ZEIT ONLINE: Versuchen wir es noch mal anders. Im Gesetz heißt es, YouTube müsse Urheberrechtsverletzungen "nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards" verhindern. Wie soll das ohne Uploadfilter gehen?

Voss: In einer früheren Version des Gesetzestextes haben wir diese Formulierung nicht verwendet. Da haben wir klipp und klar gesagt: Wird öffentlich ein urheberrechtlich geschütztes Werk wiedergegeben, an dem eine Plattform keine Rechte besitzt, dann haftet sie. Ohne Hintertür. Zack, aus, vorbei. Es ist verrückt, dass jeder denkt: Oh, das arme YouTube wird jetzt gezwungen, seine Content ID (ein Uploadfilter von YouTube, Anm. d. Red.) strenger einzustellen. Der Betreiber eines Kernkraftwerkes haftet doch auch, wenn etwas passiert, selbst wenn er sich anstrengt, dass es nicht zu einem Unfall kommt.

ZEIT ONLINE: Aber so steht es jetzt im Text. Verstehen Sie die Sorge der Menschen, dass man Plattformen durch die Uploadfilter noch mehr Macht gibt?

Voss: YouTube kann doch jetzt schon entscheiden, was jemand hochladen darf oder nicht. Sie haben die Macht ohnehin. Sehen Sie sich doch nur die Diskussion an, die im Moment stattfindet. Es wird für einen Gesetzgeber immer schwieriger, etwas gegen die Plattformen zu unternehmen.

ZEIT ONLINE: Naja. Die EU hat die Datenschutzgrundverordnung durchgesetzt, seit Januar 2018 gibt es in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Das sind beides Gesetze, die sich die Plattformen nicht gewünscht haben.

Voss: Aber haben die Plattformen dadurch tatsächlich Schwierigkeiten? Haben sie eigentlich nicht.

ZEIT ONLINE: Das ist doch nicht der Punkt. Sie haben gerade argumentiert, dass Gesetzgebung nicht mehr möglich ist in Zeiten des Einflusses großer Plattformen.

Voss: Die Plattformen haben eine Machtfülle, gegen die eine demokratische Gesetzgebung in ihrer Heterogenität nicht mehr ankommt. YouTube hat mit Informationen Druck auf YouTuber ausgeübt, die ihren vier bis fünf Millionen Followern all den gleichen Mist erzählt haben, den YouTube den YouTubern erzählt hat: Die böse EU macht das Internet kaputt.

ZEIT ONLINE: Die Proteste gegen die Reform gingen schon vor YouTubes Intervention los. Netzaktivisten stellen sich schon dagegen, seit Günther Oettinger die Reform 2016 angestoßen hat.

Voss: Ich habe das damals ja gar nicht verfolgt, da ich auch noch nicht der Berichterstatter war. Ich hatte mit anderen Dingen zu tun. Aber wenn ich an den Sommer vergangenen Jahres zurückdenke, als im EU-Parlament darüber abgestimmt wurde, da ging es nur noch um Uploadfilter und Zensurmaschinen.

ZEIT ONLINE: Aber Sie haben auch hier im Parlament Menschen sitzen, die diese Reform ablehnen. Julia Reda von der Piratenpartei zum Beispiel. Das sind doch nicht nur YouTuber.

Voss: Die Informationen, die Julia Reda rausgibt, haben mit den Informationen, die ich Ihnen hier erzähle, nichts zu tun. Sie erzählt ja auch, dass Tinder unter Artikel 13 falle, und das stimmt nicht. Und glauben Sie tatsächlich, dass YouTube wegen dieser Reform eingestellt wird? Glauben Sie, dass es keine YouTuber mehr geben wird? Uploadfilter gibt es doch schon.

ZEIT ONLINE: Die Kritiker sagen, Uploadfilter seien fehleranfällig. Können Sie ihnen diese Sorge nehmen?

Voss: Vorrangig geht es um Haftung und nicht um Uploadfilter. Ich finde, man kann YouTube ruhig etwas mehr fordern.

ZEIT ONLINE: Wenn Uploadfilter gar nicht so schlimm sind, wie Sie gerade argumentieren, warum hat sich Ihre Partei in Deutschland auf eine Pauschallizenz geeinigt, die Uploadfilter verhindern soll?

Voss: Weil auch die Internetpolitiker glauben, dass das ganze Internet zusammenbricht und das arme YouTube nicht mehr funktioniert. Und die haben sich eben lautstark geäußert.

ZEIT ONLINE: Finden Sie, dass Ihre Partei Ihnen in den Rücken gefallen ist?

Voss: Nein. Das Urheberrecht ist komplex, mit verschiedenen Rechten und Ausnahmen versehen. Ich kann schon verstehen, dass sich keiner detailliert damit beschäftigt. Was ich nicht verstehe, ist, warum man sich dann äußert. Man sollte sich schon die Mühe machen, sich mit dem Gesamtkonstrukt auseinanderzusetzen. Dann würde man erkennen: So schlimm ist das alles nicht.