ZEIT ONLINE: Was für Regeln wären das in Peking?

Hmaidi: Das wissen wir nicht. Vorstellbar wäre etwa, dass man Punkteabzug bekommt, wenn man Proteste besucht. In Peking sind Demonstrationen sehr ungern gesehen, das ist dort ein größeres Thema als in anderen Städten. Das ist aber nur eine Vermutung.

ZEIT ONLINE: Sesame Credit ist kein Regierungssystem, sondern gehört zu Alibaba. Das Unternehmen ist eine Art chinesischer Alleskonzern, es betreibt die gleichnamige Shoppingplattform, einen mobilen Bezahldienst namens Alipay und auch die Ebay-artige Plattform Taobao. Über all diese Portale hinweg bewertet Alibaba die Kundinnen und Kunden. Was hat die Firma davon?

Hmaidi: Sie setzt einen Anreiz, Alibaba-Plattformen zu benutzen. Zahle ich nicht mit dem Bezahldienst Alipay oder kaufe nichts auf Taobao, dann erhalte ich keine Punkte. Bin ich über einen längeren Zeitraum nicht auf Taobao aktiv, verringert sich mein Punktestand sogar.

ZEIT ONLINE: Immerhin hat das System einen Vorteil gegenüber den staatlichen – die Teilnahme daran ist freiwillig.

Hmaidi: Nun ja, es beruht auf einem Opt-out-Modell. Ich muss als Kundin schon explizit sagen, dass ich nicht bewertet werden will, sonst bin ich automatisch drin. Die Frage ist aber, ob man beim Opt-out nicht trotzdem einen Punktestand zugeordnet bekommt und den lediglich nicht angezeigt bekommt.

ZEIT ONLINE: Woher Alibaba die Daten hat, ist klar – von den Kundinnen und Kunden. Wie bezieht die chinesische Regierung ihre Daten?

Früher konnte man sich bei WeChat oder Weibo auch ohne Klarnamen anmelden, das geht jetzt nicht mehr.
Antonia Hmaidi

Hmaidi: Die bisherigen Pilotprojekte enthalten viele Informationen aus Quellen, die jetzt auch schon angezapft werden, etwa eine schwarze Liste des Obersten Gerichtshofs, eine öffentliche Schuldnerdatenbank, eine Art Schufa für Kredite von der chinesischen Volksbank. Diese Daten werden nun miteinander verbunden. Die chinesische Regierung arbeitet schon seit Jahren daran, dass einer Person all ihre digitalen Daten zugeordnet werden können. Früher konnte man sich bei WeChat oder Weibo auch ohne Klarnamen anmelden, das geht jetzt nicht mehr. Das Social-Credit-System ist nun ein weiterer Schritt in diese Richtung. Die Informationen werden an einem zentralen Ort gesammelt. Wie das technisch funktioniert, wissen wir leider nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Ausländerinnen oder Touristen? Muss ich mir Sorgen machen, dass die chinesische Regierung zukünftig mein Facebook-Profil scannt, bevor ich einreise?

Hmaidi: Nicht mehr als jetzt bereits. Die chinesische Regierung hat ein Interesse daran, dass mehr Touristen ins Land kommen, daher dürfte das kaum Folgen haben. Sorgen sollte man sich eher machen, wenn man chinesische Onlinedienste wie WeChat Pay verwendet oder dort eine SIM-Karte fürs Smartphone kauft. In beiden Fällen muss man seinen Pass vorzeigen, der dann in einer Datenbank der Regierung hochgeladen wird.