ZEIT ONLINE: Die Social-Credit-Pläne klingen nach technisch höchst ausgefeilten, maschinell betriebenen Supersystemen. In Ihrem Vortrag beim CCC-Treffen haben Sie aber gesagt, dass immer noch Menschen in die Prozesse involviert sind. An welcher Stelle sind sie das? Und wie passt das zusammen? 

Hmaidi: Dass die chinesische Regierung ein Big-Data-System baut, das automatisiert Entscheidungen trifft, ist ein großes Missverständnis. Natürlich werden da Milliarden an Informationen gesammelt, aber die werden mehrheitlich nicht mit Machine Learning oder neuronalen Netzwerken ausgewertet. Im Rongcheng-System tun das immer noch Menschen, sie geben Daten dann an eine höhere Instanz weiter. Übrigens ist das ein großes Problem, weil die Anreize falsch gesetzt werden.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hmaidi: Die Anreizstrukturen werden in China nicht immer durchdacht. Das ist wie einst mit den Parteikadern, die befördert wurden, wenn sie hohe Wachstumszahlen in ihren Gebieten vorweisen konnten: Die fälschten damals die Zahlen oder sparten am Umweltschutz, damit sie bessere Chancen auf eine höhere Position hatten. Beim Social-Credit-System ist die Frage, wie die Menschen an den Schnittstellen entscheiden. Ich halte es für wahrscheinlich, dass sie Personen besser bewerten, die ihnen nahestehen, und andere schlechter, die ihnen nicht so nahestehen. 

Es gibt noch kein finales Social-Credit-System, es könnte auch eine völlig abgespeckte Version kommen. Das wird an vielen Stellen falsch dargestellt.
Antonia Hmaidi

ZEIT ONLINE: 2020 soll dann tatsächlich ein einheitliches landesweites Social-Credit-System eingeführt werden. Worauf müssen sich die chinesischen Bürgerinnen und Bürger wirklich einstellen?

Hmaidi: Das kann man nicht sicher sagen. Derzeit ist die Panikmache im Westen übertrieben, weil wir noch so wenig wissen. Es gibt noch kein finales Social-Credit-System, es könnte auch eine völlig abgespeckte Version kommen. Das wird an vielen Stellen falsch dargestellt. China ist kein homogenes Land. Die chinesische Regierung hat viele Freiheiten, und die nutzt sie auch aus. Aber es ist nicht so, dass sie alles durchdrücken kann. Das ist auch Verhandlungssache.

ZEIT ONLINE: Was lernen wir im Westen daraus? Geht China einen Sonderweg? Oder drohen uns im Westen auch Diskussionen über die Messbarkeit des Bürgers?

Hmaidi: Da bin ich wahrscheinlich nicht die beste Ansprechpartnerin. Und diese Diskussionen führen wir ja im Westen auch schon. Der große Unterschied ist tatsächlich, dass diese Bemühungen im Westen bisher hauptsächlich von Privatfirmen ausgehen, während sie in China von der Regierung gesteuert werden.