungen unterdrücke. Der russische Präsident wirkte bei diesen Aussagen wie ein fleischgewordener Internettroll.

Doch nicht nur Russland bedient sich dieser neuen wirkmächtigen Methoden der Informationskriegsführung, die bewaffnete Konflikte ebenso wie prinzipiell die Politik verändern. Tatsächlich sind sie ein grundsätzliches Kennzeichen des Social-Media-Zeitalters: Über Bots, Trolle und Fake-Accounts lassen sich frei erfundene neue "Fakten" verbreiten; das soziale Bindungsverhalten von Menschen und ihre Neigung, denjenigen Informationen zu vertrauen, die ihre eigenen Erwartungen erfüllen, führen dann dazu, dass zumindest einige Leute diese "Fakten" glauben. Das ist schon an sich schlimm genug, denn es verschärft eine Entwicklung hin zu gesellschaftlicher Polarisierung und zu einer Kultur des Misstrauens. Geschickt operierende Gruppen und ganze Regierungen aber können das Phänomen zu ihren Gunsten nutzen, indem sie das Viralgehen von Inhalten und überhaupt die menschliche Wahrnehmung instrumentalisieren, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Man kann das Desinformation nennen oder psychologische Manipulation. Das Resultat ist das gleiche, am besten zusammengefasst vom Slogan ausgerechnet der notorischen Verschwörungstheorienplattform InfoWars: "Es findet ein Krieg statt … um eure Hirne."

Desinformationskampagnen folgen stets zwei Prinzipien. Das erste lautet Glaubwürdigkeit. Erfundene Berichte funktionieren am besten, wenn sie einen Funken Wahrheit enthalten. Sie spielen mit existierenden Vorurteilen, um die Erzählungen, die sich ohnehin in den Köpfen der Menschen befinden, lediglich zu bestätigen. Ein gutes Beispiel dafür war während des Kalten Krieges die KGB-Operation namens "Infektion", deren Kern die falsche Behauptung war, das US-Militär habe den HI-Virus entwickelt. Ladislav Bittman, der damals beim mit dem KGB alliierten tschechoslowakischen Geheimdienst in der Abteilung für Desinformation arbeitete, schrieb im Jahr 1985 in einem Buch: "Jede Desinformationsbotschaft muss zumindest teilweise mit der Wirklichkeit korrespondieren oder mit allgemein anerkannten Meinungen." So erfand die Aids-Desinformationskampagne keine neue Bedrohung; stattdessen machte sie sich die bestehenden Ängste von Menschen vor einer bekannten, zu jener Zeit aber noch mysteriösen Erkrankung zunutze.

Das Internet und speziell die Meme-Kultur darin vergrößert das Potenzial solcher Strategien noch. So bizarr der Pizzagate-Hoax 2016 auch war (wonach angeblich von einer Pizzeria in Washington, D. C., aus ein Kinderpornoring operiert habe, in den Mitglieder des Wahlkampfteams von Hillary Clinton verwickelt gewesen seien, Anm. d. Red.) – er bezog sich auf verschiedene Kontroversen, in die das Clinton-Lager verstrickt war und die auf allen sozialmedialen Plattformen diskutiert wurden. Auf ähnliche Weise bauten die Geschichten, die den Ukraine-Konflikt anheizen sollten (gekreuzigte Babys etcetera), auf Storys aus früheren Kriegen auf. Die Funktionsweise von sozialen Medien senkt die Schwelle, ab wann etwas für glaubwürdig gehalten wird: Egal wie der Inhalt einer Nachricht lautet – wird sie von Freunden oder Familienmitgliedern gepostet, wirkt sie automatisch erst mal glaubwürdiger.

Das zweite Prinzip von Desinformationskampagnen lautet Ausweitung. Die Falschmeldungen mit der verheerendsten Wirkung sind diejenigen, die sich über eine möglichst große Anzahl von Menschen über eine möglichst lange Zeitperiode verbreiten. Je länger sie fortbestehen, desto wirkungsvoller sind sie. Gerade auch dadurch, dass sie als falsch gebrandmarkt werden: Indem etwas Erfundenem widersprochen wird, gelangt es wieder in die Schlagzeilen, so kann es weiter ins kollektive Unterbewusstsein einsickern. Falschmeldungen funktionieren wie vergiftete Pfeile, an deren Spitze Widerhaken angebracht sind: Je stärker ein Getroffener versucht, den Pfeil herauszuziehen, desto stärker verhakt der sich im Fleisch und desto leichter kann sich das Gift im Körper ausbreiten. Und je mieser ein Vorwurf ist, umso besser. Eine berühmte Anekdote über den einstigen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson besagt, dass der als junger Politiker mal bei Lokalwahlen zu verlieren drohte und deshalb seinen Wahlkampfmanager anwies, ein Gerücht über Johnsons Kontrahenten in Umlauf zu bringen: Der sei ein "Schweineficker". Der Wahlkampfmanager sprach sich vehement gegen die Methode aus, zumal es doch für den Vorwurf keinerlei Beweis gab. "Ich weiß", soll Johnson geantwortet haben. "Es geht darum, dass der Hurensohn die Sache öffentlich leugnet."

