Der Filmemacher und Autor John Kantara arbeitet in Berlin. In den Neunzigern war er längere Zeit auch für DIE ZEIT tätig. © Meiko Hermann für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Und eben auch Rechte haben. 

Joshua: Natürlich! Und das ist ein Problem: In der Diskussion um Artikel 13 wird immer von "den Urhebern" oder "wir als Urheber" geredet. Aber wir YouTuber sind doch auch Urheber. Oder haben wir etwa keine Rechte an unseren Werken? Wir machen uns auch ordentlich Gedanken darüber, wie es weitergeht auf "unserer Plattform". 

ZEIT ONLINE: John, inwiefern würdest du als Filmemacher von der Reform profitieren? 

John: Von Artikel 13? Im Grunde versucht die Novelle ja, zu regeln, wie man Urheber entschädigen kann. Zum Beispiel über Lizenzgebühren. So funktioniert die Gema, so funktionieren Musikverlage: Ich als Urheber erhalte Geld für die Nutzung der Werke. Warum soll das bei YouTube und Facebook nicht gehen? Natürlich geht das. Das funktioniert, das haben wir schon seit Jahrzehnten. 

Joshua: Im Fernsehen. 

John: Ja. Und ich sehe nicht ein, warum das im Internet und auf diesen Plattformen nicht gehen sollte. 

Joshua: So einfach, wie du dir das vorstellst, ist das nicht. Ich habe mir mal ein paar Zahlen aufgeschrieben: YouTube hat monatlich 1,9 Milliarden aktive Nutzer, das musst du dir mal vorstellen. Es ist die zweitgrößte Suchmaschine der Erde, jede Minute werden 400 Stunden Videomaterial hochgeladen und jeden Tag werden mehr als eine Milliarde Stunden an YouTube-Videos angesehen (Quelle: Brandwatch, Anm. d. Red.). Jetzt frag dich noch mal: Was ist der Unterschied zum Fernsehen? Es gibt viel mehr Urheber! Durch den Artikel 13 wird YouTube so unter Druck gesetzt, dass sie ihre Uploadfilter schärfer einstellen müssen. Sie meinen, dass sie all diese Videos, die hochgeladen werden, sonst nicht bewältigen können. Schon jetzt gibt es zahlreiche Beispiele dafür, was passiert, wenn irgendwelche Demonetarisierungen stattfinden. 

ZEIT ONLINE: Demonetarisierung heißt, dass YouTube Videos als werbeunfreundlich kennzeichnet und die Uploader kein Geld damit verdienen können. Das hat aber erst einmal gar nicht so viel mit Artikel 13 zu tun. 

Joshua: Vielleicht nicht, aber YouTube löscht schon jetzt mit einer Art Uploadfilter (Anm. d. Red.: Er meint speziell Content ID.) Videos und teilweise ganze Kanäle. Für manche Leute ist das deren Lebensexistenz. Da wird die Arbeit von YouTubern vernichtet, die damit genauso ihre Familien ernähren, wie du es gerade beschrieben hast, Dad. Ein anderes Beispiel: Ein YouTuber hat einen Song gecovert. Ohne Musik, ohne Instrumente, ohne Text. Das Video bestand einzig und allein daraus, dass jemand den Rhythmus dieses Songs mit der Hand auf ein Stück Lasagne geklopft hat. Und dafür hat YouTubes Algorithmus ihn verwarnt und das Video gelöscht. Auch wenn man sich über den intellektuellen Gehalt streiten kann: Das kann doch nicht sein! 

John: Ob die YouTube-Algorithmen irgendwas machen, das ist nicht mein Problem. 

Joshua: Aber das ist unser Problem! 

John: Aber sie wollen auch meine Rechte verwenden! Wenn sie das tun wollen, müssen sie mit mir reden. 

ZEIT ONLINE: Wie oft führt ihr dieses Gespräch? 

Joshua: Ich habe diese Argumentation bestimmt schon 50-mal gehört, er meine wahrscheinlich auch so oft. 

John: Ja, das kommt hin. Ich würde aber jetzt gerne mal über YouTube und Facebook reden. Mit denen habe ich auch noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich glaube nämlich, dass die die Jugendlichen schön anstacheln, auf die Straße zu gehen. Die haben erst mal dafür gesorgt, dass wir Eltern am Küchentisch damit konfrontiert werden. Und die Kinder sagen: YouTube wird abgeschafft. 

Joshua: Dafür hat nicht YouTube gesorgt, sondern die Sprache der Leute, die den Gesetzestext und besonders Artikel 13 verfasst haben. Wir werden überhaupt nicht angesprochen in irgendeiner Weise. Warum ist man da nicht mehr auf uns zugegangen? So hätte man viele Probleme präventiv lösen können. 

YouTuber Joshua Kantara zu Hause an seinem Schnittplatz © Meiko Hermann für ZEIT ONLINE

John: Die Einzigen, die wirklich etwas von einem Scheitern dieser Reform haben, sind die YouTubes und Facebooks, die Milliarden mit anderer Leute Inhalten verdienen. Und YouTube hat es geschafft, die jugendlichen Nutzer auf seine Seite zu ziehen.  

ZEIT ONLINE: Stimmt das, Josh? 

Joshua: Ganz falsch finde ich das nicht. Auch wenn ich mich da gerne rausnehmen würde, ich habe wirklich viel zu dem Thema recherchiert. Aber natürlich: YouTube als Konzern hat Angst vor der Reform, weil es den Content extrem einschränken würde. Es ist aber auch so: Viele Leute, die gegen den Artikel 13 sind, stört, dass nichts genau geklärt ist. Es ist zum Beispiel schon jetzt nicht transparent, warum Content ID von YouTube ein Video blockiert. Schon allein wegen der Masse an Daten, die hochgeladen wird, kann keiner mehr diesen Uploadfilter kontrollieren, den YouTube da im Einsatz hat. 

ZEIT ONLINE: Was ist deine Sorge? Dass die Plattformen noch mächtiger werden durch die Uploadfilter? 

Joshua: Ja. Ich muss als Nutzer einfach immer Angst haben, wenn ich ein Video hochlade. Weil ich keine Ahnung habe, was genau die Richtlinien sind und in welcher Hinsicht ich aufpassen muss. Darf ich jetzt sechs Sekunden lang das Video eines Kumpels einblenden – der aus Versehen urheberrechtlich geschützte Musik im Hintergrund spielt? Mein erstes Video zum Beispiel – da wurde mir einfach der Sound rausgenommen. Keine Ahnung, was da passiert ist, denn ich weiß ganz genau, dass ich Musik aus der YouTube Library benutzt habe. Das ist super intransparent. So kann es meiner Meinung nach nicht weitergehen.