Dank des Internets ist es noch leichter geworden, solche Angriffe zu starten und sie zeitlich in die Länge zu ziehen. Die Algorithmen von Social-Media-Plattformen richten die Aufmerksamkeit der Nutzer auf Inhalte, die in ihren Netzwerken viel geteilt werden, auch (und insbesondere) wenn Leute sich über diese Inhalte aufregen. Das Ergebnis ist die virtuelle Entsprechung eines Lauffeuers: Wird ein Inhalt von vielen Menschen angeprangert, sorgt das dafür, dass noch mehr User ihn sehen und ihn wortreich verurteilen. Weil der Prozess des Viralgehens gerade nicht die Komplexität von Diskussionen fördert, gehen der Kontext und die Details im Verlauf stetig weiter verloren. Was übrig bleibt, ist der strittige Inhalt selbst, unfreiwillig verbreitet von Menschen, die sich einschalten, um darauf hinzuweisen, dass er gefälscht oder unsinnig klingt. Dadurch dass sich User und Userinnen beklagen, wie aufgeblasen etwas ist, wird es noch mehr aufgeblasen.

"Rape Melania" und die Zukunft des (sozialmedialen) Krieges

Kurz nach der US-Präsidentschaftswahl 2016 lieferte Jack Posobiec, ein Vertreter der Neuen Rechten in den USA und einer der eifrigsten Verbreiter der Pizzagate-Verschwörungstheorie, bei einer Anti-Trump-Demo in Washington, D. C., das perfekte Beispiel für die Wirkungsweise dieses Prozesses. Kurz nach den Protesten erschienen diverse Onlineberichte, die belegten, dass der notorische Provokateur Posobiec sich unter die Menge vor dem Trump International Hotel gemischt hatte und ein Protestbanner mit der schockierenden Aufschrift "Rape Melania" ("Vergewaltigt Melania"; gemeint ist die Ehefrau Donald Trumps, Anm. d. Red.) hochgehalten hatte – gerade lange genug, dass ein Mitstreiter ein Foto davon machen konnte.

Dank Posobiecs Netzwerk aus Vertretern der Neuen Rechten und auch dank der PR durch den russischen Sender RT verbreitete sich das Bild in Windeseile. Bald trendete das Hashtag #RapeMelania auf Twitter, Zehntausende User benutzten ihn dort, um gegen einen Gegner anzuschreien, der gar nicht existierte: Linke, die angeblich zur Vergewaltigung der First Lady aufriefen. Sogar dass das Hashtag auf Twitter trendete, wurde zum Anlass für einen Aufschrei benutzt, den die neurechte Website Breitbart in einer selbstgefälligen Überschrift so zusammenfasste: "Twitter lässt es zu, dass 'Rape Melania' zum Topthema wird, sogar nachdem es auf der Plattform unzählige Morddrohungen gegen Trump gegeben hat." Auf die Kontroverse folgten diverse weitere Diskussionen. In denen wurde einerseits etwa die Scheinheiligkeit angeprangert, mit der Trump-Fans sich über den Aufruf zu sexueller Gewalt beschwerten, der ja nie gestartet worden war; andererseits wurden die möglichen Gefahren beschworen, die von einer angeblich "gewaltbereiten Linken" ausgingen, die solch ein Verbrechen vermeintlich gutheißen würde. (In später veröffentlichten Textnachrichten gab Posobiec zu, dass er auf der Anti-Trump-Demo auch noch versucht hatte, einen Sprechchor mit dem Appell "Tötet Trump!" zu starten, in der Hoffnung, die Demonstranten würden einstimmen.) Dann realisierten viele, dass das alles nur ein Hoax gewesen war. Während das Bild des "Rape Melania"-Schildes die sozialen Medien noch überflutete, arbeiteten einige Aktivisten, Reporter und Wikipedia-Mitarbeiter an der Aufklärung des Hintergrundes und der Rolle Posobiecs. Diese Versuche wiederum lösten eine neue Schlacht aus Anschuldigungen aus, weil Posobiec etwa leugnete, mit den veröffentlichten Textnachrichten etwas zu tun zu haben, die angeblich die Planungen zu seinem Stunt zeigten (der Slogan "Fuck Melania" wurde darin als "zu subtil" verworfen); die Pro-Posobiec-Seite benutzte derweil die typische Trolltaktik, sich selbst zum Opfer zu erklären, indem sie Wikipedia-Usern Rufmord vorwarf.

In der ganzen Aufregung ging etwas unter: warum die Demonstranten sich überhaupt vorm Trump-Hotel versammelt hatten. Durch einen einzigen Akt der Irreführung wurden die Ziele und die Botschaft der Protestierenden sozialmedial zum Verschwinden gebracht.

Solche verdeckten Informationsoperationen sind effektiv, weil sie Teil einer größeren Strategie sind, die das Unsichtbare und Sichtbare kombiniert. Posobiecs "Rape Melania"-Schachzug war erfolgreich, weil er sich auf ein weitverzweigtes Netzwerk von Social-Media-Accounts stützen konnte, die für Trump waren und dabei halfen, dass das Foto viral ging – dies wurde dann noch verstärkt durch Medien, die in die Berichterstattung einstiegen, und die Funktionsweise des Trending-Topic-Algorithmus von Twitter. Diese Vorgehensweise unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen, die Russland, der IS oder beliebige andere Informationskrieger auf sozialen Medien anwenden.

Es mag so aussehen, als ob diese Schlachten niemals wirklich enden (was sich durch unsere Beschreibung des Vorfalls im Buch zeigt und sich fortsetzte, würden Sie als Leserinnen und Leser das hier Gelesene nun online posten). Doch diese Schlachten haben eindeutige Gewinner und Verlierer. An einem bestimmten Punkt – oft sehr schnell – ist das Hauptziel der Aktion erreicht. Es brauchte nur ein paar Sekunden Arbeit, und der Slogan "Rape Melania" war auf alle Zeiten mit einer Demo im kühlen November 2016 verbunden. Nach nur wenigen Wochen Vorbereitung durch Onlinehetze versank die Ukraine im Krieg. Und während die Zielscheiben dieser Desinformationskampagnen noch versuchten, sich aus ihrer schwierigen Lage zu befreien und zurückzuschlagen, planten ihre Gegner bereits die nächste Offensive. Diese Schlachten sind – ähnlich wie der zwischenzeitlich erstaunliche Onlinepropaganda-Output des IS oder die konstante Suche nach neuen viralen Hits im Netz durch Onlinemedien wie etwa Buzzfeed – letztlich alle Experimente, sowohl für die Akteure selbst als auch für die Welt an sich. Sie zeigen uns, was in kommenden Kriegen funktionieren könnte.

In dieser Art Krieg befinden sich westliche Demokratien deutlich im Nachteil. Die Ideen der Aufklärung haben diese Staatsform wesentlich geprägt, daher strebt sie nach Logik und Konstanz. Ihre Vorstellungen von Transparenz bedingen, dass Akteure in ihr der Allgemeinheit Rechenschaft schulden und dass sie verantwortlich handeln. Diese Eigenschaften haben die Demokratie erfolgreich gemacht, es hat Staaten mit dieser Herrschaftsform zwei Weltkriege gewinnen lassen und den Kalten Krieg der Supermächte im vergangenen Jahrhundert. Ein guter Troll jedoch befolgt ihre Regeln nicht. Sei es jemand wie Porobiec oder ein Reality-TV-Star, der zum Politiker wird, oder ein Staat, der eine auf der ganzen Welt funktionierende Strategie für einen Informationskrieg entwickelt hat.

Als die Ukraine die Schaffung einer "Internetarmee" aus Freiwilligen ankündigte, stellte die russische Propaganda das als Witz dar. Als Deutschland Pläne für die Errichtung eines "Abwehrzentrums gegen Falschmeldungen" bekannt gab, um die Streuung gezielter Gerüchte zu bekämpfen und den eigenen Bürgern einen kritischen Umgang mit russischen Quellen beizubringen, sagte ein RT-Moderator (nicht ganz zu Unrecht), das Zentrum erinnere an ein "Ministerium für Wahrheit". Als amerikanische Geheimdienste Beweise für russische Einflussversuche auf den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen 2016 vorlegten, um die amerikanische Öffentlichkeit über diesen Informationskrieg aufzuklären und Zustimmung für Gegenmaßnahmen zu gewinnen, wurde das rasch zur angeblichen Verschwörung eines "deep state" verdreht. Die prinzipielle Offenheit der westlichen Staaten ist zu einem Keil geworden, den man in und zwischen sie treiben kann.

Doch nicht alles sieht düster aus. Denn gerade diese Offenheit, sowohl von Demokratien als auch des Internets (das nur offene Demokratien erschaffen konnten), erweitert die Möglichkeiten des Kampfes selbst. Je verwirrender und nicht linearer Kriege werden, desto mehr Akteure wirken an ihnen mit.

Übersetzung: Dirk Peitz